DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Sónar 2011 - „Sónar Festival is for sale“

Interpret:
Various Artists

Datum:
16.06.2011

Lokation:
Barcelona

Weiterführende Links:

Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 22.06.2011

BERICHTE

Festivalbericht - Sónar 2011 - „Sónar Festival is for sale“

Sónar 2011 - „Sónar Festival is for sale“

„Festival Sónar en venta“ - „Sónar Festival is for sale“: mit der diesjährigen Imagekampagne beweisen die Veranstalter des Sónar Festivals in Barcelona fabelhafte Ironie, schneiden sie sich damit doch gleichzeitig ins eigene Fleisch. Dass Sónar heute nicht mehr das ist, was es zu Anfang war, kann man als riesige Entwicklung, aber auch Verfall der eigenen Sache sehen. Das größte und wohl interessanteste Festival für elektronische Musik und multimediale Kunst auf der einen Seite, gebrandete und all zu perfekte Massendiscothek auf der anderen Seite. Ein Stück weit verkauft hat sich Sónar wieder allem politischen Witz in der Tat.

Es ist ein langersehntes Debüt für Crazewire. Seit 1994 findet das Sónar Festival alljährlich in Barcelona statt. In dieser Zeit ist das Sónar zu einem der größten Festivals in Europa und maßgebend für die internationale Elektro-Szene geworden. Zahlreiche Tochter-Veranstaltungen in Tokio, São Paulo oder Galicia sind in dieser Zeit hervorgegangen. Jedes Jahr schmückt sich das Festival mit einer anderen visuellen und konzeptuellen Identität. So durchzog das schelmische Grinsen des ehemaligen Fussball-Profis Diego Maradona das Design des Sónar Festivals 2002, im Jahr zuvor war es eine bepinkelte Familie in feierlichen Posen. Eine Marketingstrategie, Kritik an der EU? In jedem Fall beweisen die Festival-Veranstalter Mut und Humor und sind damit im Festival-Katalog auf ihre Weise einzigartig. Einzigartig also nicht nur auf musikalisch- künstlerischer Ebene.

Auf 11 Bühnen machen 286 Künstler aus 33 Ländern das Line-Up der 18. Ausgabe des Sónar Festivals wahr. Dass Sónar by Night-Headlinern wie Underworld, M.I.A., Aphex Twin, Magnetic Man, Die Antwoord, The Human League, Dizzee Rascal, Cut Copy, James Murphy, Janelle Monáe, Paul Kalkbrenner, Chris Cunningham oder Boys Noize zwar nicht der neue große Wurf sind und kommende Newcomer, wie sie das Sónar häufig hervorbringen konnte, im Line-Up zu fehlen scheinen, wird von einer reibungslosen und fast hochglänzenden Festival-Organisation verdeckt. Wider dem Image-Humor zeigt sich das Sónar in seinem Line-Up verhalten. Experimente werden hier nicht gemacht. Und vielleicht genau aus diesem Grund braucht es dieses Jahr seine Zeit, bis das Sónar so richtig Fahrt aufnimmt.

Dass Sónar by Day und Sónar by Night zwei fast gänzlich verschiedene Festivals sind, zeigt sich nicht bloß am Line-Up, sondern auch in der Größe der Venues. Für den Tag wird erneut das Stadtzentrum eingeräumt, beziehungsweise das Centro de Cultura Contemporánea de Barcelona (CCCB), das Museu d'Art Contemporani (MACBA) oder der ins L'Auditori de Barcelona gelegte Eröffnungsabend mit Steve Rich' Kompositionen - wegen einem Krankheitsfall musste das Konzert ohne den Komponisten stattfinden. Die Reise in das 15 Minuten entfernte industrienahe Sónar by Night schreckt ab wie eine Fahrt auf die rechte Rheinseite. Und doch finden hier die großen Namen statt. Pompöse Lichtshows, weitläufige Bühnen, dort finden die 80.000 Besucher in der Nacht ihr zuhause. Am Tag drücken sie sich an Reklamen, Sponsoren und Absperrungen vorbei. Die Verhältnisse sind verschoben.

Konzerte und DJ-Sets, in denen noch Luft zwischen den Zuschauern ist, sind die große Ausnahme. Die vierköpfige Band, die aus dem einstigen Bedroom-Projekt Toro Y Moi entwachsen ist, liefert eine harmonische Performance aus elektronischen Spielereien von Chaz Bundicks Synthesizer-Pult und klassischen Band-Instrumenten. Ein ausgewogenes Set seiner beiden Alben „Causers Of This“ und „Underneath The Pine“ dürfte das verhältnismäßig kleine Publikum zufrieden gestellt haben. Ausgelassenes trippeln zwischen den Gebäuden und Bäumen um das CCCB unter wolkenlosem Himmel. Es ist wie die perfekte Negation eines Vorurteils. Ein Techno-Festival beginnt mit handgemachtem Pop, mit klassischer Instrumentation.

Denn auch Brandt Brauer Frick liefern zusammen mit einem Ensemble aus Bläsern, Streichern und einer Harfenspielerin auf der Red Bull Music Academy Stage - dem SónarDôme - den idealen Irrweg zum Gegenstück. Dass Paul Frick, Jan Brauer und Daniel Brandt mit ihrem siebten Konzert als Trio überhaupt keinen Höhenflug erleben dürften, ist beim Anblick des weißen Kirmeszelts und des Brandings ablesbar. Dass Paul Kalkbrenner mit seinem Live-Set und seinem neuen Album „Icke Wieder“ den ganzen SónarPub zum beben bringt, passt zu Beatlimit und Sich-Verkaufen. Die Authentizität der Musik bleibt auf der Strecke. Der Glanz und die Kunst eines Sewing Machine Orquestra, Martin Messiers visuelles Audio-Projekt, das Nähmaschinen-Geräusche zu Dubstep verarbeitet, geht in einem lieblosen, engen SónarComplex und trinkenden Nationen unter.

Die frühen Stunden am Nachmittag sind die, die dem Sónar Festival heute am besten stehen. Wenn die Sonne dem Zenit entgegen geht und das Sónar by Night-Publikum noch schläft. In diesen Stunden glänzt das Sónar am stärksten. Tanzbar oder Chill-Out. Es wirkt fast als würden Turbinentriebwerke dröhnen, als der Spanier Neuron sein Set spielt. Und niemand fragt sich was da los ist, bis auf ein paar verlorene oder verliebte Seelen. Eine BPM-Zahl, die kaum fassbar ist und doch ist diese Musik treibend wie kaum eine andere in diesem Moment. Anders kann das erste müde Tanzbein mit Carlos Hollers im SonarDôme geschwungen werden. Beachtung finden selbst die Seelenleiden von Standhal Syndrome in der SónarHall kaum.

Die Imagekampagne geht derweilen in die Vollen. Es wurden zwei „außergewöhnliche“ Pässe bei eBay zur Auktion eingestellt. Zwei mal den „Ego Pass“, der die beiden Gewinner für 20 Sekunden auf den Bildschirmen der Main-Stage in Barcelona und Galicia zeigt, einmal den „DJ Pass“. Das diesen die Imagekampagne selbst gewonnen hat, Mr. Samaniego, ist die Ironie der Ironie. Der gekippte Euro, die Selbstreflexion bleiben stehen, während der Protest am Plaça de Catalunya und die Krise weiter gehen.

Video: „Sónar 2011 Image“


 

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