DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Traumzeit-Festival 2011

Interpret:
Various Artists

Datum:
01.07.2011

Lokation:
Landschaftspark Nord, Duisburg

Weiterführende Links:

Autor:
Bastian Küllenberg
Wuppertal / Düsseldorf, 06.07.2011

BERICHTE

Festivalbericht - Traumzeit-Festival 2011

Traumzeit-Festival 2011

Müsste man sich den perfekten Konzertabend erträumen, es fände sich ein geeignetes Beispiel mit dem Freitag des Traumzeit 2011. Für den Eröffnungstag verdienen sich die Macher des Duisburger Festivals eine Goldmedallie in Sachen Programmgestaltung und Inszenierung. Caribou, Mogwai und Olafur Arnalds in einer Reihe, auch ohne zu wissen, an welchem Ort, ein Grund für vorfreudig feuchte Augen und glimmende Glücksgefühle. Und das bei einem fairen Tageskartenpreis von rund 30 Euro. Aber der Reihe nach.

Nach der Ankunft am Duisburger Hauptbahnhof geht es mit dem stilvollen 60er Jahre Reisebus direkt zum Landschaftspark Nord, wo einen entspannt unaufdringliche Stadtteilfestatmosphäre empfängt. Auf der kleinen Außenbühne werden gerade die sonderbaren Instrumente des Percussion-Duos Bubble Beatz abgebaut. Zeit für ein gemütliches Bier, ausgeschenkt mit purer Ruhrpott-Herzlichkeit. Ortsbestimmung, ein erster Spaziergang zur Orientierung und schnell fällt auf, dass diese Location ein wahrer Glückgriff ist, wenn man sie zu nutzen weiß. Auf dem Gelände des ehemaligen Hüttenwerk Meiderich zeigt sich der Landschaftspark Nord als Paradebeispiel für Umgestaltung und Neubelebung.

Es lockt die Kraftzentrale. 170 Meter lang ist sie, die Industriehalle, und beim Eintreten wird einem das wahre Ausmaß nur teilweise bewusst. Ein schwerer Vorhang trennt den hübschen Barbereich vom eigentlichen Konzertsaal. Was sich dort dem staunenden Besucher offenbart, darf gerne als faszinierend beschrieben werden. Hier haben sich Menschen wirklich Gedanken gemacht, wie man ein Konzert passend in Szene setzt. In der Mitte der gigantischen Halle befindet sich ein Quadrat aus Sitz- und Stehtribühnen, die eigentliche Bühne befindet sich offen in der Mitte. Unmittelbarkeit, Barrierefreiheit, das Gegenteil von jenem letztlich austauschbaren Massenspektakel, das ein Konzert einer Konsensband im Rahmen eines Festivals in altem Industriegemäuer sein könnte.

Caribou absolvieren einen von nur zwei Deutschlandauftritten in diesem Jahr und sicher eines der eindruckvollsten Konzerte ihrer Karriere. Vom eingangs auftretenden Moderatorenteam wird das Publikum eingeladen, sich ruhig direkt vor die Bühne zu setzen, was auch prompt befolgt wird. So gelingt es, eine sehr angenehme, positive Stimmung zu erzeugen, noch bevor Dan Snaith und seine drei Mitstreiter überhaupt begonnen haben. Da dann die Musik dem Szenario in nichts nachsteht, dauert es nicht lange, bis Bewegung in die Menschen kommt. Caribou zelebrieren im Band-Outfit den Flower Power-Electro ihres aktuellen Albums „Swim", inklusive des ausführlich beklatschten Hits „Odessa", vergessen aber auch den famosen Vorgänger „Andorra" nicht, auf dem noch deutlich stärker Brian Wilson ein Einfluss war.. „Melody Day" wird somit als ausufernde Psychedlic Pop-Nummer dargeboten und es entsteht kein Bruch zum übrigen Set.

Während das letzte Stück angekündigt wird, bittet Snaith die Leute noch näher heranzutreten. Da es ohnehin kaum noch jemanden auf den Sitzen hält, wird schnell Folge geleistet und die Band findet sich auf Armlängenabstand umringt von einer glücklich tanzenden Masse. Es ist schön zu erleben, dass man im Jahr eins nach der Love Parade-Katastrophe ausgerechnet in Duisburg seinem Publikum soviel Vertrauen entgegenbringt und fast um so schöner zu sehen, dass dieses Vertrauen nicht enttäuscht wird. Euphorisch geben sich Caribou dem Rausch der guten Stimmung hin und verabschieden sich mit einer triumphalen Version des großartigen „Sun".

Der Weg führt nun in die Gieshalle, eine halboffene Bühne im Korpus eines ehemaligen Hochofenauslaufs. Mogwai passen hier hin. Im Hintergrund eine große Videoleinwand, die immer wieder für sehr stimmungsvolle Projektionen genutzt wird, davor eine Wand aus Klang. Die Schotten spielen die gleiche Setlist wie zu Beginn des Jahres bei ihrem Kölner Gig, mischen alte und neue Songs, doch klingen schlichweg ergreifend, bis physisch umwerfend. Genau so einen Klang braucht diese Band. In den ersten Reihen zu stehen, eine der besten Ideen des Abends.

Mindestens genauso gut, wenn nicht gar entscheidend, ist jedoch Mogwai nach begeisternden vierzig Minuten vorzeitig zu verlassen und erneut in die Kraftzentrale zu gehen, um sich das Konzert von Olafur Arnalds anzusehen. Der isländische Komponist und Wunderknabe sitzt am Flügel und wird von vier Streichern sowie einem Laptop-Künstler begleitet. Man erinnere sich, die Bühne ist in der Mitte des Publikums. Auf den Sitzrängen herrscht größtenteils genüßliches Schweigen, während die Musiker ihre feinen, melancholischen Lieder darbieten, die Elemente aus Klassik mit Strukturen des Songwriter-Pop und Beats aus Trip Hop-Gefilden vereinen.

Eine perfekt abgestimmte Beleuchtung, die kleinste musikalische Details aktzentuiert und verspielte Videoprojektionen, ergänzen das Konzert zu einem audiovisuellen Schauspiel. Zwischen den mitunter tieftraurigen, entschleunigenden Melodien zeigt sich der 24jährige Arnalds äußerst sympathisch und eloquent. Er erzählt kleine Geschichten zu den Stücken und bedankt sich sichtlich erfreut. Nach stehenden Ovationen am Ende des Auftritts kehren die Isländer nach weit über einer Stunde sogar für eine Zugabe zurück und bescheren den Konzertbesuchern so einen sanften Ausklang. Die Dramaturgie des Abends hätte nicht stimmiger sein können.

Hut ab Traumzeit, so buchstabiert man hochwertige Konzertveranstaltung. Es wird Zeit, dass dich auch die Menschen außerhalb des Ruhrgebiets entdecken.


 

Freunde

 
 
 
 

Wir Präsentieren:

 
 
 

Prunkstücke