DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Way Out West 2010

Datum:
14.08.2010

Lokation:
Göteborg

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 23.08.2010

BERICHTE

Festivalbericht - Way Out West 2010

Way Out West 2010

Ein Festival mitten in einer großen Stadt hat natürlich seine unbestreitbaren Vorteile: gute Erreichbarkeit mit Bus und Bahn, genug günstige Hostels, um nicht auf einer matschigen Kuhweide übernachten zu müssen und vor allem eine handvoll Sehenswürdigkeiten, mit denen man seine musikfreie Zeit während des Tages mühelos überbrücken kann. Alles Pluspunkte, mit denen auch das Way Out West im beschaulichen Göteborg aufwarten kann. Darüber hinaus bekommt man als kostenlose Dreingabe auch noch die Vorzüge eines „normalen“ Festivals hinzu, da das Way Out West im städtischen Park, dem Slottsskogen, stattfindet. 

Neben dem eskapistischen Aspekt, für eine Weile dem Alltagstrott durch den Aufenthalt in der Natur zu entfliehen, gibt es aber auch noch die unschöneren Dinge eines Freiluftevents: Am Abend zuvor hat ein heftiger, stundenlang anhaltender Regenschauer die Stadt kurzerhand unter Wasser gesetzt und auch im Park schlappt man einen Tag danach trotz strahlendem Sonnenschein noch durch aufgeweichtes Gras, das sich im Laufe der Zeit zu einer braunen Matschwiese verwandeln soll. Wie gut, dass die Organisatoren vorgesorgt haben und die beiden großen Bühnen in weiser Voraussicht mit massiven Kunststoffrollplatten ausgelegt haben.

So muss man sich dann auch keine Gedanken um nasse Füße machen, als Paul Weller am späten Nachmittag als einer der ersten Künstler an diesem Freitag auf die Bühne kommt. Elegant wie eh und je wirkt Weller, dabei noch eine Spur jugendlicher als vor ein paar Jahren. Neben alten Klassikern von The Jam wie „That’s Entertainment“ oder der fantastischen Ballade „You Do Something To Me“ sind es vor allem die Songs des neuen Albums „Wake Up The Nation“, die den größten Eindruck hinterlassen.  Daher mag es auch eine leicht überspitzte Darstellung der Tatsachen sein, wenn Weller mit sympathischem Sarkasmus erzählt, er habe in der letzten Woche lediglich 20 Exemplare seines Albums verkauft. The world just isn’t fair, Paul.

Der Wu-Tang Clan wirbelt im Anschluss die Festivalbesucher gehörig durcheinander. Zwar sind RZA und Method Man nicht mit von der Partie, doch die restlichen Mitglieder des Clans haben von der ersten Sekunde an das Heft und somit auch das Publikum in der Hand. Es ist ein heilloses Durcheinander auf der Bühne, das jedoch niemals in Chaos ausartet. Ein Parforceritt durch die gesamte Karriere. Auch dem bereits verstorbenen ODB wird in Sprechchören gehuldigt. 

Sprechchöre gibt es bei The Soundtrack Of Our Lives zwar nicht, dafür aber ein ganzes Symphonieorchester, das gemeinsam mit der Band deren Songs interpretiert. Nun ist es ja an und für sich nichts Neues, wenn eine Band ein Orchester engagiert, um ihre Songs größer, „symphonischer“ klingen zu lassen und in den seltensten Fällen kommt dabei etwas Spannendes, geschweige denn Erwähnenswertes heraus. Die psychedelische, großspurig angelegte Musik von The Soundtrack Of Our Lives ist an und für sich prädestiniert für die orchestrale Neubearbeitung und Ebbot Lundberg ist auch der passende Frontmann, um neben seiner Band auch noch ein gesamtes Symphonieorchester im Zaum halten zu können. Merkwürdigerweise klingt die Musik dann doch zu zahm und harmlos, um wirklich Eindruck schinden zu können.

