Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
Evan Dando (of The Lemonheads)
Interpret:
The Lemonheads
Datum:
01.12.2009
Lokation:
Köln, Underground
Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 07.12.2009
Dieser Abend soll zum Lehrstück über die Wichtigkeit konstruktiver, menschlicher Unterstützung werden. So erfüllt support act Chris Brokaw im Underground nicht nur die Rolle des Openers mit souveräner Bravour und zeigt, wie vielschichtig man mit nur einer Gitarre musizieren kann, sondern wird er darüber hinaus im späteren Verlauf zum Stützpfeiler für einen sichtlich angeschlagenen Headliner.
Ein Telefonat mit dem hörbar genervten Tourmanager, der einem aufgeregt erzählt, man habe ein Problem mit dem Auto und könne daher das Interview nicht bestätigen, ja noch nicht einmal garantieren, ob man es überhaupt pünktlich zum Konzert schaffe, ist der Prolog zu einem Tag, an dessen Ende seltsam gemischte Gefühle von Enttäuschung, Mitgefühl und Ernüchterung stehen werden. Auslöser und Zentrum all dessen: Evan Dando, Mr. Lemonheads; begnadeter Songschreiber, Grenzgänger am Rand des Drogentods, persönlicher Liebling und Indie-Posterboy der 90er-Jahre. Ein schwieriges Thema also.
Wie schwierig, erkennt man allerdings erst, sieht man einen Auftritt wie diesen. Hatte Dando noch vor einigen Jahren unter der Flagge The Lemonheads das Bürgerhaus Stollwerk gut gefüllt, so haben sich heute kaum 100 Menschen im Underground zur Solo-Show eingefunden. Ob da mancher wohl geahnt hat, was einen erwartet? Doch trotz eines überschaubaren Publikums, ist die Atmosphäre fröhlich gespannt, als der potentielle Held die Bühne betritt. Ein Heimspiel vor Anhängern, das so wunderbar werden könnte, wäre nicht von Anfang an offenbar, dass Herr Dando einen gehörigen Schritt neben sich steht und nur mit Mühe die Fassung behält. Koordination Fehlanzeige, so dass die ersten Lieder fast ausnahmslos nicht zu Ende gespielt, oder schlichtweg dilettantisch gezupft werden.
Evan Dando wirkt hilflos, wie das sprichwörtliche Reh im Scheinwerferlicht. Was auch immer er vor dem Auftritt geschmissen, gedrückt oder geraucht hat, es war des Guten zu viel. Ungelenk schält er sich aus seiner Daunenjacke, verheddert sich wenig später beim Versuch auch noch das Jackett loszuwerden fast in seinem Gitarrengurt und taumelt teilweise scheinbar ziellos über die Bühne. Bei all dem hat man jedoch nie den Eindruck, als sei Dando schlechter Laune, oder verspiele sich absichtlich oder breche Lieder ab, da er sich genervt fühle. Viel eher hat es den Anschein, als strenge er sich wirklich an, seine Sinne auf das Wesentliche, nämlich die Show zu fokussieren. So wundert es wenig, wenn die Reaktionen der Anwesenden freundlich und gnädig sind, selbst skizzenhaft dargebotene Stücke aufmunternd beklatscht werden. Dennoch bleibt das Traurigste, dass es Dando nicht gelingt, sich an seine eigenen Songs zu erinnern, an Melodien und Texte, die zu so viel im Stande waren und sind.
Nach gut einer halben Stunde scheint der Groschen gefallen und Dando holt sich Hilfe. Hier springt nun, wie eingangs erwähnt, Chris Brokaw in die Bresche und bemüht sich nach Kräften, eine solide Konstante, einen Halt in die Konfusion zu bringen. Das gelingt mal mehr, mal weniger. Man merkt Brokaw streckenweise sichtlich an, wie anstrengend es ist, hier den Sidekick zu geben. Der Versuch einer gemeinsamen Coverversion des großartigen Shirelles-Klassikers „Will You Still Love Me Tomorrow“ scheitert leider ebenso an Dandos Unsicherheit, wie zahlreiche Hits aus dem Lemonheadkosmos. „The Outdoor Type“ ist eines der wenigen Stücke, bei denen das frühere Können über die volle Distanz zu spüren ist, daneben blitzt immer mal wieder für Augenblicke das ungebremste Talent vergangener Tage durch. So manche Zeile erhält im Lichte dieser Vorstellung einen bitteren Beigeschmack. Beenden wir den Text daher mit einem Zitat aus dem Song, der schon immer Programm war für Evan Dando. In „My Drug Buddy” heißt es treffend: „I’m Too Much With Myself/ I wanna be someone else“. Genug gesagt.