DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Roskilde Festival 2009

Datum:
05.07.2009

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Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 13.07.2009

BERICHTE

Festivalbericht - Roskilde Festival 2009

Roskilde Festival 2009

Wer schon einmal in Dänemark seinen Sommerurlaub verbracht hat, der weiß, dass Dänen (Achtung, Generalisierungsgefahr!) freundliche, zuvorkommende Menschen sind, die zur Gemütlichkeit neigen und das Wörtchen „Tradition“ groß auf ihre Fahnen schreiben, die sie dann im selben Atemzug mit wilder Begeisterung und einem Lächeln auf den Lippen schwenken. Jahrelang war dem Rezensenten deshalb schleierhaft, wie dieses, durch Recherchen und empirische Studien erlangte Gesellschaftsbild in Einklang zu bringen war mit der Ausrichtung eines der größten Rockfestivals auf europäischem Boden. 

Die eigenen Freunde schwärmen bereits seit Jahren von diesem Großereignis. Mit großen Augen erzählen sie einem von den tausenden freiwilligen Mitarbeitern, die unter anderem in den Würstchenbuden und als Security ihren Dienst verrichten. Von den sieben Bühnen, auf denen von mittags bis spät in die Nacht die unterschiedlichsten Bands ihre Auftritte haben. Von Ampeln, die den Zutritt in die erste Absperrung regeln. Vom ökologischen Geist des Festivals. Von den Menschenmassen, die bereits Tage vor dem Festivalbeginn vor dem Eingang zum eigentlichen Festivalgelände campen, um sich zum Zeitpunkt des Einlasses die besten Plätze sichern zu können. Das schlechte Wetter wird immer nur kurz am Rande erwähnt, dann wird wieder geschwärmt.

Wenn man selbst nicht dabei war, hört man sich das alles mit Unverständnis an und fragt sich am Ende kopfkratzend: Kann das wirklich Spaß machen? Also so richtig wirklich? Kommt bei so viel Gutmenschlichkeit, soviel Sicherheitsgedanke überhaupt noch Festivalstimmung auf? Dieser Frage gingen wir nach, um nach vier Tagen zu einem, naja, überraschendem Ergebnis zu kommen.

Das Festivalgelände an sich ist wegen seiner sieben Bühnen sehr weitläufig, schnelles „Bühnenhopping“, wie man es von anderen Festivals her kennt, ist unter diesen Voraussetzungen kaum möglich. Man will die Bands ja nicht nur sehen, man will sie im besten Fall erleben, ja, man will Erinnerungen sammeln, womit nicht das eilige Schießen von verwackelten Handyfotos gemeint ist. Daher wird das Roskilde 2009 zu einem Festival der schweren Entscheidungen. Welche Band lässt man aus, welche kann man möglicherweise noch auf einem anderen Festival sehen. Das Studieren des Zeitplanes nimmt dabei fast wissenschaftliche Züge an.

Dabei ist der Donnerstag noch der überschaubarste Tag ohne zeitliche Überschneidungen. Die überraschend jung gebliebene Lucinda Williams nölt sich durch ein souveränes Set ihrer neuen und alten Songs und spielt am Ende noch eine Version von AC/DCs „It‘s A Long Way To The Top (If You Wanna Rock ´n Roll)“. Die Menge jubelt, der Startschuss wurde gegeben, möge das Festival nun so richtig beginnen. Bühne frei für  Kanye West, der auf der Hauptbühne als erster Headliner auftritt. Auf riesigen, spitzen, wild zusammengewürfelten Pyramiden thront und regiert König Kanye über seine Band, seinem Auto-Tune-Effekt und seinem Volk, das selbstgebastelte „Gay Fish“-Pappschilder in die Höhe reckt, in Anspielung an eine South-Park-Episode, in der die Macher Wests überdimensionales Ego auf die Schippe nahmen. Und als wollte er seiner South Park-Figur gerecht werden, beginnt das Set sehr eigenbrötlerisch, was in einer unglücklichen Version des an sich tollen „Say You Will“ mündet, in der West gefühlte zwanzig Minuten lang über sich, Michael Jackson und vor allem: sich selbst referiert, bis auch die hartgesottensten Fans ernsthaft überlegen, zu Mew abzuwandern. Doch dann fängt sich West rechtzeitig wieder und spielt souverän und unspektakulär seine Hits und damit das Konzert nach Hause.

Nach Hause gehen die meisten Festivalgäste noch nicht, sondern schauen sich stattdessen ihren Lokalhelden Trentemøller an, der in einem Hybrid aus DJ-Set und eigenen Songs die Menge zum Kochen bringt. Das erinnert bisweilen an 2Many DJs, kann auf die Dauer von zwei Stunden zu später Nachtstunde auch ein wenig ermüdend sein, doch im richtigen Moment hat Trentemøller dann immer wieder die zündende Idee, vermengt die Musik von unter anderem Britney Spears und The Cure zu einem ganz eigenen Mix, bis das Publikum an Ende hundemüde in ihre Schlafsäcke fällt.

