DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Rolling Stone Weekender

Lokation:
Weissenhäuser Strand

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 23.11.2009

BERICHTE

Festivalbericht - Rolling Stone Weekender

Rolling Stone Weekender

Man war ja als langjähriger Festivalgänger schon auf so manchen ungewöhnlichen Festivallocations. Da gibt es große Events auf Formel-1-Rennstrecken, Konzerte zwischen monolithischen Tagebaukränen oder eine Siesta bei 40 Grad im Schatten am spanischen Strand, nur um sich von den spätabendlichen Konzerten zu erholen. Das alles ist mit den Jahren bereits so zur Normalität verkommen, dass man dies in seinen Festivalreviews nur noch am Rande erwähnt. 

Doch an diesen drei Beispielen merkt man, dass Festivals, so etabliert sie heutzutage auch sein mögen, immer mit dem Flair des Außergewöhnlichen, des Einzigartigen zu punkten wussten (und mussten). Immer schwerer wird es, sich auf dem hartumkämpften Markt der Festivals zu positionieren, dass man mittlerweile bereits dazu übergegangen ist, eine Art Antithese zum eigentlichen Festivalerlebnis zu starten. Statt matschigem Acker und wasserdurchlässiger Zeltmembrane setzen diese Art von Festivals auf den Wohlfühlfaktor eines kurzen Wochenendurlaubs, an dessen Ende man nicht froh ist, endlich zu Hause ins Bett fallen zu können und eine Dusche zu nehmen, da man diese Annehmlichkeiten bereits während des Festivals genießen konnte.

Was in England unter der Bezeichnung „Weekender“ bereits seit Jahrzehnten zum Alltag gehört, ist für deutsche Verhältnisse noch ein relativ neues Erlebnis: In der beschaulichen, abgeschiedenen Idylle einer Freizeitwohnanlage wird ein Rundum-sorglos-Paket geschnürt, das für den gestressten Festivalgänger keine Wünsche offen lässt. Das Apartment ist bereits im Ticketpreis erhalten, genauso wie unzählige andere Attraktionen. Das hat zwar mit der eigentlichen Festivalidee nicht mehr viel gemeinsam, mag auf dem Papier spießig und borniert klingen, ist aber in der Praxis eine nicht zu unterschätzende Alternative zu den „regulären“ Sommerfestivals.

Mit diesem Charme des gutbürgerlichen Kurzurlaubs der Sechziger und Siebziger Jahre kann auch das „Rolling Stone Weekender“ aufwarten, das dieses Jahr erstmalig im Ferienpark Weissenhäuser Strand, 50 Kilometer von Kiel und nur einen Steinwurf von der Ostsee entfernt, vom 6. bis zum 8. November stattfand. Das namensgebende Magazin macht bereits deutlich, dass hier ein etwas älteres Publikum angesprochen werden soll, auf dessen Bedürfnisse hin dieses Festival zugeschnitten wurde. Das soll nicht bedeuten, dass man auf diesem Festival nur gesetzten, grauhaarigen Herren in alternativen Sonic-Youth-T-Shirts begegnet (obwohl man diese hier auch findet). Das Publikum ist bunt gemischt und noch bevor die erste Band zu spielen beginnt, liegt eine positive Aufgeregtheit in er Luft. Was, ja was, wird uns dieses Festival bescheren?

Das große beheizte Festzelt, sozusagen die Mainstage, wird durch Kettcar eingeweiht, die sich für ihren Auftritt  in schicke Anzüge geschmissen und ein Streichquartett engagiert haben, während die E-Gitarren gleich zu Hause blieben. Unplugged heißt das dann wohl im allgemeinen Sprachgebrauch. Durch diese Neuinterprationen gewinnen die Stücke beträchtlich an Qualität, wird ein Song wie „Landungsbrücken raus“ zu einem erhabenen Erlebnis und zu einer deutschen Version von REMs „Nightswimming“. Doch Zeit zum langen Verweilen hat man nicht, es warten bereits die nächsten dekadenten Attraktionen auf einen.

Plattenbörse, Heinz Strunk, Weinverkostung oder doch The Soundtrack Of Our Lives? – es schwirrt einem der Kopf bei so vielen Entscheidungsmöglichkeiten. Man entscheidet sich schlussendlich und schweren Herzens doch gegen Strunk und TSOOL und begibt sich zur Weinverkostung, wo ein ausgebildeter Sommelier einem die Unterschiede zwischen einem österreichischen Pannonikus und einem chilenischen Rioja erklärt. Man nickt mit Kennermiene, lässt sich die unterschiedlichsten Sorten Weiß- und Rotweine ins Glas füllen und bestellt gleich eine ganze Kiste für zu Hause. Sozusagen das äquivalent zum Festival-T-Shirt für die Generation über 30. Während man den Wein probiert, hört man aus der Ferne noch „Sister Surround“ und kann sich bildlich ausmalen, wie Ebbot Lundberg in seinem Kaftan über die Bühne schwebt.

