Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
Múm
Interpret:
Múm
Datum:
07.09.2009
Lokation:
Gebäude 9, Köln
Autor:
Michael Weber
Köln, 14.09.2009
Abgefahren. Alle Jahre wieder machen sich von dem im Atlantik etwas abschüssig gelegenen Island kleine Delegationen an hochkarätigen Populärmusik-Ensembles auf, um die nach der Ferne dürstenden Herzen Europas höher schlagen zu lassen. Zu dauerhaften Kulturbotschaftern sind da auch mittlerweile Múm geworden, die nun zum wiederholten Male das Gebäude 9 bespielten. Es müsste auch mittlerweile das dritte oder vierte Mal innerhalb von fünf Jahren sein, in der die personell nie stillstehende Band Halt in Köln Deutz macht.
Ein Múm Konzert im Gebäude 9 mag zwar eher selten gänzlich ausverkauft sein, dennoch sind ihre Konzerte dort immer sehr gut besucht. Es erweckt aber immer den Eindruck eines Heimspiels, wenn Örvar Þóreyjarson Smárason, Gunnar Örn Tynes und ihre Musiker die Bühne betreten. Dieses Mal sollte dieses heimliche Heimspiel im fast eigenem Wohnzimmer sogar mit neuem Label im Rücken bestritten werden. Um ehrlich zu sein: Ich konnte mir Múm niemals auf einem anderen Label als FatCat vorstellen, doch der Wechsel zu Morr Music hätte nicht besser gelingen können. „Singalong To Songs You Don't Know“, das aktuelle Album der Band, passt einfach wie die Faust aufs Auge zu der klickenden Charmegranate von einem Label. Doch bevor das fast ausverkaufte Gebäude zu den neuen Songs tanzen durfte, betrat Benni Hemm Hemm in einer ungewohnt kleinen Besetzung die Bühne.
Zu dritt stand er mit seiner Band, die sich lediglich auf zwei Gitarren und eine Trompete beschränkte, da und tat alles andere als das Publikum in Feierlaune zu versetzen. Dass dies allerdings als Vorband von Múm nicht immer der Fall sein muss, bewies die ruhige, ja dankbare Atmosphäre im Publikum. Sehr still und gebannt lauschte man den sachte vorgetragenen Folk-Songs der Isländer, die genau die richtige Portion an isländischer Vorfreude verbreiteten. Es war wie ein kurzes In-Sich-Kehren, ein letzter Moment der Ruhe. Benni Hemm Hemm bot ein wirkliches Kontrastprogramm zu den Haupt-Akteuren des Abends. Dennoch waren ihre baladesk-träumenden Songs überhaupt nicht fehl am Platze.
Nach kurzer Umbaupause stehen Múm dann auf der Bühne. Zu siebt, wie taktisch aufgestellt, jeder an seinem Platz, die Instrumente um sich herum gestapelt und gewillt, das Publikum zu Songs singen zu lassen, die es (nicht) kennt. So tanzte man zu den neuen Songs und feierte euphorisch in den ersten Reihen. Múm, die nun fünf Alben im Gepäck haben, beschränkten ihren zuckersüßen Indietronic jedoch primär auf die letzten beiden Alben, als zu sehr ältere Bestände zu spielen. So fanden sich Hits des letzten Albums, „Go Go Smear The Poison Ivy“ neben denen des gerade erschienen „Singalong...“. Mit dem neuen Album stand im Vorfeld auch fest, dass die Isländer ein Album aufgenommen haben, dass erstmalig ihre Live-Qualitäten präsentiert, so organisch wie es klingt. Allerdings hatten Múm niemals Probleme, irgendeinen Song ihres Repertoires live nicht überzeugend spielen zu können. Das vertrackte, rhythmische Chaos, die geschichteten Melodien und Harmonien beherrschen sie mit Ausnahme kleinerer Unstimmigkeiten einfach perfekt.
Und jene Unstimmigkeiten seien ihnen verzeihen, denn ein Múm Konzert ist auch immer ganz viel kalkulierte Improvisation. Sie sind einfach echt, ja authentisch, wenn sie übermütig und voller Elan in ihre Harmonikas und Bläser blasen, die Sampler und Sequenzer malträtieren, das Schlagzeug rollen lassen, die Saiteninstrumente verspielt schichten und ihre herzlichen Texte euphorisch singen. Obwohl sich die Besetzung dieser Band ständig wechselt, vermisst man zwei Gründungsmitglieder allerdings nicht mehr. Die Schwestern Valtýsdóttir sind mittlerweile durch Hildur Guðnadóttir (Lost In Hildurness) und Sigurlaug Gísladóttir (Mr. Silla & Mongoose) mehr als gleichwertig ersetzt. Múm ist nicht mehr so süß, dafür aber ausgelassener. Denn unter Bassdröhnen des Song-Highlights „Green Gras Of Tunnel“ verabschiedet man sich tanzend, mitgerissen statt verträumt. Wenn mich jemand fragen sollte, wie ein Múm-Konzert ist und einzige Bedingung meiner Antwort ist, dass sie aus einem Wort bestehen soll, ich würde „abgefahren“ sagen. Abgefahren.