Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
The National
Interpret:
The National
Datum:
09.05.2010
Lokation:
Berlin, Astra Kulturhaus
Autor:
Sebastian Golla
Münster, 17.05.2010
Zwischen den graffitibemalten Wänden hinter dem S-Bahnhof Warschauer Straße bildet sich im goldenen Abendlicht eine Schlange vor dem Eingang zum Astra Kulturhaus. Auch das zweite Berlin-Konzert von The National ist ausverkauft, denn das Quintett aus Ohio ist die Indierock-Band der Stunde. Die Pforten werden geöffnet und das gepflegte Parkett im Inneren der Halle auf dem alten Bahngelände füllt sich mit ungeduldigen Beinpaaren. Die Vorgruppe ist ein Duo namens Buke and Gass. Die Sängerin hat eine schrille Stimme und sprichwörtlich Hummeln im Hintern. Trotzdem werden die Songs schnell langweilig und schließlich vom Publikum nur noch höflich ertragen.
The National betreten die Bühne, empfangen mit begeistertem Jubel. Dem aktuellen Hype zum Trotz sind die Zuschauer gut mit dem älteren Material der Band vertraut. Von „Mistaken For Strangers“ bis „About Today“ werden die Stücke beklatscht, mit denen sie sich seit 2005 eine beständig wachsende Fangemeinde erarbeitet hat. Dass zuletzt selbst die Bild-Zeitung das Phänomen The National entdeckte und als eine Mischung aus Coldplay und Snow Patrol beschrieb, wird amüsiert kommentiert. Obwohl diese Sternstunde des Musikjournalismus möglicherweise an Frontmann Matt Berninger vorbeigegangen ist, beweist auch er im Laufe der Show einige Male einen feinen Sinn für Humor.
Eine der wenigen Pausen zwischen den Songs nutzt der Berufsmelancholiker in der dunklen Weste, um über seine geerbte Playboy-Sammlung zu scherzen. Nach dem erheiterten Gelächter taucht der Saal wieder in konzentrierten Klang ein. Die Band musiziert im violetten Licht, gibt ihr neues Album im Laufe des Abends vollständig zum Besten. Besonders schön: Das getragene „Vanderlylle Crybaby Geeks“, bei dem Berningers tiefe Stimme den ganzen Raum füllt. Auch „Conversation 16“ markiert einen Höhepunkt, obwohl der Sänger den Text vergisst. Das Publikum bleibt davon unbeirrt: Mein Nebenmann verpasst den Einsatz nicht und singt laut „It's a Hollywood summer“ als die Band verstummt und neu ansetzen muss. Dem allgemeinen Schmunzeln folgt ermutigender Applaus. Bemerkenswert, wie geläufig das Material von „High Violet“ dem Publikum zwei Tage nach der Veröffentlichung des Albums bereits ist.
Es folgen weitere grandiose Interpretationen, bei denen Violine, Posaune und Trompete die Rockband flankieren: „All The Wine“, „Green Gloves“, „Fake Empire“. Am Anfang faltet Berninger seine Hände noch um das Mikrofon und hält die Augen geschlossen. Später wirbelt er über die Bühne, verschüttet seinen Drink und besudelt seine Weste. Bei „Mr. November“ erreicht der energische Auftritt des Sängers seinen Höhepunkt als er vom Bühnenrand im weißen Licht nach den Händen der Zuschauer greift. Er steigt herab und bahnt sich einen Weg durch den Saal, inbrünstig singend: „I used to be carried in the arms of cheerleaders“.
Es ist eine feierliche Stimmung, in der The National ihr fast zweistündiges Konzert beenden. Nach der fünften Zugabe verlassen die Bandmitglieder nach und nach die Bühne. Das Publikum strömt zufrieden in eine laue Frühlingsnacht.
Video: „Bloodbuzz Ohio"
The National - "Bloodbuzz Ohio" (official video) from The National on Vimeo.