DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Melt! 2009

Datum:
28.07.2009

Lokation:
Ferropolis, Gräfenhainichen

Weiterführende Links:

Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 27.07.2009

BERICHTE

Festivalbericht - Melt! 2009

Melt! 2009

Die Beziehung mit dem Melt! ist für viele ein wenig wie die mit einer Ex-Freundin oder einem Ex-Freund. Bis 2007 war es die große Liebe, man hat all seinen Freunden vom Melt! erzählt und ist groß ins Schwärmen gekommen: Beste Location, tolle Acts, unglaubliche Stimmung, irgendwie immer gutes Wetter und alles sehr liebevoll hergerichtet. Dann kam der Bruch 2008: alles irgendwie zu groß, Probleme mit der Sicherheit und der Security, zu viele Veränderungen. Viel schlechte Presse, Boykottaufrufe im Melt!-Forum und eine Entschuldigung der Verantwortlichen folgten, sowie das Versprechen für Besserung im nächsten Jahr zu sorgen. Nun also Melt! 2009, ein Neuanfang, und doch ist alles so vertraut. Weiterhin ist Ferropolis eine Augenweide und mit viel Liebe wurde das Festivalgelände auch dieses Jahr für drei Tage Party gestaltet. Dazu versuchte man sich wieder mehr am Jahr 2007 zu orientieren, die Geministage wurde zurück an ihren angestammten Platz verlegt, das Coca-Cola Zelt wieder eingeführt und die Besucherzahl auf 20.000 limitiert, was bedeutete, dass das Melt! dieses Jahr das erste Mal ausverkauft war. Alle Zeichen standen auf ein gutes Wiedersehen, auch wenn klar war, dass es nicht mehr so sein konnte wie zuvor.

Noch bevor man sich in die ersten Auftritte des diesjährigen Melt! Festivals werfen konnte, warf ein monsunartiger Sturm satte, dicke Regentropfen in die Gesichter der Festivalbesucher. Man sah die grau bis schwarzen Gewitterwolken schon lange im Voraus am Horizont heranziehen und spielte tatsächlich noch mit dem absurden Gedanken, das alles vorbei ziehen könnte, ohne auch nur den eigenen Haarschopf mit Wasser zu benässen. Hat der Donnerstag Abend noch mit einem ansehnlichen Sonnenuntergang die Vorfreude um so einige Einheiten steigen lassen, musste man am Freitag Mittag der Realität tief ins dunkle Auge blicken. Das diesjährige Melt! Festival wird wetter-technisch nicht viel besser laufen als das vorherige. Doch dieser Sturm war allemal ein Erlebnis, das man jetzt nicht wirklich missen möchte. Denn ein Augenblick, indem jeder der Camping-Bekanntschaften den Pavillon an seiner Stangenkonstruktion packt, um ihn vom Abheben zu sichern, schreibt wahrlich Festival-Solidaritäts-Geschichte.

War das Unwetter erst einmal vorbei, zog man mit seiner bereits letzten trockenen Hose gen Festival-Gelände. Dort läuteten Cold War Kids den Festival-Beginn mit ihrem smoothen Indie-Rock ein, leider zu solch früher Stunde mit wenig Beachtung. Die Sonne schien zu diesem Zeitpunkt sogar und der Einstieg ins eigentliche Festival verlief reibungslos. Songs wie „Something Is Not Right With Me“ oder „Hang Me Up to Dry“ wurden von den noch wenigen Zuschauern mit offenen Armen empfangen. Cold War Kids spielten mehr von ihrem aktuellen Album „Loyalty To Loyalty“, brachten aber auch die sicheren Hits von „Robbers & Cowards“ unter. Leider musste man auf die folgenden Foals verzichten, die für viele wohl ein großes Argument waren, zum Melt! im diesen Jahr zu fahren. Ein spontaner Fall von Schweinegrippe in der Band zeigte, dass die Pandemie mittlerweile auch die Musikindustire erreicht hat.

