Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Melt! 2010 I Love You But I've Chosen Dancing
Datum:
16.07.2010
Lokation:
Ferropolis, Gräfenhainichen
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 09.08.2010
Für diejenigen, die die diesjährige Reise nach Ferropolis aus Köln mit dem Melt!-Hotelzug antraten, wurde die Messlatte in Sachen Spaß bereits vor dem Beginn des eigentlichen Festivals hochgeschraubt. Am Donnerstagabend ging es am Kölner Hauptbahnhof gegen 24:00 Uhr los. Als der „Sonderzug nach Dessau“ mit gehöriger Verspätung endlich ankam und das gesamte Gleis 2 besetze, rollte der ausrangierte Schlafzug mit geöffneten Schiebefenstern und winkenden Händen für die wenigen verbleibenden Menschen am Gleis prompt gen Ferropolis. Das Gepäck wurde verstaut – einige wenige machten ihre Betten – und schon in Duisburg zog der Bar-Wagon, aus dem vertraute Klänge durch die Gänge des Zuges klangen, die Passagiere in Scharen an. Und eh man sich versah, verging Stunde um Stunde, reihte sich Hit an Hit.
Obwohl der Intro-DJ vergessen hatte Caribous „Sun“ mit einzupacken, erklomm die Sonne irgendwann den Horizont und bot den wachen Augen ein wunderbares Begrüßungsgeschenk. Ein erinnerungswürdiger Moment: die ganze Nacht durch die Republik getanzt und dann Sonnenstrahlen, die man förmlich an den Wolken vorbei ziehen sehen konnte. Die restliche Zeit der Reise verbrachte man im Schlafzustand und schon war man angekommen, unter dem Ferropolis-Schild. So war der vom Cola-Bier-Mixgetränkhersteller gesponserte Hotelzug tatsächlich die versprochene Party vor der Party. Außerdem war der Zug eine Initiative vom Festival, die Anreise der Besucher umweltfreundlicher zu gestalten, was unter diesen Gesichtspunkten die Party nochmal besser machte.
Lange konnte man seinen Rausch jedoch nicht ausschlafen, denn das Festival-Programm war am Freitag mehr als straff. Um 16:30 Uhr stand gleich eine Band auf der Bühne, die man auf keinen Fal verpassen durfte. Midlake aus Texas machte auf ihrer großen Welttournee Halt auf der Mainstage des Melt!-Festivals und gaben ihre wundervollen Folk-Post-Rock Songs zum besten. Schande über den Großteil schwitzender, aufgestylter Festivalbesucher, die das anfang diesen Jahres erschienene Album „The Courage Of Others“ wohl noch nicht so wirklich kannten und in regelmäßigen Abständen die Hits wie „Roscoe“ oder „Head Home“ von früheren Alben verlangten. Das natürlich in unverschämter Rock-Am-Ring-Manier. Nach dem fünften „Head Hommmme“ nahm es die siebenköpfige Band nicht mehr ganz so gelassen und man musste in leicht enttäuschte Gesichter schauen. Die Sonne brannte auf den zu einem Drittel gefüllten Platz vor der Bühne und nach einem furiosen Gitarren-Solo und virtuosem Band-Gefrickel bekam die Meute ihr „Head Home“.
Den Frust über undankbares Publikum konnte man sich dann direkt im Anschluss nur zwei Schritte entfernt im Gemini Zelt bei The Very Best abtanzen. Die afrikanischen Beats, die Plastikpalmen und die beiden Frohnaturen an den Mikrophonen sorgten für ausgelassene Stimmung, die Lust auf mehr machte. Sah man sich die Menschenmasse vor der Mainstage an, die sich nach Midlake in einer knappen halben Stunde verdoppelt hatte und eine Show abfeierten, die auf Brüste und obszöne Gesten angewiesen ist, wusste man auch Bescheid: Bonaparte machte wie gewohnt gehörig Party und die Computer-Köpfe vom neuen Album „My Horse Likes You“ wurden mit offenen Armen empfangen.

