Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Melt! Festival 2011 - Urlaub für's Gehirn
Interpret:
Various Artists
Datum:
31.07.2011
Lokation:
Gräfenhainichen, Ferropolis
Autor:
Sascha Ehlert
Berlin, 04.08.2011
Eines vorweg. Ferropolis ist immer noch das vollkommenste Areal für Musikfestivals in diesem Land. Ganz egal, mit welchen Widrichkeiten und Problemen man sich zuvor herumschlagen musste. Das Melt!-Gelände befreit bei Nacht von allen Sorgen. So sehr verzaubert die Mischung aus archaischen Riesen-Baggern aus einer ganz anderen Zeit. Vergangenheit? Zukunft? So richtig vermag man nicht die Herkunft dieser Stahlmonster zu identifizieren. Laserstrahlen durchstoßen die dunkle Nacht. Tiefe Bässe wummern über das Gelände. Irgendwo werden Flammen in die Luft gespuckt. Ein ökologischer Irrsinn, wenn man so drüber nachdenkt. Aber so lange man sich in dieser Parallelwelt befindet, ist es, wie gesagt, irgendwie beinahe unmöglich, sich selbst mit der Welt da draußen in Bezug zu setzen. Sowieso: Weitertanzen muss jetzt sein. Egal wie schön der Anblick sein möge, da läuft gerade dieser Song. Keine Ahnung wie er heißt, aber er klingt unfassbar gut. Ob nun bereits die Sonne aufgeht oder nicht, ist in diesen Momenten, die einem eigentlich nur auf einem solchen Festival passieren können, schlicht und ergreifend völlig egal.
Sogar der Gedanke, dass an einem quasi legendären Festival mehr stimmen sollte als nur Programm und Atmosphäre, geht im Zuge der visuellen und emotionalen Überwältigung verloren. Beinahe. Ganz ausblenden lässt es sich dann doch nicht, dass nicht alles auf dem Melt! dem heftigen Ticket-Preis gerecht wird. Ein kostenpflichtiges Shuttle zum Bahnhof? Wenn man sich doch eigentlich als umweltfreundlich inszeniert und die Anfahrt per Bahn preist? Immer noch zu wenig Duschen? Zu wenig Informationsstände? An dem organisatorischen Rahmenprogramm gilt es weiterhin einiges zu verbessern, ansonsten werden die stetig steigenden Preise in der Zukunft noch mehr Unmut hervorrufen.
Zum Glück kann man den Veranstaltern ansonsten nur kaum Vorwürfe machen. Und ihnen vor allem dafür danken, dass sie den drohenden Regen bis zum Sonntag von Ferropolis fern halten konnten. Die Wetterberichte in den Tagen zuvor ließen ja eher schlechte Erinnerungen an den Sturm von vor zwei Jahren erinnern. Überhaupt nicht schön war das. Direkt zur Ankunft auf dem Parkplatz waren alle Bedenken nebensächlich. Schließlich ist es schon spät und man will doch unbedingt schnell auf das Gelände. Der inneren Anfangseuphorie sei Dank, würde man schließlich schon das Verpassen von Everything, Everything auf der Hauptbühne als mittelschwere Katastrophe im Kurzzeitgedächtnis speichern. Und das geht nunmal gar nicht. Also so schnell wie möglich auf den Zeltplatz zu den Kollegen. Direkt die Streben in den Boden gerammt und die Zeltplane übergeworfen. Sieht nicht sexy aus, aber egal. Los geht's.
Nach dem Aussteigen aus dem Bus stellt sich zum ersten Mal ein klein wenig Entspannung ein. Ja, wir sind noch gut in der Zeit. Ferropolis sieht so aus wie immer und die Menschen auch. Dunkel getönte Sonnenbrillen - die aus Coolness-Gründen nicht mal tief in der Nacht abgenommen werden -, Jutebeutel und Kühe. Warte. Eine Kuh? Ja, da war gerade echt ein Typ im Milchproduzenten-Kostüm. Merkwürdige Verkleidungen. Von denen gab es in diesem Jahr mehr als genug zu sehen. Und es sind nicht diese selbsternannten Trendsetter gemeint, dessen Liebe zur extravaganten Mode dann eventuell doch den einen oder anderen Schritt zu weit geht. Ganzkörper-Kostüme scheinen so etwas wie der Trend des Festivals zu sein. Schweine, Ritter und Drachen. Die Artenvielfalt in Ferropolis ist an diesem Wochenende enorm groß.
Aber zurück zur Musik. Wir wollten ja sehen, was Everything Everything so treiben. Und hey, das klingt doch für den Anfang gar nicht so schlecht. Ist alles sehr souverän gespielt, mit einer Handvoll Hits versehen und lässt kaum Grund zur Kritik. Okay, so die richtigen Rampensäue sind der Frontmann mit dem 2000er-Slim Shady-Gedächtnis-Haarschnitt und seine Kumpels nicht. Aber dieses Problem haben ja viele dieser europäischen Indie-Bands. Alles nette Jungs mit netten Melodien - aber interessante Persönlichkeiten? Leider nein.