Der Zeitplan war sowieso straff und so stand man auch schon im noch durchsichtigen Gemini-Zelt. Hier nämlich spielte der nerdige James Yuill, der die Besucher vom ersten bis zum letzten Song begeistern konnte. Dass seine Kombination aus fetten Elektro-Beats und ruhigen Folk-Melodien ja sowieso wie die Faust aufs Auge passt, war schon im Vorfeld klar. Über die Tanzbarkeit seiner sonst ruhigen Songs war man dann aber doch überrascht.

Währenddessen brachte Gisbert Zu Knyphausen im Coca-Cola Soundwave Tent mit seiner hervorragenden Live-Band die Zeltwände zum Beben. Genau so ein Künstler wie Gisbert zeigt, wie wunderschön durchgemischt das Melt! sein kann, denn auch zur frühen Stunde brachten seine ehrlichen Texte die Leute dazu, mit voller Inbrunst mitzusingen. Dass die Besucher meist aus herzensguten Menschen bestanden, bekam man das gesamte Wochenende unter die Nase gerieben. Unterhaltungen mit völlig fremden Menschen schienen wie Wiedersehen mit alten Bekannten. Diese Tatsache ließ das Melt! bereits am ersten Tag wie ein großes Familienfest wirken. Man lächelte jemanden an und ehe man sich versah, sah man ein strahlendes Gesicht vor sich, das einem direkt seine gesamte Lebensgeschichte erzählen wollte. Von den noch im letzten Jahr in Scharen Einzug haltenden Proleten war dieses Jahr sehr viel weniger zu sehen. Während im letzten Jahr viele Beschwerden von aggressiven englischen Besuchern die Rede war, feierten nun alle zusammen vor der Mainstage die Klaxons, die jedoch, kaum motiviert, keine große Stimmung aufkommen ließen. Besser sah es da mit er deutsch-englischen Freundschaft am Red-Bull-Floor aus, der zwar eigentlich an den Strand verlegt worden war, jedoch wegen technischen Problemen am Freitag am Sleepless-Floor stattfand. Hier legte mit Hudson Mowhawke eins der größten Dubstep-Talente auf. Der erst 22-jährige Schotte machte sich einen Namen mit einem Remix zu Tweets R’n’B Hit „Oops (Oh My)“. Mit einer gesunden Mischung aus Hip Hop und Dubstep brachte er die Leute in Wallung, bis Benga und Skream, zusammen zu Magnetic Man formiert, die kochende Menge übernahmen.

Währenddessen konnte man die folkige Show der aus San Francisco stammenden Dodos genießen. Im Coca-Cola Zelt wurden dort einige der Songs vom im September erscheinenden Album „Time To Die“ vorgestellt. Wenig später drehte Radio Slave bereits seine Plattenteller auf der Big Wheel Stage, die nun wirklich auf dem Big Wheel Bagger zu finden war, von dessen Kanzel die DJs die feiernde Meute mit Beats versorgten. Leider war dies bei Radio Slave eher mau, weshalb man ohne schlechtes Gewissen mit Röyksopp ein erstes großes Highlight genießen konnte. Unterstützt von The-Knife-Sängerin Karin Dreijer Andersson, die als Fever Ray noch eine wichtige Rolle auf diesem Melt! spielen sollte, zeigten die Norweger mit einer tollen Show, dass sie für die großen Bühnen gemacht sind.