Da man aber die Performance nicht gerade das erste mal gesehen hatte, zog man lieber etwas verfrüht weiter, um Matías Aguayo auf der Gemini Stage zu sehen. Dieser ließ mit seiner Band das ausgewählte Publikum trotz gefühlter 50 C° tanzen, tanzen, tanzen. Der Vokal-Techno-Künstler aus Buenos Aires lieferte wieder einmal das etwas andere Techno-Set ab und zementierte seine Live-Qualitäten. Sein 2009 bei Kompakt erschienenes Erfolgsalbum „Ay Ay Ay“ wurde nicht nur beim c/o pop Festival für viele zum Soundtrack, sondern auch eben beim Melt!. Ideal eingestimmt durch satte Beats, verwackelten Rhythmen und strahlende Gesichter konnte man bei Pantha Du Prince unter der Big Wheel Stage und der wunderbaren Abendsonne zum sphärischen und verlorenen „Black Noise“ weiter tanzen. Doch nachdem man sich die vergangenen drei Stunden erfolgreich in Trance getanzt hatte, wurde es Zeit für Gitarren-Riffs und Garagen-Lärm.
Für die Indie-Kids gab es mit Two Door Cinema Club aus Irland im Gemini Zelt Indie-Electro-Pop frisch aus der Hype-Maschine. Jungspunde, die es verstehen, das alte Brit-Pop-Electro-Ding neu aufzugießen und mit neuem Charme zu versehen. Kontrastprogramm gab es im Intro Zelt, für die eher ältere Besucherfraktion mit dem Archie Bronson Outfit. Drei Herren mittleren Alters betreten die dunkle Bühne, alle in bunten Roben gekleidet. Gitarre verkabelt, Sticks in die Hand und los bretterte der Sound dieser experimentellen Rockband aus Wiltshire, England. Eine knappe Stunde lauter Gitarren-Rock vermischt mit verquerem Gesang und verhaltener Melancholie.
Wechselte man einmal nicht verfrüht die Location, verpasste man auch prompt sehenswerte Shows. In diesem Fall wurde die Wartezeit zum Health-Gig mit einem verpassten, sehr raren Live-Set von Black Rose bestraft. Hinter Black Rose verbergen sich die House-Ikonen Henrik Schwarz und Jesse Rose. Alte House-Platten werden hier mit eigens gebastelten Loops und Vocals von Henrik Schwarz zu einem genre-übergreifenden Deep-House vermengt, so dass so manchem Besucher am Desperado Beach die Spuke weg blieb. Ein bisschen schlecht fühlte man sich dann schon, als die Noise-Rocker Health aus Kalifornien die Bühne betraten und ein epileptischer Anfall durch die Seelen des Zelts ging. Den Tinnitus spürte man auch schon beim Schallen des ersten Akkords.
Wer es etwas gediegener haben wollte, hielt sich parallel dazu auf der Main Stage zu den Klängen der Shout Out Louds auf den Beinen, auch wenn die unbarmherzige Sonne das den Besuchern nicht leicht machte. Nicht leicht macht es auch Dirk von Lowtzow immer wieder seinem Publikum, sind seine Stadionrockansagen doch auch am Freitagabend nur schwer zu ertragen und ein merkwürdig deplatzierter Gegenpol zum ansonsten tollen Auftritt Tocotronics auf dem Gerüst des starken neuen Albums „Schall und Wahn“.
Mit Jónsi folgte daraufhin das erste große Highlight auf der Main Stage: Mit beeindruckenden, gezeichneten Visuals, einer famosen Liveband und den tollen Songs seines Soloalbums kreierte der Sigur-Ros-Sänger in der Abenddämmerung eine wunderschöne Märchenwelt, aus der man nur ungerne wieder zurückkehrte. Denn es galt, Entscheidungen zu treffen: The xx? Yeasayer? Four Tet? Die Wahl fiel auf letztere, und so schwer wie auf dem Papier ist sie dann auch gar nicht gewesen. Kieran Hebden genießt mit seinem Projekt Four Tet das Privileg, sowohl unter Techno- als auch unter Indie-Hörern Anhänger zu haben, und so füllte sich der Strand unterhalb der Hauptbühne – auf dem die Berliner Jungs von Modeselektor sich den ganzen Abend als Kuratoren austoben durften – ansehnlich, als Hebden die Bühne betrat. Sein Set glich dann auch mehr einem Konzert als einem DJ-Set, mit Pausen zwischen den Songs und ohne fließende Übergänge. Den Fokus legte er dabei klar auf sein aktuelles Album „There Is Love In You“, das deutlich straighter und tanzbarer ist als seine vergangenen, von Jazzdrumms geprägten Werke. Dem Publikum war es scheinbar recht, tanzte es doch ausgelassen zu den Songs, begleitet von wild aufflackernden Wetterleuchten in der Ferne.