Vielleicht ist es einfach noch zu früh und zu hell, denn auch der Auftritt von The National leidet deutlich darunter, dass sich in der frühabendlichen Göteborger Sommersonne der Zauber der Songs nicht so recht entfalten will. Selbstverständlich legen The National einen perfekten Auftritt hin, pendelt Sänger Matt Berninger, der von seinem Timbre immer mehr Stuart Staples von den Tindersticks ähnelt, zwischen statisch-eingesunkener Pose und manisch-unkontrollierten Ausbrüchen. Wozu The National bei stimmungsvoller Dunkelheit in der Lage gewesen wären, welche unausweichliche Nähe zwischen Publikum und Band hätte entstehen können, das bleibt leider ein Gedankenspiel.

Solche Probleme haben Iggy & The Stooges nicht. Zwar ist es auch bei ihrem Auftritt noch hell, doch Iggy Pop, der alte sehnige Derwisch, fegt zum Anfangssong „Raw Power“ gleich mit einer unbändigen Energie auf die Bühne, schmeißt nach gefühlten zwei Nanosekunden seine Lederweste in die Kulissen und spielt den Rest des Konzerts mit freiem Oberkörper. Es ist eine Mischung aus Bewunderung und skurriler Faszination, Pop mit seinen mittlerweile 63 Jahren auf der Bühne hampeln zu sehen, als sei er seit seinen Anfangstagen mit den Stooges Ende der Sechziger keinen Tag gealtert. Wird Pop jedoch einmal auf der Großbildleinwand eingefangen, sieht man den Zahn der Zeit, der auch an seinem durchtrainierten Körper nicht halt gemacht hat: Falten, Krampfadern und hängende Haut. Doch blendet man die Bilder auf den Bildschirmen aus und konzentriert sich einzig auf das Geschehen auf der Bühne, ist die Illusion perfekt. Pop läuft, spuckt und unterhält wie zu seinen besten Zeiten und auch die dargebotenen Songs stammen aus eben jener Epoche: „Search And Destroy“, „I Wanna Be Your Dog“ oder „No Fun“. Teile des Publikums entern auf Kommando Pops gleich zu Beginn die Bühne und tanzen wild um ihn herum wie Magneten mit Schluckauf. The Stooges spielen eine grandios aufgeladene Show, die zeigt, dass Bands auch unpeinlich alt werden können, ohne dabei Altersweisheit oder –milde auszustrahlen.

Alt fühlt sich hingegen James Murphy. Mit dieser Erklärung hat er im Vorfeld der Veröffentlichung seines aktuellen Meisterwerks „This Is Happening“ bereits angekündigt, LCD Soundsystem an den Nagel hängen zu wollen. Falls man dem Sprichwort glauben mag, dass man abtreten solle, wenn es am Schönsten ist, so hätte Murphy nach seinem Festivalauftritt sofort aufhören müssen. LCD Soundsystem eröffnen mit dem epochalen „Us Vs. Them“ mit der prophetischen Zeile „The time has come today“. Und wie die Zeit hier gekommen ist! Schluffig wie eh und je präsentiert sich Murphy mit seiner Band und kokettiert dabei mit seinem Image als Anti-Star. Niemand beherrscht das Spiel mit der Kuhglocke so virtuos wie er, wie er eindrucksvoll in „Daft Punk Is Playing At My House“ beweist. Es fällt noch nicht einmal groß ins Gewicht, dass uns „You Wanted A Hit“ vorenthalten wird. Denn welchen Song hätte er dafür weglassen sollen? Das delirierende „Tribulations“? Niemals. Der Proto-Electro-Punk „Movement“? Unmöglich. Die aktuelle Hit-Single „Drunk Girls“? Dann hätte man sich wieder beschweren können, weshalb genau DIESER Song gefehlt hätte. „You wanted a hit?” He gave you loads of hits. Oder um es mit einem anderen, besseren Zitat Murphys zusammenzufassen: “Yeah yeah yeah, yeah yeah, yeah yeah, yeah / Yeah, yeah yeah, yeah yeah, yeah!“