Wenig später betraten Crystal Castles die Gemini Bühne und hinterließen eigentlich nur eins: verdutzte Gesichter. Was vor zwei Jahren vielleicht noch interessant war, weil neu, ist dieses Jahr vor allem langweiliger Krach. Trotz Livedrummer und Blitzlichtgewitter entfernte man sich bald von dem Einheitssynthiegeklimper und fand genau das Richtige bei La Roux. Dort wurde man von Elly Jackson mit ihrem Synthie-Pop direkt in die 80er katapultiert. Wenn dann noch die Leute um einen mit Oberlippenbart und Wayfarer auf der Nase glänzten, wusste man wirklich nicht mehr genau, in welches Zeitalter man gerade getanzt war. Mit vielen Vorschusslorbeeren und großem Erfolg in England bedacht, legte sie, nun mit dreiköpfiger Band, eine großartige Show hin, die Hoffnung auf eine große Karriere macht. Die Printmedien haben sie ohnehin bereits entdeckt und dementsprechend groß war der Andrang, um ins recht geräumige Coca-Cola Zelt zu gelangen.

Ebenfalls tanzbar und mit Material von einem neuen Album ausgestattet war die Show von Simian Mobile Disco. Von der Handarbeit der beiden war wegen der akut überfüllten Geministage leider nicht viel zu sehen. Und im Verlauf des Konzerts, insofern man sich noch nicht in Ekstase getanzt hatte, fiel die bedrohlich schwankende, riesige Discokugel neben der Hauptbühne auf. Es hatte also wieder angefangen wie aus allen Kübeln zu gießen. Innerhalb kürzester Zeit sammelte sich das Wasser auf den zahlreichen Möglichkeiten des Gemini-Zeltdaches. Ein langer Stock wanderte zu dem Beat von „Hustler“ umher, um die bedrohlich voll laufende Plane zu entlasten. Die Leute, die am Rand des Zeltes standen, dürften wohl die gesamte Ladung Wasser abbekommen haben. Für die, die einen Platz unter dem Dach ergattert hatten, war das alles noch ein großer Spaß. Nach Simian Mobile Disco hieß es in einer kurzen Regenpause „ab zur Mainstage“, um das Freitag-Highlight nicht zu verpassen. Doch die starken Windböen prophezeiten es bereits: Moderat mussten ihre Bühnenleinwände abbauen und das Einzige was man von der Bühne zu hören bekam, war: „Was für'n Scheiß Wetter!“. Der Heimweg war angesagt, was sich als größerer Akt herausstellte als gedacht. Die drei einzigen Shuttle Busse wurden von Menschenmassen überrannt, weshalb man man den halbstündigen Fußmarsch bei strömendem Regen in Kauf nehmen musste. Angekommen im zum Glück noch trockenen Zelt, was mit Sicherheit zu den Einzelfällen gehörte, war man bis ins Mark durchgefroren und bis auf die Unterhose nass.

Am nächsten Tag wurde das Gemini-Zelt mit einer stärkeren Plane gesichert und matschige Stellen auf dem Gelände mit großen Stoff-Laken ausgelegt. Es schien so, als sei man, anders als letzte Jahr, auf extremeres Wetter vorbereitet und so konnte die Party getrost weiter gehen. Der Samstag fing ein wenig gemütlicher an, dafür stand aber umso mehr auf der To-Do-Liste. Neben Headlinern wie Phoenix und Bloc Party waren die persönlichen Highlights The Whitest Boy Alive und Animal Collective sowie der Überraschungsgig des Bergen-Berlin-Mash-Ups. Konzerte, die man nicht verpassen wollte.

Filthy Dukes brachten dabei die Gemini Stage das erste Mal am Tag richtig in Bewegung. Die drei DJs und Club-Besitzer des sagenumwobenen Kill Em All in London zeigten, dass sie auch als Band einiges können. Während auf dem Album den Gesang neun verschiedene Sänger befreundeter Bands übernehmen, schaffte es auf der Bühne Tim Lawton, diese so gut wie möglich zu ersetzen. Dabei kam ein tanzbaren Potpourri aus Electro, Hip Hop und Indie heraus, das zu gefallen wusste.