Der Freitag war immer noch nicht am Ende angelangt und so hieß es erneut ab ins Intro-Zelt. Dort präsentierten Yeasayer ihr Album „Odd Blood" und zogen das Publikum in ihren Bann. Wie sagte Kollege Knauf so schön: „Als hätten MGMT geträumt, sie seien Tears For Fears, die geträumt hätten, sie wären MGMT". Von einem Konzert zum anderen wurde man von der Running Order getrieben wie ein Rennpferd. The XX kamen mit ihrer mystischen Show auf der Main Stage ideal zur Geltung. Man musste feststellen, dass der Hype mit Arena-Effekt gar nicht mal so übel ist und unangenehme Erlebnisse in überfüllten Clubs konnte man vergessen. Anders und sehr, sehr langsam konnte man The XX wahrlich bestaunen. Danach musste man ein wenig Zeit für die Foals einplanen, die ihren Hype schon überbrückt haben und nun nur noch mit instrumentaler Professionalität und waschechten Hits brillierten. Müde schleppte man sich zum viel versprechenden Melt!-Special Modeselektor feat. Bonaparte. Wach wurde man nicht gerüttelt von atemberaubenden Remixes oder Ähnlichem. Zum Glück legte direkt danach Martyn vs. Kode9 ein wunderbares DJ-Set hin. Dub-Step war dann wohl die Geheimformel in dieser Nacht. Zwischen Wach- und Schlafzustand wurde man mit wahrlich explosiven Visiuals von Danger bei Laune gehalten bis dann Kissy Sell Out die wirklich letzten Energiereserven frei gesetzt hat.

Wohl für die wenigsten ging der Samstag nach diesem straffen Freitag pünktlich los. Obwohl die Rheinländer unter den Besuchern gleich zwei Kölner Namen zu unterstützen hatten. Tobias Thomas auf der Big Wheel schien sich etwas ganz Besonderes für sein DJ-Set beim Melt! ausgedacht zu haben. In den frenetischen Gesichtern, die entweder noch gar keinen Schlaf gefunden hatten oder sehr wenig, sah man, dass der Kompakt-DJ alles aus sich und seinem Technics herausholte. Für die wenigen, die es um diese Zeit ins Intro Zelt geschafft hatten, boten die Kölner Math-Poper Pttrns dem Kompakt Label die Stirn. Tobias überließ das Feld seinen Kollegen vom Freude-Am-Tanze Label Hemmann & Kaden, die die Euphorie mit ihrem Minimal-Techno für die nächsten zwei Stunden anhielten.
Doch der Festivalsamstag begann für viele vom Vorabend Geschädigte erst gegen 20:00 mit dem ersten Must-See des Abends: Um Hurts kommt man im Moment kaum herum, ihre Single „Wonderful Life“ drängt uns sogar aus Kaufhaus-Radios entgegen und nervt mittlerweile sogar die, die der Band um Stylegott Theo Hutchcraft wohl gesonnen sind. Bei Tageslicht kam ihre Show zwar nicht ähnlich großartig daher wie vor einigen Monaten im Kölner Gebäude 9, aber die Konsequenz in Sound und Styling, mit der Hurts ihren Achtziger-Synthiepop vortragen, ist schon beeindruckend. Nicht zuletzt die Begleitung durch einen Opernsänger im Background verleiht Hurts eine Wagenladung Kitsch, die man einfach lieb haben muss, wenn man nicht ohne Humor geboren ist.
Sowas ähnliches wie „Style“ stellte anschließend auch Dendemann auf der Hauptbühne zur Schau. Im Gegensatz zur „Comedian Harmonists“-Optik von Hurts regierte hier allerdings Hartz-4-Schick, Nackenspoiler, Jeansweste und Jogginganzug inklusive. Musikalisch präsentierte sich Dendemann als das, was er ist: Der beste Rapper Deutschlands. Ein bisschen mehr HipHop hätte es nach diesem angenehmen Konzert dann auch insgesamt ruhig sein dürfen, aber das hätte das nur eine Woche später an gleicher Stelle stattfindende und unter Zuschauerschwund leidende Splash Festival wohl endgültig ruiniert.
„Ruinieren“ bietet sich dann auch als Überleitung zu Chris Cunningham an, dessen Video-Klang-Experimente-Show an Folter heranreichte und wohl nur zwei Meinungen zuließ. Viele Zuhörer schienen jedoch den besonderen Moment der Gesundheit ihrer Ohren und Psyche vorzuziehen und bestaunten verzückt das unwirkliche Treiben auf der Bühne. Andere entschieden sich für eine entspanntere Art, den Abend zu begehen: Hercules & Love Affair waren zwar ohne Anthony, dafür mit gleich drei Sänger/innen angereist, um eine große schwule Disco-Party unterm Zelt der Gemini-Stage zu feiern. Damit trafen sie offenbar einen Nerv, denn das Publikum dankte es mit frenetischem Beifall und ekstatischem Tanz.