Die nächste Untermauerung dieser Feststellung lieferten dann die Jungs von Sizarr. Trotzdem konnten sie beweisen, dass sie nicht zu Unrecht die deutsche Band sind, über die in den letzten Monaten mit am meisten geredet wurde. Hype-Hype-Hurra! Das Debüt-Album darf dann kommen. Sehr gerne sogar. Für große Euphorie-Ausbrüche klingt die Musik von Sizarr aber trotzdem zu ruhig und zurückgelehnt. Aber es gibt ja auch Little Dragon. Die Schweden mit dieser verrückten Frontfrau namens Yukimi werden seit ihrem neuen Album „Ritual Union" noch stärker von der Presse bejubelt als zuvor. Dementsprechend war es, dem frühen Zeitpunkt zum Trotz, schon brechend voll, als die Band die Bühne im Intro-Zelt betrat. Gemeinsam mit ihren eher unscheinbaren Band-Kollegen spielte Yukimi ein schnelles, abwechslungsreiches Set ohne Verschnaufpause. Hat Spaß gemacht. Vor allem, weil die Dame an der Spitze einfach dazu geboren scheint, auf der Bühne zu stehen.

Ähnlich überzeugend war der Auftritt der Band mit dem in der öffentlichen Wahrnehmung wahlweise extrem nervigen oder wunderschönen Indie-Superhit namens „Young Blood". The Naked And Famous nach dieser Performance noch mangelnde musikalische Substanz zu unterstellen wäre ganz einfach Humbug. So langsam wird auch die Stimmung besser und die Leute kommen auch emotional auf dem Festival an. Ob daran nun irgendwelche bewusstseinserweiternden Substanzen oder die gute Musik Schuld sind, lässt sich zu diesem Zeitpunkt nicht mehr konstruieren. Aber so langsam hat das Festival offensichtlich so richtig begonnen. Wird auch Zeit. Also nach dem Einverleiben eines immer wieder vorzüglichen Handbrots mit Käse-Schinken-Füllung ab Richtung Strand. Der nette Herr Apparat aus Berlin hat schließlich jede Aufmerksamkeit verdient. Und er ist sogar mit Band gekommen. Wie erwartet funktioniert das sogar sehr gut - also die Umwandlung seiner melancholischen Elektronik in echte Band-Songs. Achja, so manch einer war nach dem Auftritt davon überzeugt, Apparat sei tatsächlich Jesus. So schön hat er das gemacht. So schön.
Im weiteren Verlaufe der Nacht folgte dann Highlight auf Highlight. Am Auftritt von Cut Copy ließ sich auch mit der Lupe kein Makel feststellen. Robyn ist immer noch ein sicherer Garant für breit lächelnde Menschen und Songs, die in der Regel erfolgreich auf dem schmalen Grand zwischen großen Pop und großem Kitsch-Quatsch balancieren. Dem britischen Frickler-Kumpel Gold Panda werden ja gerne mal eher öde Live-Sets nachgesagt. Das Melt!-Publikum kann das eindeutig nicht bestätigen - sein melancholische Elektronik-Sound, der sich jeglicher Genre-Einsortierung erfolgreich entzieht, ist auch einfach zu einzigartig. Und zu gut. Man merkt schon, in welche Richtung sich der Freitag entwickelt hat. Nicht die ganz großen Namen, nicht der ganz große Abriss, nicht die absolute Ekstase. Aber sehr viel gute Musik, die eben nicht ständig mit der Tür ins Haus fällt und möglichst laut und rücksichtslos feiern möchte. Je später die Nacht, desto minimalistischer die Musik. Dies trifft ebenso auf den ersten Tag zu. Die Modeselektor(en) spielten mit ihrem Berghain-Kumpel Marcel Dettmann, anscheinend ein großer Rosé-Fan, ein für ihr Verhältnisse minimalistisches Set. Bass war König. Nicht mehr, nicht weniger. Schließlich lag es dann am Brasilianer Gui Boratto, der den Soundtrack zum Sonnenaufgang auflegten durfte und diese Aufgabe bravourös meisterte. Ein atmosphärisches und passendes Ende für einen tollen ersten Abend.
Tag zwei beginnt dann recht früh. Leider. Eigentlich kann man es ja nur gut finden, dass die Sonne sich an diesem Wochenende zeigt, um neun Uhr morgens wäre eine angenehme Zelt-Temperatur aber durchaus eine gute Sache. Nunja, man kann nicht alles haben. So richtig beginnt der Samstag dann aber doch erstam frühen Abend. Davor wird nicht viel sinnvolles getan außer im Dämmerzustand in der Sonne zu sitzen - dementsprechend schleppend vergeht die Zeit.