Dann betraten auch schon The Whitest Boy Alive die Mainstage und zeigten, wie sehr sich diese Band in den letzten Jahren entwickelt hat. Während sie letztes Jahr im total überfüllten Melt! Club eine großartige Show lieferten, durften nun auch alle Fans dabei sein und bewundern, wie die Kollaboration aus den drei Berlinern und dem Norweger Erlend Øye auch auf den riesigen Bühnen angekommen ist. Erlend und seine Jungs schwenkten ihre Hüften und das Publikum schwenkte mit einem Lächeln im Gesicht mit. Ab und an hob der ein oder andere den Zeigefinger um mit einzustimmen „But its better to say nothing / than say something wrong“. Ein Schluck Bier und weiter wurde geswingt und mit eingestimmt: „Freedom is a possibility only if you're able to say no“. Alle tanzten, alle feierten, die wohl größte Konsensband dieses Festivals hatte genau ihr Ziel erreicht, nämlich alle zu erreichen. Schade für die großartig aufgelegten Kanadier von Caribou rund um ihren Mastermind und Kopf Daniel V. Snaith, die auch vor wenig Publikum eine tolle, einprägsame Show lieferten. Das Zusammenspiel und das gegenseitige Hochschaukeln mit zwei Schlagzeugern überzeugte dann jeden im Zelt.

Ebenfalls für ihr großartiges Zusammenspiel bekannt sind Animal Collective, die einen mit psychedelischer Lichtshow auf der Hauptbühne begrüßten. Ganz ohne Einnahme von Ecstasy sah man flackernde Lichter und hörte Klänge, die einen in Ekstase tanzen ließen. Man konnte also mit Animal Collective einen tollen Trip genießen, ohne auch nur im entferntesten seine Gesundheit zu schädigen. Anders als bei ihren Club Shows schien sich alles ein wenig einfacher zu erschließen, einfach schneller auf den Punkt. Nach einer atemberaubenden Show standen die Menschen noch eine Weile mit offenen Mündern da und wussten nicht recht was mit ihnen in den letzten 60 Minuten geschah. Lange konnte man dort jedoch nicht verharren, denn mit !!! (Chk Chk Chk) spielte vielleicht eine der besten Livebands auf der Geministage ganz groß auf. Nach dem Wegfall von John Pugh als zweiter Sänger, der sich stattdessen um sein Projekt Free Blood kümmert, blieb für Offer viel Platz und vor allem viel Aufmerksamkeit, die er in vollen Zügen zu genießen wusste. Sei es mit den wild tanzenden Fans, mit denen er jede Liedzeile zusammen grölte, verdutzten Fotografen, dessen Objektiv er sich in den Schritt hielt oder dem Mikrophon, das er sich halb in den Hals steckte, um jeden Ton aus seiner Kehle zu holen. Entweder liebt man diese Show oder man hasst sie.

Falls man sich fürs zweite entschieden hatte, hatte man sich wahrscheinlich zu Phoenix begeben, die auf der Mainstage zeigten, dass sie noch lange nicht zum alten Eisen gehören. Nicht die alten Hits, sondern das ausgesprochen gute neue Album brachte dabei die Menschen zum Tanzen. Statt noch lange bei Bloc Party zu verharren, entschieden sich viele dafür, Fever Ray - die weibliche Hälfte von The Knife - zu bewundern und trafen damit definitiv die richtige Entscheidung. Mit einer unglaublich düsteren, stimmungsvollen Show, ausgerüstet mit mehreren Lasern die durch das Gemini-Zelt schossen, zeigte Karin Dreijer Andersson, dass sie keineswegs im Schatten ihrer Hauptband steht. Das Album ist bereits jetzt eines der besten dieses Jahres und bekommt Live noch einmal einen ganz besonderen, atmosphärischen Schub, der kaum in Worte zu fassen ist. Wer es trotzdem schaffte, sich wieder in Bewegung zu bringen, konnte am Red Bull Floor mit Diplo wohl eins der besten DJ Sets dieses Jahres bewundern. Immer wieder schaute sich die tanzende Menge kopfschüttelnd an, woher er diese tanzbare Mischung aus Hip Hop und Baile nur her hatte.