Aus eben diesen holen einen am folgenden Tag die Fleet Foxes, die einem bei Tageslicht zwar nicht unbedingt die Schuhe ausziehen, so früh am Tag aber schon für ausgelassene Topanga-Canyon-Stimmung sorgen. Dann gibt es die erste schwere Entscheidung des Festivals: Glasvegas oder Faith No More? Hochgelobter Newcomer oder glorreich auferstandene Helden? Es gewinnen die Helden und am Ende ihres anderthalbstündigen Sets ist man froh, diese Wahl getroffen zu haben. In schicken, pastellfarblich abgestimmten Anzügen rocken die gealterten Herren was das Zeug hält, spielen dabei Hit um Hit, während Mike Patton mit seiner allumfassenden Bühnenpräsenz mehr als deutlich zeigt, warum er einst einer der größten Rockfrontmänner der Neunziger war. „Easy“ wird schon im Vorfeld schnell abgebacken, danach geht es auf Neuentdeckungsreise der Bandgeschichte, die doch mehr Nuggets enthielt, als man es sich selbst eingestehen wollte. Fulminant. Mindblowing. Fantastisch. Eine Aussage, die auf fast alle gesehenen Bands an diesem Wochenende zutrifft, deshalb unterlassen wir der Einfachheit halber die Wiederholungen und merken nur an, bei welchen Bands diese Attribute nicht zutreffen.

Aus unbestätigten Quellen erfahren wir nachher, dass Glasvegas einen ziemlich nichtssagenden Auftritt hingelegt haben sollen und freuen uns deshalb umso mehr auf Nick Cave, der nun im Anschluss mit „Tupelo“ und „Dig! Lazarus! Dig“ fulminant und mindblowing (ok, ab sofort keine Wiederholungen mehr, versprochen) sein Konzert beginnt. Der Rest ist Cave at it‘s best, mit frühen Hits und „Stagger Lee“ als Höhepunkt. Schnell auf die Uhr geschaut: 20:55. Da bleiben einem noch genau fünf Minuten bis zum Auftritt von Little Boots, also schnell loslaufen zum kleinen Zelt in dem sie spielt. Rechtzeitig aber bereits durchgeschwitzt kommt man an und ist am Ende eines kurzen, intensiven Sets noch durchgeschwitzter. Also erst einmal ausruhen und die nächste Entscheidung treffen: Die Lads von Oasis müssen ohne uns auskommen, da zeitgleich die Mensch-Maschine Grace Jones spielt. Mit ein wenig Verspätung steht sie dann plötzlich vor uns auf einer gewöhnlichen Hebebühne, die allein durch ihre Präsenz zu einem außerirdischen Artefakt wird. Fast noch herausragender als ihre Stimme und ihre Songs ist Jones‘ makellose Figur. 60 Jahre ist sie mittlerweile alt doch in ihrer Netzstrumpfhose und einem Einteiler zeigt sie uns, was sie noch hat, wirft sich in Pose, räkelt sich lasziv am Geländer der Hebebühne. Nach jedem Song verschwindet Jones hinter der Bühne und kommt mit neuer Garderobe und neuer Hutkreation wieder hervor. Dann lässt sie sich wie eine königliche Majestät auf den Schultern eines Security-Mannes durch die Halle tragen und feiern. Doch neben all der Show, den Windmaschinen, und Kostümwechseln sind es dann doch die Songs um „Slave To The Rhythm“ und vor allem „William‘s Blood“, die faszinieren. Im abschließenden „Hurricane“ kämpft Jones mit einem wehenden Umhang gegen eine Windmaschine. Das hat dann schon fast malerische Züge und wirkt so verstörend schön, dass man die ganze Nacht von dieser Kunstfigur Jones träumt.

Am nächsten Tag hat man dann nach dem doch etwas belanglosem Auftritt von ...Trail Of Dead Zeit, sich das Gelände genauer anzuschauen. Es gibt ein Riesenrad, das allein durch Fahrräder angetrieben wird. So kann sich jeder, der freiwillig ein paar Minuten auf dem Fahrrad für die gute Sache arbeitet, eine Freifahrt erstrampeln. Das gute Wetter lädt zum Flanieren über das zwar immer noch große, nun aber bereits familiäre Festivalgelände ein. Überall fröhliche Menschen, die alle ausgelassen miteinander feiern. So muss es aussehen, das Paradies eines jeden Festivalgängers, mit der Ausnahme, dass im Himmel von der netten „Crowd Safety“ (nicht „Security“ - was für eine positive Grundstimmung dieser leicht abgewandelte Begriff im Bewusstsein auslöst.) nicht kostenlos zu jedem Konzert Wasser, sondern Bier und Wein verteilt werden. Zu Elbow, der perfekten Samstag-Nachmittag-im-Sonnenschein-Band döst man dann leicht ein, nicht weil die Band so langweilig ist, sondern weil man noch immer unter den Folgen der letzten Nacht leidet, die spät abends mit Nine Inch Nails dröhnend und apokalyptisch zu Ende ging.

