Kategorie:
Konzertbericht
Titel:
A Fine Frenzy, Philsen
Datum:
14.04.2008
Lokation:
Frannz Club, Berlin
Autor:
Dominik Knauf
Köln, 28.04.2008
“My name is Alison Sudol, but you can call me Ally.” So stellt sich die 23-jährige Kalifornierin, aka A Fine Frenzy, dem Berliner Publikum vor. Zu diesem Zeitpunkt, drei Viertel des Konzerts sind bereits gespielt, fressen ihr die Zuhörer bereits aus der Hand und diese letzte wegfallende Barriere zwischen Künstler und Zuschauer führt noch einmal zu tosendem Applaus. Doch was war bis dahin passiert?
Zunächst einmal muss festgehalten werden, dass A Fine Frenzys Musik nicht gerade prädestiniert ist, um Menschen glücklich strahlend zurückzulassen. Zu sehr geht es in ihren Songs um das Verlassenwerden und Verlassensein, als dass man davon nicht auch berührt würde. Die Vorband Philsen tut ihr übriges und spielt an sich deutschssprachige A Fine Frenzy-Songs. Hier merkt man einmal mehr, dass der Grat ziemlich schmal ist, auf dem sich Alison (OK, wenn sie es so will: Ally) mit ihren Songs bewegt, denn sobald man wie im Falle von Philsen die Texte dermaßen aufs Auge gedrückt bekommt, verlieren die Songs an Strahlkraft und mäandern orientierungslos im Niemandsland herum. Das ist bei weitem nicht schlecht, macht aber auch keinen Appetit auf mehr. Wenn es irgendwann einmal im Fernsehen ein deutsches Äquivalent zu „O.C. California“ geben sollte, dann sind Philsen erste Anwärter für den Soundtrack.
Unter diesem Eindruck schwebt dann Ally auf die Bühne. Gemeinsam mit ihren beiden Mitstreitern an den Tasten und am Schlagzeug spielt sie sich durch ein Set, das selbstverständlich vollgepackt ist mit Songs ihres famosen Debüts „One Cell In The Sea“. Das ist Pop der ganz besonderen Sorte. Eingängig und trotzdem komplex, erwachsen und doch mit kindlich naiven Lyrics. Vor allem im wunderschönen „The Minnow And The Trout“ kommt dieser Zwiespalt hervorragend zum Tragen. Wie sie dem Publikum vor dem Song aufzählt, welche Tiere darin vorkommen, ja, das gar eine Ratte eine Rolle spielt, um dann diese schöne kleine Fabel vorzutragen, das ist ganz großer Pop.
Es scheint, dass ein Meinungsforschungsinstitut wahllos ca. 300 repräsentative Musikhörer ausgewählt hat, so gemischt ist das Publikum an diesem Abend. Und doch verbindet die meisten ein Wunsch, dem Ally auch gerne nachgibt. „Almost Lover“, den Song, dem A Fine Frenzy ihren Aufstieg zu verdanken haben, wird hier noch vor den Zugaben gespielt. Dieser Song, der bereits vier Jahre alt ist, ist sozusagen der Schmelztiegel dessen, was A Fine Frenzy auszeichnet. Es ist diese abgrundtiefe Melancholie in den Songs, die sich durch Allys allzeit beeindruckende Stimme zu etwas höherem aufschaukeln. Songs wie „Liar Liar“ oder „Ashes And Wine“ wären ohne diese warme, beizeiten lieblich säuselnde, dann wieder knarzige Stimme undenkbar, werden so jedoch zu unbestrittenen Publikumslieblingen.
Zu den Zugaben meldet sich Ally mit einem beherzten „Okidokey“ zurück, was von ihr selbst fragend kommentiert wird, ob dieser Ausruf in Deutschland genauso „dorkey“ sei wie in den USA. Danach spielt sie uns als Zugabe „Across The Universe“ von den Beatles, bringt das Publikum zum Singen und bricht im Anschluss fast in Tränen aus, als ihr das Publikum minutenlangen Applaus entgegenbringt. Die große Stärke von A Fine Frenzy ist ihre Authentizität, man nimmt ihr die Dankbarkeit, diese schiere Freude, die ihr so ein Konzert bereitet, bedingungslos ab. Sie habe was vorbereitet, sagt uns Ally zwischen zwei Songs. „Ich bin liebe Berlin“ stammelt sie mit einem strahlenden Lächeln und niemand im Publikum würde in dieser Sekunde daran denken, sie berichtigen zu wollen. Berlin liebt Sie auch, Miss Sudol.