Ähnlich frenetisch gefeiert wurde der Bergen-Berlin-Mash-Up Supriseact. Dahinter steckte dann wohl das „Dirty Dozen“. Es standen nämlich The Whitest Boy Alive, The New Wine und Kakkmaddafakka auf der Bühne des Soundwave Tents. Dieses Mash-Up jammte verschiedene Hits der Pop-Geschichte und löste totale Euphorie aus. Besonders schön anzusehen war es, wie Erlend Øye das gesamte Geschehen auf der Bühne dirigierte und durch Anweisungen der großen Jam-Session Struktur gab. Neue Struktur, nämlich Bandstruktur, gibt es auch bei Digitalism, die nun mit einem Livedrummer ausgestattet sind und damit die große Bühne beschallten. Von den schüchternen Jungs, die 2006 und 2007 noch die Big Wheel Stage zum Tanzen brachten, ist nun kaum noch etwas zu sehen. Stattdessen ähnelt dies mehr einer riesig großen Rockshow, bei der Jens Moelle und Ismail Tuefekci immer wieder an das in der Mitte zwischen ihren DJ Pulten stehende Mikrophon treten, um die Menge einzuheizen. Viel fehlt damit nicht mehr zu einer reinen Electrorock-Band, besonders, da die wenigen neuen Songs statt mit Synthiesounds mit Gitarren nach vorne preschen. Wem das zu viel war traute sich dann noch um halb vier in die Höhle des Löwen, der für diesen Abend Tobias Jundt heißen sollte. Die Darbietung des Circus Bonaparte war dann genau das richtige für den frühen Sonntag morgen: Feuerspucker, Tänzer und ein rasender Jundt. Nach dem ganzen Spektakel verlässt man das Coca-Cola Zelt, und die Sonne ist bereits am Himmel, wenn auch von den Wolken verdeckt. Diesen großartigen Effekt hat nun wahrlich nur das Melt! zu bieten, aber damit ist der Samstag noch lange nicht vorbei. Stattdessen laden Erol Alkan & Boys Noize mit fetten Bässen zum Tanz. Während Boys Noize letztes Jahr zum Highlight gehörte, wollte dieses Jahr aber irgendwie nicht so ganz Stimmung aufkommen. Dann wurde doch eher an der Big Wheel Stage mit Kiki und Ellen Allien in den Morgen getanzt. Das konnte man ruhig wörtlich nehmen, denn kurz danach verlegte sich die Party auf den Sleepless Floor, bis man nur noch von Müdigkeit gebeutelt ins Zelt taumeln konnte.

Diejenigen die zu wenig Schlaf bekommen hatten, sollten mit Patrick Wolf als Sonntags-Auftakt das Wörtchen „Müdigkeit“ vergessen haben. Seine ostentative Strip-Show heizte neben den wohltuenden Popsongs dem kleinen aber zufriedenen Publikum ordentlich ein. Als der Engländer dann auch noch mit seiner „Magic Position“ die Sonne beschworen hatte, lief das Fass über. Patrick bedankte sich nett und stolzierte mit seiner fragwürdigen Unterwäsche und High Heels von der Bühne. Die zuvor vergessene Müdigkeit konnte man beim unmotivierten Auftritt von Glasvegas kaum noch bekämpfen, wenn man es jedoch noch wach bis Polarkreis 18 geschafft hat, wurde man immerhin Zeuge des wohl lustigsten Vorfalls des Festivals. Während die sechs Dresdener mit aller Mühe versuchten, die lustlosen Zuschauer von einem Schmusepop zu überzeugen, aber im Hellen kaum Stimmung erzeugen konnten, nahm sich ein stark angetrunkener, junger Mann vor, die ganze Show ein wenig aufzulockern, indem er sich rund 100 Meter von der Bühne entfernt seiner Kleider entledigte und nackt ein Tänzchen wagte. Mit großem Erfolg, denn bald bekam er mehr Aufmerksamkeit als die Bühne und wurde von freundlichen Zuschauern sogar mit Bier, Zigaretten, Kleingeld und Chinanudeln versorgt. Erst nach zwanzig Minuten beendeten Securities das Treiben und so wurde der Flitzer unter tobenden Applaus für ihn und Buhrufen für die Ordnungshüter erst einmal entfernt.