Nach Elbow erwartet man sich von Amadou & Mariam nicht viel, doch am Ende ihres einstündigen Auftritts sind sie zu den Festivallieblingen der Herzen aufgestiegen. Wie das blinde Paar aus Mali mit seinem rhythmischen World-Music-Mix allen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert, hat schon was Betörendes. Man ist hin und weg und lässt dafür Micachu & The Shapes sausen, zu der man dann später hinzustößt. Dort sieht man die 21-jährige Mica Levi, wie sie ein wenig ratlos versucht, eine volle Stunde mit Musik zu füllen. Zur Erinnerung: Micachu hat soeben erst ihr Debütalbum herausgebracht, das man mit seinen 32 Minuten Spielzeit auch nicht gerade episch nennen kann. Darum füllt sie die unvermeidlichen Löcher mit allerlei Krach und Lärm, der unangenehm verstört und so die Zuschauer verscheucht. Schade, eigentlich.

Danach treffen sich alle Deutschen bei Deichkind, die sich nach dem Tod ihres Produzenten Sebastian Hackert nichts anmerken lassen und für die größte Sause auf dem Roskilde 2009 sorgen. Da werden Hits ausgepackt, mit Wasserpistolen gespritzt, die „Zitze“ (eine überdimensionale Trinkanlange) sprüht einem Wasser (oder ist es doch etwas anderes?) in den Mund, während die Menge entschieden, aber kontrolliert, ausrastet. Das ist ganz, ganz großes Entertainment und macht Spaß. Und mehr als unterhalten wollen Deichkind ja schon lange nicht mehr.

Die Pet Shop Boys haben neben Tänzern und ihren Gassenhauern noch unzählige Würfel dabei, die sie auf der Bühne wie eine Wand stapeln. Fast wie bei Pink Floyds „The Wall“ wird die Wand nach 2-3 Songs eingerissen, doch im Gegensatz zu Waters & Co. werden die „Mauerreste“ immer wieder neu zusammengesetzt, so dass man sie mal als Treppe, mal als Sichtschutz nutzen kann. Genial einfach und somit die logische Konsequenz nach ihrer letzten „Cubism“-Tour. Ihre Songs behandeln Neil Tennant und Nick Lowe dabei auch wie Bauklötzer, die sie nach Lust und Laune neu zusammensetzen. So wird „Can You Forgive Her“ kurzerhand mit dem neuen Stück „Pandemonium“ zu einem völlig neuen Klangerlebnis, und auch bei den restlichen Stücken werden altbekannte Fetzen auf noch nie gehörte Weise zusammengenäht. Neben den offensichtlichen Hits wie „Go West“, „Always On My Mind“ oder „It‘s A Sin“ spielen die Pet Shop Boys auch immer wieder unbekanntere Albumtracks, dieses Mal vor allem aus der Frühphase. Als Neil Tennant dann zum Coldplay-Cover „Viva La Vida“ mit Umhang und Krone auf der Bühne erscheint, wird es allen klar: König Kanye wurde soeben von seinem Thron gestoßen, es lebe Neil der Erste!

Der letzte Tag steht dann ganz im Zeichen von Coldplay. Bereits Stunden vorher stehen die ersten Menschen an, um bei Coldplay in der ersten Absperrung stehen zu dürfen. So verpassen sie die gut aufgelegten Eagles Of Death Metal und die noch besser aufgelegten Madness, die mit ihrem englischen Understatement, ihrer Coolness und der knapp 30-jährigen Bühnenerfahrung im Nu die Leute auf ihrer Seite haben. Danach darf, und das gibt es auch nur beim Roskilde, der Friedensnobelpreisträger des Jahres 2006, Muhammad Yunus, eine Rede halten. Doch kommen wir nun zu Coldplay, der Band, die das Roskilde 2009 abschließen darf. Vielleicht liegt es an den Menschenmengen, die sich vor der Bühne versammelt hat, vielleicht auch am Gesangsstil Martins, doch die U2-Werdung von Coldplay ist unüberseh- und unüberhörbar. Wie alles noch einmal eine Spur größer geworden ist, wie die Menschen mit leuchtenden Augen den Chor bei „Viva La Vida“ mitgrölen, wie die Band Michael Jackson mit einer Cover-Version von „Billie Jean“ gedenkt, das hat teilweise schon etwas unangenehm Muffiges und Pathetisches an sich.

Doch immer wenn man sich dabei ertappt, dass man die Band dafür insgeheim hassen will, hauen sie einem ein „In My Place“ oder „Yellow“ um die Ohren, so dass man am Ende halbwegs versöhnt ist. Dann ist der Spaß auch schon vorbei, ein kleines Feuerwerk kündigt es an, dass das Roskilde 2009 just in diesem Moment Geschichte ist und man kann nun endlich auch offiziell sein Fazit ziehen: Das Roskilde Festival, insbesondere die diesjährige Ausgabe, gehört definitiv mit zum allerbesten, was man im Sommer mit seiner Zeit anstellen kann. Man könnte noch so viel mehr Argumente für dieses Festival vorbringen, doch es würde einem ja eh niemand glauben. Nicht, solange man es nicht mit seinen eigenen Augen gesehen hat.


 

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