“No, no, no” denkt man sich zunächst bei M.I.A., die in den ersten 15 (gefühlten 30) Minuten ihrem DJ die Bühne überlässt. Es gibt zwar monoton pumpende Favela-Grooves und Baile-Funk, die blechern wie aus einem Ghettoblaster klingen, doch die Hauptattraktion lässt auf sich warten. Als man sich bereits damit abgefunden hat, dass uns M.I.A. wohl einen Streich gespielt hat und gar nicht wirklich auftreten wird, erscheint sie wie aus dem Nichts mit Militärparka und kitschig-modischer Cannabis-Sonnenbrille. So sieht er also aus, der größte weibliche Musikstar des neuen Jahrzehnts, der nicht Lady Gaga heißt. Wie auf Kommando ist das Publikum, das zuvor in gelangweilter Spannung ausharrte, auf den Beinen und bejubelt alte und neue Hits, die in rasantem Tempo wie Maschinengewehrsalven auf das Publikum einprasseln. Es ist ein unwirkliches Szenario mit einem gehörigen Schuss Endzeitstimmung, wenn die auf billig getrimmten Beats von „Galang“ oder „Bamboo Banga“ ertönen, wenn M.I.A. zur Zugabe mit einem bengalischen Feuer bewaffnet die Nähe zum Publikum sucht oder wenn ihre Backgroundsängerinnen in ihren Burkas mit „MAYA“-Coveroptik auf die Bühne treten. Man ist überwältigt und begeistert von der Präsenz dieser Mathangi Arulpragasam, wie sie mit ihrem Image als kompromisslose Rebellin spielt, dass nun selbst die Songs des neuen, noch nicht so liebgewonnenen Albums „Maya“ wie musikalische Offenbarungen klingen. Und das will schon was heißen.

Wer will, kann sich jetzt noch in verschiedenen Musikclubs in der Stadt beim sogenannten „StayOutWest“ von solch illustren Bands wie Die Antwoord, Caribou, Laura Marling oder Shearwater betören lassen und die Nacht noch ein wenig länger gestalten. Ein angenehmer Ausgleich zu der wohl ausgegebenen Maxime, dass im Park ab 0:00 Uhr keine Musik mehr gespielt werden darf. Göteborg ist eben eine beschauliche Stadt. Das merkt man auch am nächsten Tag bei einem Spaziergang durch die gemütlichen, einladenden Straßen des Haga-Viertels, wo es neben unzähligen kleinen Cafes die größten Zimtschnecken Schwedens zu bestaunen gibt.

So kaut man also noch an seinem Riesengebäck, während auf der Bühne bereits die hochgelobten The Drums ihren Auftritt haben. Ernst schaut der Sänger rein, der Bassist, der eigentlich eine Gitarre spielt, macht lustige Faxen mit seinem Tamburin und reihenweise junge Schwedinnen verlieben sich in diesem Augenblick in die Band. Es ist aber auch ein unbeschwerter Mix aus Suede und The Smiths mit ungeheuerlich guten Melodien, der uns hier von den jungen New Yorkern aufgetischt wird.

Die nächsten Stunden wird über das Festivalgelände geschlendert. Die Sonne scheint, die insgesamt 25.000 Menschen verbreiten unaufgeregt gute Stimmung, so wie man es generell von skandinavischen Festivals gewöhnt (und verwöhnt) ist. ImVorbeigehen hört man Mumford & Sons mit ihrem amerikanisch angehauchten Western-Folk-Mix, die Girls spielen auf einer mit Blumen geschmückten Bühne genau den passenden Soundtrack zu diesem guten Wetter und im Anschluss nehmen uns Radio Dept. mit auf eine Reise in die Achtziger, als man sich noch Poster von New Order an seine Kinderzimmertür pinnte. Das Leben ist schön, könnte man überhaupt noch angenehmer slacken?

Die Antwort hierauf geben uns Pavement mit seriös wirkendem Augenzwinkern. Gleich zu Beginn werfen sie einen unterschriebenen Laib Brot als Präsent ins Publikum und kündigen sich als „etwas bekannte Band aus den Neunzigern“ an und erst jetzt wird einem bewusst, wie sehr einem eine Band wie Pavement in den letzten Jahren gefehlt hat. Die 10-jährige Pause merkt man den Herren um Steve Malkmus nicht an, nicht einmal älter geworden scheint die Band zu sein, so jugendhaft werden hier unter anderem „Gold Soundz“ und „Cut Your Hair“ vorgetragen, dass plötzlich wieder 1998 ist.

