Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
The National
Interpret:
The National
Datum:
17.11.2010
Lokation:
E-Werk, Köln
Autor:
Michael Weber
Köln, 22.11.2010
Die Bühne ist in Violett getaucht, als The National diese betreten. In einem „High Violet“, um ganz genau zu sein. Ein Jubelmeer geht durch das E-Werk, während sich The National noch kurz sortieren, sich an ihre Instrumente begeben und dann mit ihrem fantastischen „Runaway“ ganz ruhig beginnen. Sie werden aber nicht weglaufen. Sie werden für fast ein-dreiviertel-Stunden auf der Bühne stehen und ein einmaliges Konzert halten, das allen Anwesenden in der ausverkauften Halle wie ein warmer Sommerregen noch tief in Erinnerung bleiben wird.
Ihrem Image, Gentlemen zu sein, kommen sie auch live vollends nach. Obwohl gesagt werden muss, dass sich die Brüder Dessner und Devendorf lässiger kleiden als ihr manischer Sänger Matt Berninger. Er steht auch in Köln mit Jacket, Hemd und Weste, bereit zu einem hochoffiziellen Anlass zu erscheinen, rausgeputzt auf der Bühne. Ein fantastischer Anblick. Und während ich meinen Blick durch das Publikum wandern lasse, fallen sie mir auf, Konzertgänger, die mit einem in die Hose gesteckten Hemd und hochgekrempelten Ärmeln in der Menge wie ein Abbild Berningers stehen. Doch bestand das Publikum nicht nur aus Stilnachfolgern. Es war ein sehr durchmischter Abend, der vom kleinen Indie-Mädchen in den ersten Reihen, über den Hipster bis hin zu Bankern und gesetzteren Konzertgängern im mittleren Alter reichte.
Entgegen der Äußerung Pitchforks, dass The National eine mürrische Band wäre, verhielten sich die Mitglieder samt ihrer Live-Musiker an Bläsern, Gitarren und Keyboards alles andere als das. Stets waren sie zu kleinen Anmoderationen ihrer Songs bereit. Machten Witze über sich und ihre Songs und suchten den Kontakt zum Publikum. Sobald ihre Lieder aber wieder erklangen, waren sie in ihrem Element eine der wichtigsten Adult-Rock-Bands unserer Zeit zu sein, die begnadete Songs über Heimat, Suche, Liebe, Sehnsucht und Aufrichtigkeit zu schreiben vermag. Das Mürrische tritt da immer in Erscheinung, wenn die Melodien schmerzlich erklingen und Berninger seine charmante Stimme erhebt. Sie schaffen es, einen roten Faden der melancholischen Bitterkeiten durch all ihre Stücke zu ziehen. Dass einige aus dem Publikum da stellenweise wie auf einem U2-Konzert begannen auf allen Zählzeiten zu klatschen, mag nicht unbedingt jedem geschmeckt und der Stimmung gut getan haben, The National wissen aber auch, wie angeheizt wird. Besonders dann, wenn sie deprimierende Stücke wie „Afraid Of Everyone“ spielen.
Generell lieferten sie eine überwältigende Show ab, deren Inhalt der unterschiedlichsten Schaffensphasen besser nicht hätte durchmischt werden können. Ausgewogen spielten sie Lieder ihrer bisher fünf erschienen Alben. So wurde deutlich, wie sie sich über all die Jahre von härteren Klängen hin zu den niedergeschlagenen Begehren verändert haben. Dazu wurde die Bühne in die unterschiedlichsten monochronen Farben getränkt und die Videoinstallation zeigte kleine Ausschnitte der Band, die durch Minikameras an den Mikrophonständern eingefangen wurden.
Nach etwas mehr als einer Stunde und Songs wie „Terrible Love“, „Mistaken For Strangers“, „England“ oder „Brainy“ stürzte sich Berninger ins Publikum und sang von nur jeder erdenklichen Ecke im Saal aus. Begeisterung und Gänsehaut machte sich breit. Wieder auf der Bühne, richtete er sich schnell zurecht und stimmte mit seinen perfekt aufeinander abgestimmten Mannen den letzten Song vor der Zugabe an. Diese sollte noch eine knappe halbe Stunde andauern. Selbstverständlich durfte dabei auch das seit längerem vom Publikum geforderte „Fake Empire“ nicht fehlen. Einzig „Gospel“ und „Lemonworld“ wurden brennend vermisst. Den wundervollen Abgang machten sie jedoch mit mit dem zarten „Vanderlyle Crybaby Geeks“. Nur mit unverstärkten Akustikgitarren, keinem Mikrophon und einem ganz zögerlich spielenden Schlagzeug standen sie am Bühnenrand und sangen gemeinsam mit dem Publikum. Die Augen werden geschlossen, es wird sich seicht im Takt gewogen und dann ist es wieder da, das „High Violet“.