DETAILS

Kategorie:
Konzertbericht

Titel:
Gold Panda, Com Truise, Loose Shus & SBTRKT

Datum:
25.03.2011

Lokation:
103 Harriet, San Francisco

Weiterführende Links:

Autor:
Ingo Reiff
Köln, 30.03.2011

BERICHTE

Konzertbericht - Gold Panda, Com Truise, Loose Shus & SBTRKT

Gold Panda, Com Truise, Loose Shus & SBTRKT

Ein Roadtrip durch Kalifornien bietet viel landschaftliche und architektonische Schönheit. Allein in San Francisco kommt man zwischen Chinatown und Little Italy, zwischen Fisherman’s Wharf und Haight-Ashbury, zwischen Golden Gate Bridge und Alcatraz aus dem Fotografieren nicht heraus. Ohne gute Musik wäre das alles aber nur halb so schön. Waren auf dem Highway 1 noch Queens Of The Stone Ages „Songs For The Deaf“ und diverse Hip Hop-Tunes die passenden Begleiter, so hat die Stadt einen ganz anderen Rhythmus, erfordert einen ganz anderen Beat. Welch glücklicher Umstand, dass just am zweiten Abend unseres Aufenthalts in San Francisco ein elektronischer Konzertabend im Veranstaltungskalender steht, der sich den auf beiden Seiten des Atlantiks zur Zeit wohl angesagtesten Ausprägungen urbaner Musikkultur widmet: Chillwave, Dubstep, Glitch und Minimal Techno.

So spazieren wir also an diesem für kalifornische Verhältnisse kühlen Frühlingsabend nach downtown San Francisco. 1015 Folsom Street ist die Adresse des Nightclubs 103 Harriet, der in schöner Regelmäßigkeit internationale Größen der elektronischen Tanzmusik in die Stadt holt. An diesem Abend geben sich vier DJs und Produzenten die Ehre: SBTRKT, Loose Shus, Com Truise und Gold Panda. Um zehn soll es losgehen, doch als wir ein paar Minuten vorher am Club ankommen, hat sich erst eine Handvoll junger Menschen vor den Türen eingefunden, die noch nicht einmal geöffnet sind… die erste kulturelle Eigenheit des amerikanischen Nachtlebens, die wir an diesem Abend erleben. Einmal im Club, füllt sich dieser langsam, während die Resident DJs auf den beiden Floors mit Minimal und Ambient die Wartezeit versüßen. Abgesehen von dem wässrigen, überteuerten Bier (6 Dollar pro Fläschchen!) und den Mint Candies, die man als Dank fürs Trinkgeld beim Toilettenmann bekommt, könnte das 103 Harriet genauso gut in Berlin, Prag oder London stehen: Stylish-nerdige Hipster in engen Hosen mit Tunnels in den Ohren und Tattoos auf den Armen tanzen mit dezent alternativ gekleideten Indie-Damen, die an ihren Cocktails nippen. Obwohl, tanzen? Eher stehen. Da sich offenbar alle an das Alkoholverbot auf den Straßen halten und viele mit dem Auto da sind, kommt der Großteil der Leute nüchtern und muss erst noch in Fahrt kommen.

Um kurz nach elf tritt dann der Londoner SBTRKT (sprich: Subtrackt) an das DJ-Pult im Main Floor. Mit Remixen von Radiohead-, Basement Jaxx- und Franz Ferdinand-Stücken erwarb der sich in US-amerikanischen Techno-und Dubstep-Kreisen eine Reputation, die er bei seinem ersten Auftritt in San Francisco nicht so richtig bestätigen kann. Einzige Besonderheit: Bei zwei, drei Songs singt er über die Beats drüber, nimmt seinen Gesang auf und loopt ihn später wieder in einen anderen Track hinein. Den undankbaren ersten Slot der Show füllt SBTRKT letztlich mit solider Arbeit an seinem Notebook und leistet eine ordentliche Vorarbeit für Loose Shus. Der DJ und Produzent Luzius aus San Francisco — phonetisch gleichlautend: Loose Shus — versuchte sich einst als Filmemacher und entwarf Soundtracks. Dies merkt man seiner Musik an, mit der er an diesem Abend den inzwischen gut gefüllten Club zum Tanzen bringt. Druckvoller, bassbetonter Minimal mit Glitcheffekten, den Loose Shus selbst sehr passend als Musik beschreibt, die in einer Videothek in der „fantasy-sci-fi-section“ eingeräumt würde. Dass er sich während seines Sets das T-Shirt von der schmalen Brust streift, stört die wenigsten Gäste. Wie die Passagiere eines Raumschiffs starren ca. 300 Augenpaare gebannt nach vorne und lassen sich von den kühlen sphärischen Klängen mittragen.

