Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
Kele
Interpret:
Kele
Datum:
30.11.2010
Lokation:
Bürgerhaus Stollwerck, Köln
Autor:
Ingo Reiff
Köln, 06.12.2010
Die Atmosphäre während des Auftritts von Simone Ogunbunmi a.k.a. Mama, der Anheizerin für Kele, lässt nichts Gutes für dessen Konzert erahnen. Ein durchgefrorenes, heterogenes Publikum steht im nicht ausverkauften großen Saal des Bürgerhauses Stollwerck und schaut der jungen Electrosängerin zu, die ihre Beats selbst per Macbook startet. Junge Mädels, dürre Indieboys mit „i love bloc party“-Shirts und schwule Pärchen sind mehr mit sich selbst als mit der Performance auf der Bühne beschäftigt.
Im wahrsten Sinne schlagartig ändert sich dass, als Kele die Bühne betritt. Begleitet von seiner Band an Keyboard, Drumcomputer, Xylophon und E-Gitarre intoniert er die ersten Songs seines Debuts „The Boxer“ — „Walk Tall“ und „On The Lam“. Der Claim für den Abend ist damit gesetzt: Heute abend geht’s darum Spaß zu haben. Kele selbst merkt man diesen an, mit seinem unfassbar bestechendem Grinsen, den durchtrainierten Oberarmen und seiner Baseballcap sieht er aus wie jemand, der gerade drei Monate in Hawaai war und sich dort hauptsächlich von Luft, Liebe und Cocktails ernährt hat. Das ist erstaunlich, denn Kele hat sieben Auftritte in den elf Tagen zuvor in den Knochen. Außerdem trinkt er dieser Tage ausschließlich Wasser und Jägermeister. Dies versichert er jedenfalls dem penetranten Fan in der ersten Reihe, der ihn zwischen jedem Song anspricht und ihm vergeblich seine Bierflasche anbietet und den er gegen Ende des Konzerts, halb im Scherz, gerne von der Security entfernt haben möchte…
Spätestens bei „Everything You Wanted“ und „Unholy Thoughts“ sind die ersten zehn Reihen in permanenter Bewegung auf und ab und reißen automatisch den Rest der Zuschauer im Bürgerhaus mit. Die Songs werden ein wenig schneller gespielt als auf Platte und Keles Ankündigung, man sei heute hier um eine Party zu feiern, wird daher umso enthusiastischer Folge geleistet. Kele ist ein Kommunikator, der unablässig mit den drei Mitgliedern seiner Band und dem Publikum spricht, Songs widmet, einzelne Zuschauer anschaut, Witzchen einbaut. Und das immer mit breitem Grinsen.
In der Mitte des Sets schnallt Kele sich eine E-Gitarre um und mit den Worten „For those of you who like my other band“ beginnt ein dreiteiliges Bloc Party-Medley mit dem monumentalen „The Prayer“ als Kern. An diesem Stück wird auch deutlich, warum Kele solo nicht so in seinen Bann schlägt wie mit Bloc Party. Seine Musik ist glatter, die widerborstigen Trommelparts werden zu Beats von der Electrodrum, die verspulten Gitarrenriffs ersetzt durch Synths. Trotzdem ist Keles Musik eine gelungene Verbindung zwischen der Kühle des Elektropop und den Gefühligkeiten des Indierocks, den er mit Bloc Partys ersten beiden Alben zur Perfektion getrieben hat. Kele spürt auch auf der Bühne des Bürgerhauses Stollwerck die großen Schatten seiner Bloc Party-Kollegen, er nimmt das aber mit Humor: „Russell may be dead, Matt is in New York playing Grand Theft Auto”, so beantwortet er eine Frage aus dem Publikum, was die anderen denn so machen.
Nach „Tenderoni“ und „Rise“ verlässt Kele die Bühne und man schaut verwundert, da man sich gerade so entspannt auf die elektronischen Beats eingegroovt hatte. Dann ertönt aber schon wieder Keles glockenklare Stimme zu „New Rules“. Ein wunderschönes Stück, das Kele auf der Bühne in seiner ganzen Zerbrechlichkeit intoniert und das den persönlichen Bezug seiner Musik transportiert. Das folgende Cover von Q Lazzarus‘ „Goodbye Horses“ setzt dies fort. Laut Kele ist dieser Song einer seiner Lieblingslieder. Als er diesen mit geschlossenen Augen singt, ist Kele das absolute Zentrum des Saales. Alle Energie bündelt sich in ihm, die zu Beginn noch gedachte Befürchtung, hier würde nur jemand sein Set runterrocken ist an diesem Moment des Konzerts gänzlich widerlegt. Das Schöne an Kele solo: Man merkt ihm und seiner Band während des gesamten Auftritt den Spaß an ihrer Musik an, an den Soundfrickeleien, an dem Funken, den sie mit ihren Songs an ihr Publikum übertragen wollen.
An diesem Abend in Köln gelingt das letztendlich, wenn auch der musikalische Genius, den Kele mit manchen seiner Bloc Party-Songs bewiesen hat, nicht auf seine Solostücke überspringen mag. Kele lebt auch bei seinen Soloauftritten noch vom Ruhm seiner Hauptband, doch ist hier alles eine Nummer kleiner. Die Lichtshow, die Performance, das Gefühl, etwas ganz Besonderem beizuwohnen wie zu Bloc Partys besten Zeiten, will einfach nicht aufkommen. Trotzdem sind allein Keles Bühnenpräsenz und Stimme ein Erlebnis, sodass der Besuch seines Konzertes letzlich auch lohnenswert war.
Und auch Simone Ogunbunmi kam am Ende noch auf ihre Kosten. Ganz vorne tanzte sie im Publikum und Kele widmet ihr abschließend „This Modern Love“. Bei diesem Bloc Party-Klassiker steht kaum jemand ruhig in der Ecke, sondern man tanzt, man schwelgt, man liegt sich in den Armen. Am Ende stapft man hinaus in den Schnee, wie es am Ende eines schönen, soliden Konzertes sein sollte: mit dem Gefühl, gerade einem wunderbaren Künstler zugeschaut zu haben. Einem Künstler, der hoffentlich nochmal an früheren Glanz anknüpfen kann.
Video: „Everything You Wanted (Live at the BBC)“