Musikalisch spannender war dagegen Yuksek, der mit seinem Liveset die noch tanzwilligen Besucher der Geministage zum Toben brachte. Insgesamt war es eine gute Idee der Veranstalter, anders als im letzten Jahr, auch am Sonntag mehrere DJs spielen zu lassen und so die Mischung aus Electro und Indie zu wahren.

Auf der großen Bühne war es dann Zeit für die großen Konzertereignisse, denn Kasabian und Oasis stehen vor allem für großen Stadionrock. Heimlicher Sieger in diesem Duell der befreundeten Bands ist jedoch haushoch Kasabian, die die Menge perfekt im Griff hatten. Oasis spielten zwar fast alle ihre All-Time Favorites, sodass auch wirklich alle Zuschauer wild mitgrölen konnten, wirkten aber meist gelangweilt und unmotiviert. Nicht ohne Grund antwortete Noel Gallagher auf die Frage, was er von dieser Europa Tour erwartet: „Meine 5 Millionen Pfund“.

Stattdessen konnte man sich am späteren Abend wieder im Cola-Zelt nieder lassen, um sich Fagget Fairys und Le Corps Mince De Francoise anzusehen. Beide Bands haben sich als wahre Party-Kracher und Geheimtipps entpuppt. Doch natürlich nur Support-Bands für das persönliche Redaktionshighlight dieses Jahres: Passion Pit. Die fünf Jungs aus Boston spielten ein umwerfendes Set und brachten das Zelt fast zum platzen. Alle, die den Raum betraten, klatschten automatisch in die Hände und schrien „Higher and higher and higher“ freuten sich frenetisch und lockten der Band zwei Zugaben aus den Fingern. Wohin es mit dieser Band noch gehen kann, bleibt abzuwarten. Potenzial ist da für etwas ganz Großes!

Auf dem Weg zum Camping-Platz am Montag morgen bot sich noch ein ganz besonderer Anblick: Die gewohnten Lichter, die von Ferropolis ausgehen, wie von einem Diamanten reflektiert und rechts daneben ein erstaunlich großer Halbmond. Letztes Jahr noch richtig besungen von Jape: „Look at the fucking moon“.

Insgesamt kann man die Veranstalter beglückwünschen zu einem großartigen Festival, das nun genau die passende Größe erreicht hat. Die richtige Mischung von Bands und DJs, von elektronischer- und Gitarrenmusik, wurde gewahrt, auch wenn der Sonntag nicht mit einem solch perfekten Headliner aufwarten konnte, wie im letzten Jahr mit Björk. Besonders zu erwähnen ist, dass viele angesprochene Probleme und Beschwerden aufgegriffen wurden und möglichst gut ausgemerzt wurden. So gab es kaum Probleme mit der Security, auf schlechtes Wetter war man, bis auf Freitag, gut eingestellt. Auch Vorwürfen wie zu direkte und übertriebene Werbung wie im letzten Jahr wurde nachgegangen. Noch lange einem Melt! wie vor zwei Jahren hinterher zu trauern wäre falsch. Einerseits haben es die Organisatoren gerade erst geschafft, endlich Gewinn mit diesem großartigen Festival einzufahren und außerdem hat sich die Szene in den letzten Jahren einfach zu sehr verändert. Um beim Vergleich zur Ex-Freundin oder -Freund zu bleiben, irgendwie ist nicht mehr alles so wie vorher und es bleiben die Erinnerungen an frühere Zeiten, aber es gibt die Chance für eine sehr gute, neue Freundschaft - eventuell sogar für eine neue Liebe?

Artikel von: Christopher Szwabczynski und Kai Töpel

 

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