Langsam wird einem klar, dass sich das RS Weekender gar nicht so stark von anderen Festivals unterscheidet. Hier wie dort gibt es großartige Bands zu bestaunen und doch findet bei beiden Formen das wahre Festival fernab der Bühnen statt. Was beim normalen Festival das Zelt, ist hier das geräumige Apartment, in das man sich zwischen den Konzerten gemütlich zurückziehen kann, um dank der eingebauten Küchennische statt Dosenravioli ein kleines Drei-Gänge-Menü zu zaubern. Das, und die Aussicht, nachts im November nicht im Freien schlafen zu müssen, lässt einen vergnügt zu Kashmir gehen, die mit ihrem in Weltschmerz verpackten Preziosen auf ganzer Linie zu überzeugen wissen. Zwischendurch streuen die Dänen immer mal wieder einen Song ihres bald erscheinenden neuen Albums ein, die Lust auf mehr machen. Doch sind es die alten Klassiker ihres Großwerks „Zitilites“, die einen emotional am meisten mitnehmen. Zum intelligent rockenden „Surfing The Warm Industry“ reckt man die Faust in die Luft und singt lauthals den Refrain mit, während man sich bei „The Push“ verstohlen eine Träne aus dem Auge wischen muss. So hatte man die Dänen in Erinnerung. Schön, dass sie es immer noch können.

Im Gegensatz zu den Editors, die mit ihrem neuen, elektronischeren Sound nicht komplett überzeugen können und einen irgendwie ratlos und unberührt zurücklassen. Dann lieber doch zu den zeitgleich stattfindenden Kurzfilmen, die einen das komplette Wochenende hindurch begleiten. Brendan Benson im Anschluss lässt sich viel Zeit beim Aufbau seines Equpiments im kleinen Saal, in dem sonst vermutlich unbekannte Alleinunterhalter auf ihrer Bontempi-Orgel den älteren Ferienparkgästen alte Gassenhauer um die Ohren schleudern. So kriegt man seinen Auftritt nicht mehr mit, da nun die Hauptattraktion am Freitag die Zeltbühne betritt: The Flaming Lips mit einem exklusiven Deutschlandkonzert. Doch auch Wayne Coyne und seine Mannen lassen sich beim Aufbau viel Zeit, vertrösten die Fans jedoch dadurch, dass sie selber die Instrumente stimmen und beim Aufbau helfen. So vergeht die Zeit wie im Fluge und beinahe verpasst man den Moment, in dem alles losgeht, die schweren Synthiewogen ans Ohr dringen. Die im Hintergrund laufende Videoinstallation zoomt in psychedelisch anmutendem gelb-orange auf eine nackte Frau, bis man am Ende zwischen ihren Schenkeln landet, dessen Mitte hell erstrahlt zu pochen anfängt. In diesem Moment und nach sehen des Filmes „Christmas On Mars“, den die Band letztes Jahr veröffentlichte, wird einem klar, was der Bandname wohl zu bedeuten hat. Aus diesem pochenden Zentrum öffnet sich dann eine Tür, aus der Nacheinander die Band die Bühne betritt. Was jetzt hier wie eine billige Version von Spinal Tap klingt, verschlägt einem bereits zu Beginn die Sprache, denn neben all dem Kitsch und den sexuellen Anspielungen ist der Eröffnungssong „Race For The Prize“ einfach berauschend. 

Dann beginnt der ganz normale Wahnsinn - Coyne rollt in einer überdimensionalen Kugel über unsere Köpfe, ein Konfettiregen schüttet sich über dem Publikum aus, Ballons schweben über unseren Köpfen, darüber hinaus stehen am Bühnenrand Yetis und tanzen. Was hier klingt wie die Zusammenfassung eines komplettes Konzertes einer jeden anderen Band, ist in Wahrheit nur die Show zum ersten Song. Darüber hinaus kommt noch ein Gorilla, Coyne spielt eine falsche Trompete und das Publikum ist sichtlich angetan. Großartige Band, großartige 90 Minuten.

Den Samstag nachmittag verbringt man zunächst im Ferienpark angeschlossenen Wellness-Bad. Wasserrutschen, Whirlpools; hier kann man es sich gut gehen lassen. Auf dem Weg aus der Sauna kommen einem dann noch die Jungs von Kashmir entgegen, nur mit einem Handtuch bekleidet. So soll es sein, selbst die Bands nutzen das reichhaltige Rahmenprogramm. Man bemerkt gar nicht, wie schnell die Zeit eigentlich in so einer Ferienanlage vergeht und schüttelt alle Vorurteile, die man vielleicht gegen solche Freizeiteinrichtungen hegte, einfach ab. Vielleicht sollte man hier im nächsten Jahr einfach mal so ein Wochenende genießen, so ganz ohne Musik.