Diese Stimmung bereitet die Bühne für den ersten der beiden Main Acts, der kurz nach Mitternacht auftritt: Com Truise. Unter diesem Alias ist der New Yorker Produzent und Designer Seth Haley mit seiner EP „Cyanide Sisters“ bereits vor längerem auch in Europa aufgefallen. In den USA war er von Beginn an ein Vorreiter der Chillwave-Welle. An diesem Abend passt das Set des bulligen DJs perfekt in die leicht unterkühlte Atmosphäre des Clubs. Die kühlen, metallischen Beats mit den für Com Truise typischen, unglaublich in ihren Sog ziehenden Hooks, die aus Achtziger Jahre-Videospielen entnommen sein könnten, wenn sie dafür nicht viel zu ausgeklügelt und komplex wären, erfüllen das 103 Harriet bis in die letzte Reihe des inzwischen rappelvollen Main Floors. Ältere Stücke wie „BASF Ace“ und „Slow Peels“ von der „Cyanide Sisters“-EP übertragen die unglaubliche Entspannheit, die von diesen wavigen Songs ausgeht, auf die Menge. Verspielte Synthie-Melodien auf wummernden Basslines — das ist feinster Chillwave, obwohl Com Truise selber diese Kategorisierung seiner Musik ablehnt. „Electronic music for the nostalgic individual“ mag er sie lieber nennen, oder aber den Soundtrack zu einem epischen Film, der noch nicht gedreht wurde. Das Marihuana, dessen Duft inzwischen durch den offiziell komplett rauchfreien Club weht, lässt einige Konzertbesucher sich ihren ganz eigenen Film fahren, aber auch der Rest der Menge wird von diesen Glitch-Chillwave-Stücken in die Welt der Achtziger gezogen, als Computer noch C64 hießen, man gebannt vor dem Atari saß und fasziniert von dem Gedanken war, Astronaut zu werden. Com Truise benutzt nicht nur den obligatorischen Mac, sondern originale Hardware aus den Achtzigern, die er live über die Beats spielt: „When I use a hardware synth, I'm on a different planet, alone, and in control. I think that's what really does it for me.“ Einige seiner Stücke erleben an diesem Abend ihr Live-Debut und dass sie so gut ankommen, wird Com Truise möglicherweise dazu bewegen, sie auf sein im Sommer erscheinendes Debutalbum „Galactic Melt“ zu packen. Erfreulich wäre das, auch wenn die Live-Atmosphäre nicht auf Platte gepresst werden kann.

Dass gute elektronische Musik aber sowohl live als auch auf Platte funktionieren kann, beweist um kurz nach eins der zweite Hauptact des Abends, Derwin Panda a.k.a. Gold Panda aus Chalmsford, Essex. Der Brite hat mit Com Truise gemein, dass er live lieber Synths spielt als Sounds am Laptop zu kreieren. Gold Panda hat sich innerhalb kürzester Zeit auf dem musikalischen Parkett einen Namen als Produzent gemacht. Auf Remixe für Bloc Party, Simian Mobile Disco und Little Boots folgten drei EPs, bevor er 2010 mit seinem Full Length-Debut „Lucky Shiner“ für Lobeshymnen aus Häusern wie Pitchfork und NME sorgte. Mit vielen Tracks aus diesem Album im Gepäck kann es sich Gold Panda leisten, die inzwischen sehr tanzlaunige Crowd allein mit den Worten „I’m Gold Panda. Have fun!“ zu begrüßen und ansonsten seine Tunes für sich sprechen zu lassen. Wie Gold Panda da mit Hoodie hinter seinen Geräten steht und auf- und abzuckt, unterscheidet er sich kaum von den Gästen, von denen einige wohl nur seinetwegen gekommen sind. Die minimalen und dafür umso effektvolleren Beats und der ganz spezielle, frickelige Gold Panda-Rhythmus, den manche als Post-Dubstep bezeichnen, lässt die Menge zu später Stunde noch einmal richtig wach werden. Als die ersten Klänge seines größten Hits „You“ erklingen, geht ein jubelnder Aufschrei durch die Menge, wie er bei einem DJ-Set wohl eher unüblich ist. Gold Panda nimmt dies gelassen hin, schaut einen Moment hinab auf die tanzende Menge und gleitet dann selbst wieder ab, tanzt zuckend und gedankenverlorend zu den elektronischen Klängen, die durch den Raum klirren und wabern.

Um kurz vor zwei beendet Gold Panda sein Set und als man sich eigentlich noch ein weiteres Bier holen möchte, um den Abend entspannt tänzelnd ausklingen zu lassen, bewegt sich der Großteil der Masse zum Ausgang. Die Einheimischen müssen halt noch nach Hause in ihre Suburbs fahren, und außerdem schließen die meisten Nachtclubs in San Francisco sowieso bereits um zwei Uhr. Im 103 Harriet geht es zwar noch weiter mit Minimal und Techno, aber die große Partystimmung ist vorüber. So verlassen wir den Club mit dem guten Gefühl, die 20 Dollar Eintritt für die vier DJ-Sets vernünftig angelegt zu haben und begeben uns in den kalifornischen Regen in Richtung Hotel. Von der träumerischen Melancholie und Nostalgie des Abends umhüllt, macht es einem gar nichts aus, von recht düsteren Gestalten in Hauseingängen angesprochen und um Kleingeld gebeten zu werden. Musik verändert Wahrnehmungen — das haben die Künstler an diesem Konzertabend in San Francisco bewiesen. Mit dieser schönen Gewissheit lässt es sich entspannt weiterreisen durch die kalifornische Weite — selbst wenn der Regen nicht der Sonne weicht.

Video: Gold Panda - „Marriage“


 

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