Wohl kein Electro-Act war im vergangenen Jahr derart Konsens wie Moderat. Das Trio aus Modeselektor und Apparat – verstärkt durch die Visuals-Großmeister der Pfadfinderei – auf die Main Stage zu bitten, war da nur folgerichtig. Wer Moderat bei den zahlreichen Gelegenheiten in der jüngeren Vergangenheit mehrfach live erlebt hat, dürfte sich trotz einer tollen Show gewünscht haben, endlich neue Songs, ein neues Album des Projekts oder seiner einzelnen Teile zu erfahren. Dennoch einmal mehr ein großer Spaß.
Zu Tiga auf der Gemini Stage oder Carl Craig vorm Big Wheel ließ sich anschließend gut gelaunt in den frühen Morgen tanzen, bis man nach dem Ende des Bühnenprogramms gegen sieben Uhr morgens vom Festival-„Abschleppwagen“ zum Sleepless Floor geleitet wurde. Noch immer euphorisiert von Highlights wie vom Altmeister DJ Shadow, der mit seinem klassischen TripHop gekonnt fette Beats in die Nacht schoss, unterlegt von gigantischen Visuals. Die ganz alte Schule ließ die Kinnladen bei Vielen herunter klappen. Oder Darwin Deez, der diesen Sommer mit seinem choreografischen Schluffie-Dasein große Konkurrenz für Erlend Øye darstellen dürfte. Der Samstag ging selbst für uns bis früh in den Vormittag des Sonntags hinein, was als Indiz für einen tollen Festivaltag ausreichen sollte.
Für die ausgelaugten und angeschlagenen Seelen konnte der letzte große Tag nicht besser los gehen. Die Filmvorführung von "Speaking In Code" - dem Dokumentarfilm über die Techno-Szene Europas und der bröckelnden Ehe der Regisseuren Amy Grill und David Day - der zum Credo des Techno avanciert, war sicherlich kein Schlechter Anfang, um sich wieder animieren zu lassen und die bösen Geister aus seinen Gliedern zu vertreiben. Doch verpassen durfte man eines sicherlich nicht. „Quiet Is The New Loud" von Kings Of Convenience. Das dachten scheinbar nicht nur wir. Denn der Platz vor der Gemini-Bühne war um diese Uhrzeit so voll wie zu keinem anderen Konzert um diese Zeit. Die beiden Norweger mit ihrer Band im Schlepptau und ihren herzenswarmen Songs in petto zauberten wohl in jedes Gesicht ein Lächeln. Selbst in das, das nur am äußeren Rand seinen Platz gefunden hat. Aussagekräftige Randnotiz sind wohl die drei aufgelösten Mädchen hinter mir, die ihre Tränen nicht mehr halten konnten und schluchzend mitsangen.
Animiert von "Speaking In Code" und berührt von den Kings Of Convenience brauchten wir wieder ein wenig Tanz. Fred Falke hing sich seinen Bass um und spielte seinen Beat glatt selbst. Dabei mixte er kreuz und quer durch die aktuellen Geschehnisse in House, Pop und Indie. Stilsicher gewagt. Brian Burton von Gnarls Barkley und James Mercer, der Sänger der Shins, kamen mit Broken Bells passend zur Abendsonne auf die Mainstage. Ihre seichte Mischung aus Folk, Sixtie-Rock und Soul war für die müden Beine dann genau das richtige. Platz genommen, Bier vor die Füße platziert und die Sorglosigkeit wurde ausgepackt.
Weil man vom Hoppen sowieso genug hatte, konnte man getrost vor der Mainstag verweilen und sich die Headliner ansehen. Während die Hardcore-Punks von Fucked Up das Intro Zelt niederreißen und Sänger Damian Abrahams lediglich Bierdosen an seinem Kopf zerschlug und halb nackt das gesamte Konzert im Publikum bewältigte kamen Goldfrapp direkt aus den Achtzigern mit ihrem Glam-Pop-Rock und luden dann doch noch zum Tänzchen ein. Im Anschluss dann der furiose Abschluss mit Massive Attack. Ihre opulente Visuals-Show und die beeindruckende Performance ließ für dieses Wochenende keine Wünsche mehr offen. Wir für unseren Teil verabschieden uns und freuen uns alle schon sehnsüchtig auf das nächste Jahr.
Bericht von Christopher Szwabczynski & Tobias Gnädig