Doch das ist Zukunftsmusik, zunächst einmal trägt Autor Frank Schäfer aus seinem Buch über die Geschichte Woodstocks vor. Es liegt selbstverständlich eine gewisse Ironie in der Luft, wenn man in einem kleinen, bestuhlten Saal von den wilden Eskapaden der 69er hört, während draußen die letzten Gäste von ihren Wellness-Massagen zurückkehren, um sich für den Abend vorzubereiten. Schäfer kann der Geschichte Woodstocks denn auch nichts Neues abgewinnen, reiht Fakten an Anekdoten und hält sich sonst eng an den Oscar-prämierten Dokumentarfilm, aus dem Schäfer immer wieder kurze Ausschnitte zeigt.

Bis zum Auftritt des großen Billy Bragg ist noch eine Weile hin, und so schlendert man ein wenig durch die verschiedenen Säle, ohne jedoch bei einem Künstler länger hängenzubleiben. I Am Kloot sind harmlos, Gisbert zu Knyphausen kann man im kleinsten der drei Säle kaum erkennen, doch was man hört, gefällt. Die Akron/Family, als großer Geheimtipp gehandelt, nerven dann nur noch auf ganzer Linie mit ihrem schrillen, skurrilen Neo-Folk. Nichts gegen Bärte, nichts gegen Waldschratigkeit, doch diese selbstverliebte Orientierungslosigkeit, dieses Mäandern in der Improvisation, geht einem bereits nach wenigen Takten gehörig auf die Nerven. Schaut, jetzt huiuiuien sie wie Indianer. Nichts wie weg.

Da trifft es sich gut, dass Billy Bragg nun im großen Festzelt die Bühne betritt. Zu behaupten, der Mann wäre in großartiger Laune, wäre eine maßlose Untertreibung. Wie er da alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne steht, Geschichten über seinen Guitar-Hero-spielenden Sohn erzählt, gegen den Kapitalismus wettert oder sich einfach über eine vom Roadie gereichte Tasse Tee freut: Alles, was Bragg heute Abend auch anstellt, wirkt so ehrlich, sympathisch, dass man gar nicht merkt, dass er bereits über anderthalb Stunden auf der Bühne steht. Doch sobald Bragg mit seiner Gitarre einen weiteren Song anstimmt, lauscht das Publikum andächtig und saugt jedes einzelne Wort auf. Nach einer letzten Zugabe wirft Bragg nicht etwa sein Plektrum oder ein Handtuch in die Menge. Nein, ganz der englische Gentleman, der er ist, muss der Teebeutel daran glauben und wird von einer Frau eine Reihe hinter mir andachtsvoll aufgefangen und in die Handtasche verstaut. Vielleicht kann man damit ja noch einmal eine Tasse des originalen Bragg-Tees aufbrühen.

Den Abschluss dieses überaus gelungenen und abwechslungsreichen Festivals bilden Wilco, die erst vor ein paar Monaten mit ihrem neuen Album „Wilco (The Album)“ erneut reüssierten. Scheinbar hat das Publikum, das nun zur großen Hauptattraktion in Scharen das Zelt stürmt, noch nicht mitgekriegt, dass Wilco neben ihren ruhigen Stücken wie „You And I“ auch sehr krautrockige, teils krachige Stücke im Repertoire haben. Fast so, als wollten Wilco gerade denen, die wegen der ersten Sorte Songs nun im Zelt stehen, eins auswischen, spielen sie fast ausnahmslos laute, dynamische Stücke. Selbst die ruhig beginnenden Stücke wie „At Least That‘s What You Said“ werden zunächst vom Publikum mit einem Lächeln im Gesicht quittiert, beim folgenden Feedback-Gewitter müssen sich dann aber die zartbesaitetsten schon die Ohren zuhalten. „Impossible Germany“ denkt man da nur.

Für alle Wilco-Fans hingegen ist dieses Konzert der krönende Höhepunkt des Wochenendes. Man hat sich ja mittlerweile bereits daran gewöhnt, dass Wilco in der jetzigen Besetzung zu den besten Livebands der Welt zählen, so aufeinander abgestimmt sind sie und so harmonisch ist ihr Zusammenspiel. Doch die Perfektion, mit der Jeff Tweedy, Nels Cline, John Stirratt, Pat Sansone, Glen Kotche und Mikael Jorgensen (alle haben eine namentliche Erwähnung in diesem Artikel mehr als verdient) hier am Weissenhäuser Strand zusammenspielen, lässt einen erneut staunen. Diese Band einmal live gesehen zu haben, ist definitiv ein Muss.

Die Nacht ist kurz, am nächsten Morgen muss man bereits um zehn Uhr sein Apartment räumen. Zum Abschluss kauft man sich noch eine ganze handvoll Postkarten mit Strandmotiv und verschickt diese an jeden, den man kennt: „Hallo! Mir geht‘s ausgesprochen gut. Schade, dass Du nicht hier sein kannst. Wir sehen uns hier aber im nächsten Jahr. Garantiert.“ 

 

Freunde

 
 
 

Wir Präsentieren:

 
 
 
 

Prunkstücke