Kaum ist das Pavement-Konzert vorbei, schon drängt das Publikum statt zur Nebenbühne weiter nach vorne vor die Bühne, wo langsam das Equipment Pavements abgebaut wird, und harrt dort zwei Stunden aus. Der Grund heißt Haakan Hellström, ein großer Star in Schweden und Skandinavien, hierzulande jedoch beinahe unbekannt. Als dieser gutgelaunte, lächelnde Mann vor einem überschäumenden Zuschauermeer in seiner Matrosenuniform erscheint, gibt es kein Halten mehr. Hellström klatscht jeden Einzelnen in der ersten Reihe ab, danach spielt er gekonnt seinen unbedeutenden, geschniegelten Pop, der dem Publikum zu urteilen scheinbar zum schwedischen Allgemeingut gehört, ansonsten aber ziemlich öde und belanglos ist.

Während Hellström zum Ende seines Konzerts noch Rosen ins Publikum wirft, erlebt der geneigte Musikhörer auf der Nebenbühne nun sein Erweckungserlebnis des Wochenendes. Denn was die schwedische Künstlerin Lykke Li aus sich und ihren Songs herausholt, ist die Entdeckung des Wochenendes. Bei einsetzender Dunkelheit schreitet Lykke Li zu einem grollenden, an Madonnas „Frozen“ erinnernden Beatgewitter auf die Bühne. Perfekt setzt sich Lykke Li in Szene, flirtet mit den von der Bühnendecke herabhängenden Vorhängen, die vom Wind eine zufällige Choreographie entwickeln, bis diese genau das machen, was sie will. Es kommt viel zu selten vor, doch in dieser einen Stunde liegt tatsächlich Magie in der Luft, die durch Lykke Lis Stimme, die immer leicht an den „richtigen“ Tönen vorbeischrammt, noch verstärkt wird. Gekonnt werden in ihre Songs noch kurze Coverversionen von „Ready Or Not“ von den Fugees, „Velvet“ von The Big Pink oder des The-Knife-Killertracks „Silent Shout“ eingebaut. In einer gerechten Welt wäre Lykke Li der kommende größte weibliche Musikstar des neuen Jahrtausends. Noch vor Lady Gaga. 

La Roux’ Vorstellung einer gerechten Welt zelebriert sie auf der Bühne gleich selbst, indem sie einfach 30 Jahre in der Zeit zurückreist. Wie eine frisch aufgetaute New-Romantics-Band aus den frühen Achtzigern präsentiert sich Elly Jackson mit ihren Mitstreitern auf der Bühne. Sie trägt zunächst einen extravaganten Mantel, dem sie sich schnell entledigt und unter dem sie einen modischen weißen Blazer trägt. Ihre Bandkollegen tragen geschniegelte Smokings und stehen jeweils rechts und links von ihr. Denn die Bühne gehört Jackson. Sie ist es, die mit ihrer bereits zum Markenzeichen gewordenen Haartolle die Blicke auf sich zieht, die für die heutige Generation das Destillat dessen darstellt, was vor langer Zeit einmal die Achtziger waren. Eurythmics musikalisch. Spandau Ballet vom Erscheinungsbild. Alles muss sich diesem hedonistischen Diktat unterordnen, selbst der alte Rolling Stones-Klassiker „Under My Thumb“, der plötzlich wie ein waschechter Disco-Song klingt. Mag die Attitüde noch so synthetisch sein, die Leidenschaft, mit der sie ihre Hits „In For The Kill“ oder „Bulletproof“ auf der Bühne singt, ist echt bis auf die Knochen. Nach knapp über einer halben Stunde ist bereits alles vorbei, hat La Roux für einen furiosen Abschluss des Festivals gesorgt.

Kurz danach hängt im Pressebereich, für den eine alte im Gründerstil gehaltene Villa umfunktioniert wurde, die Ankündigung, dass das Festival wie jedes Jahr seit seinem Bestehen ausverkauft sei. Kein Wunder, gehört das Way Out West definitiv zur Topkategorie der europäischen Festivals. Falls einem Spanien mit dem FIB zu heiß sein sollte und man nach jahrelanger Melt!-Beschallung auch noch einmal etwas anderes erleben möchte, so ist das Way Out West die perfekte Alternative, eher noch: ein absoluter Pflichttermin im jährlichen Festivalkalender.


 

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