Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
Hercules And Love Affair
Interpret:
Hercules And Love Affair
Datum:
28.02.2011
Lokation:
Club Bahnhof Ehrenfeld, Köln
Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 02.03.2011
Es hätte einer dieser ganz besonderen Abende werden können. Die Zeichen hätten zumindest fast nicht besser stehen können. Hercules And Love Affair, die aktuell erfolgreichste Queer-Disco, schafft es das erste Mal mit der gesamten neuen Besetzung nach Köln. In der Theorie: die verhältnismäßig kleine Homosexuellen-Szene Kölns trifft auf die gewohnte Posse, die was auf sich hält, und Hercules And Love Affair fungieren als Bindeglied der kleinen transzendenten Völkerverständigung. Die Praxis sieht wie so oft im Leben anders aus. Doch einzig die utopische Erwartung wurde nicht im vollen Maße erfüllt.
Kim Ann Foxman und ihr Weggefährte Andy Butler arbeiten unter dem Leitsatz: „House music is an universal language spoken and understood by all [...] you may be black, you may be white, you be jew or gentile, it don't make a difference in our house [...]“. Ihnen ist völlig egal, ob du homosexuell oder straight, schwarz oder weiß bist. „It gonna be alright 'cause the music plays forever“, so heißt es zum Ende ihres aktuellen Albums „Blue Songs“. Beste Voraussetzungen also für den Beginn einer besseren Welt.
Hercules And Love Affair, in vitro betrachtet, haben ihre Höchstform schon lange erreicht. Das kann das momentan fünfköpfige Kollektiv an diesem Abend im Club Bahnhof Ehrenfeld einmal mehr unter Beweis stellen. Doch schon einige Monate vorher, als die New Yorker zuletzt im Rheinland waren, um Gossip in der Düsseldorfer Philipshalle zu supporten, war klar, dass sich hier nah am Zenit bewegt wird. Die große Hürde des zweiten Albums war sowieso schon lange nicht mehr der Rede wert.
Als die auch heute bezaubernde Kim Ann und die so wundervoll antichic gekleidete Truppe die Bühne betreten und „Falling“ mit seinem wummernden Disco-Bass los tönt, ist das Gefühl „And I'm falling / I am free“ vermittelt. Nie hat man Hercules And Love Affair so nah am Album performen sehen. Diese Tatsache, aber auch die angenehme Stimmung im bis zum letzten Platz ausgedehnten Gewölbe des Bahnhofs, scheinen das Publikum schnell ihre Sorgen vergessen zu lassen. Die Harmonie auf der Bühne hätte trotz einem gebrochenem Arm bei Sängerin Aerea Negrot nicht besser sein können. Wenn Andy Butler nach dem ersten Block seine Lieben vorstellt – besonders hervorzuheben ist der Verweis auf Mark Pistels Projekt Meat Beat Manifesto auf seinem Pullover, den er sich natürlich auch noch vom Körper reisen muss – ist das schon ein Indiz dafür, das die Umstrukturierung Hercules And Love Affairs eine angenehme Notwendigkeit war.
Höchstleistung auch bei der Umsetzung von Hits wie „Blind“, bei denen es die überragende Stimme Antony Hegartys zu ersetzen gilt. Und fließend ist der Übergang von einem Gesangstalent zum nächsten. Shaun Wright und Aerea Negrot passen sich so wunderbar in das Konzept ein und werden live prompt zu den repräsentativen Leadern, obwohl sie nicht von der ersten Minute dabei sind. Pluspunkte bringen beim deutschsprachigen Publikum auch die Deutschkenntnisse von Aerea Negrot. Bis hierhin würden wir diesen Abend in den nächsten Jahren nicht vergessen. Eine Brücke zwischen den Kulturen, die hat wohl entschieden gefehlt.
Mehr als ein Besuch im Tierpark dürfte es für viele nämlich nicht gewesen sein. Lustiges mit Schaukeln beim Betrachten der Affen im Zoo. Die Schwelle zwischen Publikum und Künstler ist zu groß, als hätte dieser Abend an das Gefühl einer Paradise Garage oder zumindest einem allgemein gültigen Vibe erinnert. Küsschen an deinen Partner und zurück in den Alltag. Eine Party in Konzertlänge zu verpacken funktioniert nun mal nicht, gerade wenn diese vor Mitternacht stattfinden soll, ohne Warm-Up-DJ oder Support und im wohl falschen Club. Doch wo würden wir hinkommen, wenn alle von uns rote Backenbärte und bunt glitzernde Pyjamas tragen würden?
Stream: „Blue Songs“