Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
Caribou
Interpret:
Caribou
Datum:
29.11.2010
Lokation:
Gloria, Köln
Autor:
Michael Weber
Köln, 06.12.2010
Was für ein Abend! Höchst positiv als auch höchst negativ! Es könnte also gesagt werden, dass man sich zwischen Himmel und Hölle bewegte, als Caribou das Kölner Gloria am vergangenem Montag bespielte. Ein Abend, der musikalisch definitiv haften bleibt, aber organisatorisch im Erdboden verschwindet. Das Gloria ist nicht gerade bekannt für seine gute Infrastruktur, wohl aber dafür, dass es ein schöner Club ist. Mal wieder war alles viel zu eng, viel zu schlecht geregelt und für jeden, der den vollen Eintritt bezahlte und etwas später kam, eine Zumutung ohnegleichen. Es grenzt an ein Wunder, dass dieser Laden für Konzerte überhaupt noch eine Genehmigung bekommt.
Alles begann damit, dass man eine gute Zeit draußen in der Kälte stehen musste, bevor man überhaupt erst reingelassen wurde. Im Schneckentempo ging es vorwärts, während drinnen Barbara Panther mit ihrem „Voodoo“ über die Bühne fegte. Endlich drinnen, hatte das Warten noch immer kein Ende gefunden und von Barbara Panther waren die letzten Klänge längst verstummt. Nun gut: Einfach geduldig sein und zusehen, dass nicht allzuviel von Mount Kimbie verpasst wird. Doch halt, mal wieder durfte sich auf elendiges Warten eingestellt werden. Die Planung, die Garderobe auch während der Konzerte im Keller zu machen, ist einfach ein schlechter Witz. Alles führt über eine kleine, schmale Treppe runter und auch wieder rauf. Leute, die ihre Jacken abgeben wollen, stehen in einer langen schlange, gemeinsam mit Leuten, die auf die Toiletten wollen. Denn die sind auch im Keller. Und ein Strom von Menschen kommt einem auf den schmalen Absätzen wieder entgegen. All die Glücklichen, die ihre Jacken abgegeben bzw. sich erleichtert haben. Warten, warten, warten!
So kam es, dass auch von Mount Kimbie nur noch die Hälfte mitgenommen wurde. Doch das, was mitgenommen wurde, war allerfeinster IDM, bester Breakbeat und ganz wundervoller Glitch. Das Produzenten-Duo aus London und Brighton versetzte das bis zu dem Zeitpunkt nicht volle Gloria in wohlige Schwingungen. Bässe surrten und kernige Bleeps hallten durch den Raum. Im vorderen Bereich tanzte das Publikum zu den Beats und zerhackten Melodien ihres fantastischen Albums „Crooks & Lovers“. Ein Hauch von Techno und House wehte durch den Saal, der immer wieder von Breaks und Wendungen durchzogen wurde. Der schönste Anblick offenbarte sich mir aber erst an der Halbkreis-förmigen Theke. Während ich ganz links außen auf das Bier wartete, sah ich einen guten Bekannten von Power To Peter am rechten äußersten Rand und in der Mitte der Theke unseren Lektor stehen. Ein Grüßen, ein Grinsen in alle Richtungen verteilte sich, und wir standen zu dritt an unseren Positionen und nickten glücklich mit den Köpfen. Räumlich voneinander getrennt und doch durch die Musik geeint.
Während der Umbaupause füllte sich das Gloria endlich mehr. Doch sollte das auch der Anfang eines weiteren, großen Ärgernisses werden. Hat man erst einmal eine gute Position im Saal gefunden, von der aus man ein Konzert verfolgen kann, will man sie nicht so schnell wieder preisgeben. Logisch. Als Daniel Victor Snaith alias Caribou mit seiner Band ganz in weiß gekleidet die Bühne betritt, stehen sie vor mir und meiner Begleitung. Ein Pärchen, das offensichtlich eines seiner ersten Dates bestritt und natürlich nichts Besseres zu tun hatte, als sich kennenzulernen. Zum Leid aller um dieses Pärchen herum stehenden Anwesenden verkam die bunt strahlende Bühnenshow und die mitreißende Musik bei den Beiden zur Nebensache. Lauthals wurde geredet und geflirtet.
Sie hätten sich besser ein Beispiel an der Betitelung der stürmischen Eröffnungsnummer nehmen sollen. „Leave House“ und lasst uns bitte hier zu den Klängen der großartig eingespielten Band träumen! Caribou legte mit seinen Mannen eine Glanzleistung hin, die so nicht erwartet wurde. Video-Projektionen, die wie von psychedelischen Drogen getrieben wurden, untermalten die perfekte Performance an Sequenzern, Samplern, Synthesizern, Gitarren, Bass und Schlagzeug. Snaith gelang es, den warmen Klang seinen Über-Albums „Swim“ auch live auf den Punkt genau zu inszenieren. Das Publikum jubelte nach jedem Song euphorisch und verlangte nach mehr. Nur ganz vereinzelt spielten Caribou ältere Songs von „Andorra“. Es wurde sich eher darauf konzentriert, die überwältigenden Songs von „Swim“ weiter auszuschlachten. Mit immer neuen Elementen, die sie so perfekt in das Gerüst aus Indie, Techno, House und Pop einfügten, blähten sie die Songs zu leuchtenden Feuerwerken auf.
Egal ob es sich dabei um das sphärische „Jamelia“ oder um die donnernden Stücke „Bowls“ und „Hannibal“ handelte, das war eine Show auf allerhöchstem Niveau. Ganz besonders der Schlagzeuger schien wie verhext hinter seinem Instrument zu sitzen. Alles von „Swim“ wurde gespielt und bekam seinen ultimativen Höhepunkt in den beiden sehnsuchtsvoll erwarteten Singles „Odessa“ und „Sun“. Letztgenanntes schlachteten Caribou zum Abschluss in eine Art Trip aus, der kein Ende nehmen wollte. Die Hände gingen zum sich immer wieder wiederholenden „Sun / Sun / Sun / Sun....“ hoch. So muss es sein. Doch spätestens beim erneuten Anstehen zur Garderobe, was eine gute Dreiviertelstunde dauern sollte, hatte die Realität meine Begleitung und mich wieder. Wie hat sie mir noch ins Ohr geflüstert? „Caribou ist der Hit, das Gloria aber shit“!
Stream: „Odessa (12 Inch)"
Video: „Sun" (Live At Gloria)