Konzertbericht - Marissa Nadler
Eine Kirche ist schon eine besondere Konzert-Location. Tun wir mal einen Moment lang so, als hätten wir davon vorher nicht den leisesten Schimmer gehabt und staunen über die hohe Decke und die gigantische Orgel, die sich vor einem auftürmt wie ein Koloss in einer geheimnisvollen Höhle. Man denkt an Arcade Fire und ihre „Neon Bible“, die genauso opulent auch hier in der Pauluskirche hätte ins Leben gerufen werden können. Es wäre unfair, diesen Gedanken weiter zu verfolgen, geht es doch hier und heute um die Todes-Balladen von Marissa Nadler, die sich in abenteuerliche Gewänder gekleidet schon vorab im Eingangsbereich aufhält und für tuschelnde Münder sorgt. Allerdings bestätigen sich beim Platznehmen in der heiligen Halle erste Vermutungen: Etwa die Hälfte der zahlenden Zuschauer sind leicht als Teil der Gemeinde auszumachen, blondierte Dauerwellen und ergraute Schickeria verraten die Nicht-Fans auf der Stelle.
Ein schlaksiger Pianist, der sich in aller Ruhe als Hauschka vorstellt, setzt das erste Ausrufezeichen für einen besinnlichen Konzertabend. Hypnotisch verzaubernde Klänge aus dem mittig platzierten Flügel, die ganz ohne gesangliche Hilfe auskommen, finden ihren Weg zur erstaunt zuhörenden Menschenschar auf den Kirchenbänken. Ein riesiger Schatten prangt über der realen Szenerie und verleiht den um Konzentration bettelnden Stücken einen erhabenen Anstrich. Hauschka ist gleichzeitig bierernster Prog-Pianist und augenzwinkernder Zauberkünstler: Immer wieder legt er Gegenstände in sein Instrument und erzeugt Gerusche, die sich nahtlos in sein filigranes Spiel einfüren. Dass er damit auf dem Experimental-Label Fat Cat (Sigur Rós, Múm) ein Zuhause gefunden hat, verwundert wenig. Seine Songs entfachen einen Sog, der in Mark und Bein wildert und dabei Zeiten vergessen lässt. Lediglich die im Gottesdienst rekrutierten Zuschauer scheint es vor Ungeduld kaum noch auf den Sitzen zu halten, zum Glück werden die zahlreichen Gespräche von der melodischen Gewalt des Flügels übertönt.
Marissa Nadler hat es von Anfang an nicht leicht. Allein steht sie auf der Bühne, lediglich ihre Akustikgitarre und drei unterschiedlich eingestellte Mikrofone begleiten ihre zarte Stimme. Die Kirche scheint nicht der passende Ort für ihre zerbrechlichen Songs zu sein, der große Resonanz-Raum wird kaum ausgenutzt. Stattdessen hat sie mit Problemen zu kämpfen: Oft ist die Gitarre zu leise und verschwindet beinahe im Hall des Mikrofons, „Mexican Summer“ gerät so zum unscheinbaren Sound-Brei und rettet sich nur durch die konservierte Version im Hinterkopf vor dem Daumen nach unten. Wenigstens das strahlende „Silvia“ kann eindrucksvoll zeigen, welch großartige Songwriterin hier auf der Bühne steht. Marissa Nadler gibt viele Songs aus ihrem letzten Album „Songs III: Bird On The Water“ zum Besten, auch „Bird On Your Grave“ kann sich von der anfänglichen Enttäuschung lösen. In einer Art Cover-Medley spannt sie dann den Bogen von Bruce Springsteen zu Townes Van Zandt, ohne dass dabei der Song aus den Fugen gerät. Mit viel Charme hat sie sich spätestens jetzt die volle Aufmerksamkeit des Publikums zurückgeholt. Doch nach gerade einmal 30 Minuten verlässt die Sängerin das Rampenlicht, um dann in Form einer einzigen Zugabe zurückzukehren. Da wäre mehr drin gewesen. Zum Glück gibt es ja noch ihre Platten.