Um 17 Uhr dann ein Wiedersehen mit Sizarr. Am Strand eröffnen sie einen langen Abend mit einem spaßbetonten DJ-Set ohne falsche Scheu vor Genre-Grenzen und Musik, die ansonsten eher selten auf dem Melt! einen Platz findet. Chris Brown? Ciara? Auch wenn das ehemalige (vermeintliche) Schmuddelthema R'n'B The Weeknd sei Dank auch für schmächtige Indie-Kids wieder als cool gilt, hätte man das doch eher nicht erwartet. Funktioniert nichtsdestotrotz überzeugend, auch wenn der Großteil des Publikums wohl gerade erst sein Frühstück hinter sich gebracht hat. Im Anschluss versuchte Patrick Wolf per Mikrofon-Wurf ein Attentat auf unseren Fotografen. Keine Sorge - er scheiterte. Ansonsten verlief sein Auftritt eher ereignisarm. Seine vornehmlich weiblichen Fans lieben ihn weiterhin - mehr als nur ein wenig kitschig war der Auftritt trotzdem.
Überzeugender waren dann wenig später The Hundred In The Hands. Glauben wir zumindest. Im Fotograben haben wir ehrlich gesagt mal abgesehen von den langen, langen Beinen der weiblichen Hälfte des New Yorker Duos nicht viel mitbekommen. Bei These New Puritans lag der Fokus dann aber wieder deutlicher auf der Musik. Obwohl man nicht umhin kommt zu bemerken, dass die Briten auf ihre Außenwarnehmung ebenso viel Wert wie auf die komplexen, musikalischen Arrangements setzen. Der Ian Curtis-Gedächtnislook kommt hier jedenfalls ausnahmsweise mal beinahe authentisch rüber. Im Endeffekt können sie sich aber kleiden wie sie wollen. Wenn sie eine solch intensive Performance hinlegen, könnten sie auch in Müllsäcke gewandet auf der Bühne erscheinen und würden am Ende trotzdem bejubelt werden.
Der Rest der Nacht war gespickt von erwarteten und tatsächlichen Highlights. Mike Skinner und The Streets traten ein letztes Mal auf deutsche Bühnen, überzeugten mit einigen großen Hits, insgesamt aber eher festival-untauglicher (weil zu text-lastig) Musik und einigen Kalauern leider nur bedingt. Beim Auftritt des britischen Dubstep- oder was davon übrig ist -Produzenten SBTRKT waren sich dann aber sehr schnell alle Anwesenden einig: Ganz großes Kino. Elektronische Tanzmusik mit analoger Seele. Ansonsten ließ sich im Laufe der Nacht vor allem noch feststellen, dass Metronomy mittlerweile auch live richtig gut klingen und K.I.Z. selbst auf dem Melt mit martialischem Auftreten und bösartigem, politisch unkorrekten Humor hervorragend funktionieren. Während man nach dem obligatorischen Modeselektor-Auftritt im Hellen Richtung Zelt schlurft, wird bereits eines klar: Der Sonntag wird in Sachen Wetter ein Problem. Die Wolkendecke zieht sich zu, um bereits am Morgen die ersten Regentropfen niederprasseln zu lassen. Trotzdem geht die Party weiter. Muss sie auch - nach hause will hier so gut wie niemand.
Der Abend beginnt dann verhältnismäßig ruhig und entspannt. Bei den Darbietungen von José Gonzales (der später am Abend auch mit seiner Band Junip auftrat) ließ es sich gut entspannen und über das in den vergangenen Nächten Erlebte sinnieren. Eine Menge sehr schöne Erinnerungen sind hinzu gekommen. Vor aller Besinnlichkeit darf aber nicht vergessen werden, dass hier immer noch zahlreiche Konzert-Highlights anstehen. Crocodiles kamen aus den Staaten, sahen eine mittelmäßig große Menge vor der Bühne und siegten trotzdem durch eine fehlerloses und druckvolles Set. Aber ganz ehrlich? Irgendwie sinkt die Motivation mittlerweile von Stunde zu Stunde. Außerdem ziehen auch in den Gedanken dunkle Wolken mit der Überschrift Realität auf. Morgen um 9 Uhr arbeiten? War da nicht irgendwas? Jedenfalls lässt es sich nicht mehr vermeiden. Der Alltag schleicht sich zurück in die Köpfe. Also nochmal kurz in Richtung Hauptbühne (Katy B singt gerade gegen die Regenwolken an) und dann ab in Richtung Zeltplatz und auf die Autobahn. Vorher wird aber nochmal kurz den Stahlgiganten von Ferropolis zum Abschied gewunken. Ja, das ist jetzt eine gewollt kitschige Schreiberling-Formulierung. Natürlich haben wir nicht wirklich unsere Patschehände in Richtung Himmel gestreckt und zum Abschied gewunken. Ganz ehrlich, so durch waren wir dann doch nicht. Aber zumindest haben wir darüber nachgedacht. So schön war es wieder mal. Trotz kleiner, organisatorischer Missstände. Im nächsten Jahr sind wir dann auch wieder da. Ganz sicher.
Video: Impressionen vom Melt 2011 (Freitag, Teil 1)
Video: Impressionen vom Melt 2011 (Freitag, Teil 2)
Video: Impressionen vom Melt! 2011 (Samstag)