Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
The Unwinding Hours & Instrument
Interpret:
The Unwinding Hours
Datum:
06.04.2010
Lokation:
Werkstatt, Köln
Autor:
Jan Nicolai Kolorz
Köln, 19.04.2010
Die laue Abendluft im Kölner Lenz sollte eigentlich zu einem gediegenen Besuch im Biergarten beflügeln, anstatt sich den bekanntlich leopardenpuffgleichen Klimabedingungen in der Ehrenfelder Werkstatt herzugeben. Der Berg kam jedoch zum Propheten. Bis zum letzten Augenblick machten es sich die Besucher des ausverkauften Konzerts der ehemaligen Aerogramme-Masterminds auf dem Parkplatz gemütlich, mit Bier und allem was dazu gehört, um bloß noch den letzten herrlichen Duft des gut gemeinten Wetters genießen zu können. The Unwinding Hours gab es drinnen, den Rest draußen. Kaum war jedoch der erste tiefe Ton der Münchener Supportband Instrument angespielt, füllte sich die Werkstatt mit netten Hörern.
Die Band, die laut eigener Ansage „leise anfangen und laut aufhören“ wollte, meinte hiermit wohl eher die Struktur jedes einzelnen Songs, als des gesamten Sets. Was zwischenzeitlich sehr an Archive und pg.lost erinnerte, entwickelte sich zu einem soliden, und trotz vorhersehbarer Songkonzepte interessanten Opener. Die ehemals unter dem Namen Comic Casino bekannten Instrument bliesen mit scheppernden Kyuss-Bässen und metallernen Gitarrenwänden die Gehörgänge des sonst relativ verhaltenen Publikums frei. Die kluge Kombination des Quartetts aus technisch versiertem Songwriting und hohem dynamischen Output boten ihren schottischen Headlinern einen guten Nährboden. Auch das gelungene Tiefdruckgewittergebiet der beiden Gitarristen konnte den herrlichen Böen draußen vor der stickigen Location nichts anhaben. Nachdem der letzte Ton verklang, strömten die Scharen vor die Tür, schnappten Luft und Kioskbier und ließen The Unwinding Hours auf sich warten.
Pünktlich um 22.00 Uhr kamen nun Ian Cook und Craig B, die beiden Rudimente der vor knapp drei Jahren aufgelösten Post-Rocker Aerogramme, auf die Bühne. Sympathisch, adrett und für Schotten verhältnismäßig nüchtern - im doppelten Wortsinn. Mit ihrer Setlist machten sie ihrem Namen alle Ehre. (Achtung, es folgt inflationäre Uhrmetaphorik!) Begonnen wurde, gegen den Uhrzeigersinn, mit dem letzten Stück der Platte „The Final Hour“. Final Hour? Dabei ging es doch gerade erst los. Dass die letzte Stunde noch lange nicht geschlagen hatte, sondern gerade erst begann, begründete die Band mit einem Zeigerschlag voll auf die Zwölf. Der herrliche Song, der sich neben die anderen ultradynamischen Balladen nahtlos einreihte, tat seiner Funktion als tadelloser Wecker wie geheißen: kaum hörte man einen Schweißtropfen in der warmen Werkstatt auf den Boden fallen, zerschossen die Schotten im Sekundentakt ihre Verstärker, dass dem Rezensenten glatt das Bier aus der Hand gefallen ist. Nachdem spätestens jetzt alle wach waren, schoben die bärtigen Herren mit „Tightrope“ eine Nummer für schmusige Softies hinterher, die leider an viel zu stark ausgepegelten Streichern (aus der Tube) litt und der lupenreine Tenor Craig Bs im Klangmatsch erstickte. „We're a bit out of practice“, hieß es nach kleineren handwerklichen Ausrutschern.
Einzelne Verspieler häuften sich jedoch bis hin zu „Peaceful Liquid Shell“, als man nicht so recht in den, zugegeben, vertrackten Beat reinkommen wollte. Doch kann man es dem sympathischen Frontmann und seiner Band übel nehmen, die ein Jahrzehnt feinsten Post-Rock mit hoher Konsistenz und Kontinuität in unsere Boxen und Clubs gebracht hat? Nein. Obwohl mit einer weiteren Low-Tempo-Schlaftablette wie „Little One“ wenig getan wurde, um seine müden Beine, zumindest den Kopf in Bewegung gebracht zu haben. Dafür wäre es eh viel zu heiß gewesen. Der womöglich stärkste Song der Platte, „Knut“, ertönte kurz vor Schluss, was live als dramaturgischer Meisterkniff bewertet, auf Platte als zu früh verschossenes Pulver geahndet werden sollte. Zahlreiche textuelle Schichten verengen sich in diesem majestätischen Song zu einem leise lärmenden Tumult. Auf der Platte hört man diesen Opener und sagt sich: „Aha. Gut. Und jetzt?“. Live hinterlassen The Unwinding Hours, nach einer guten Stunde leicht überdurchschnittlichen Konzerts mit dieser Nummer einen zufriedenen und nachhaltigen Eindruck. Auch Aerogramme-Patrioten konnten sich in der kurzen Zugabe auf Songs der Ex-Band freuen und anschließend ihr wohlverdientes Post-Post-Rock-Bier unter warmweicher Luft genießen.