Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Jelling Musikfestival
Datum:
30.05.2010
Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 07.06.2010
Als Außenstehender ist man zunächst ein wenig baff. Knapp drei Stunden ist man mit dem Auto die A7 von Hamburg gen Norden gefahren, an immer wieder gleichen Feldern vorbeigefahren, die wie billige Kulissen eines frühen Stummfilms an einem vorbeiziehen. Die Städte werden kleiner, die Entfernung zwischen den einzelnen Ausfahrten immer größer. Unbemerkt und heimlich ist man über die dänische Grenze gefahren. Das ist mittlerweile bereits über anderthalb Stunden her.
Irgendwo, mitten in Jütland, winkt einen das Navi dann von der Autobahn. Über verschlungene, schlecht geteerte Wege schleicht man seinem Ziel entgegen. Licht und Schatten wechseln sich in perfekter Choreographie ab, als man durch ein kleines Wäldchen fährt. Plötzlich weckt einen die weibliche Stimme des Navis aus den Träumereien: „Sie haben ihr Ziel erreicht“. Man hält an. Und ist zunächst ein wenig baff.
Das soll er also sein, der Geburtsort Dänemarks. Vor über tausend Jahren errichtete der Wikingerkönig Harald Blauzahn in der kleinen Stadt Jelling zwischen zwei monumentalen Grabhügeln einen gewaltigen Runenstein, auf dem zum ersten Mal von „Dänen“ die Rede war. So die Geschichte, die bis heute jedes dänische Kind schon in der Grundschule lernt und die man glücklicherweise so in seinem Reiseführer nachlesen kann.
Gibt es demnach einen besseren, traditionsreicheren Ort, an dem ein dänisches Musikfestival stattfinden könnte? Das dachten sich auch die Organisatoren des Jelling Festivals, als sie 1989 zum ersten Mal auf einer nahegelegenen Schulwiese regionalen Bands für eine handvoll Freigetränke eine Bühne zur Verfügung stellten. Mit der Zeit kamen immer mehr Zuschauer zu dem jährlichen Ereignis, die Bands wurden größer, das Gelände wurde erweitert. Mittlerweile, nach über 20 Jahren, ist das Jelling Musikfestival eines der etablierten Großereignisse Dänemarks, das traditionell am letzten Maiwochenende stattfindet.
Im Gegensatz zum Roskilde-Festival, das mit großen namhaften Bands aus dem Ausland die Gäste aus aller Welt anlockt, hat sich Jelling eine Nische geschaffen, indem es sich größtenteils auf dänische Bands konzentriert. Quer durch die Dekaden und Musikstile entsteht so ein interessanter Mix, der durch einige wenige internationale Künstler komplettiert wird. Vielseitigkeit ist das Zauberwort und die Künstler werden wie durch ein unsichtbares, aus vielen Parametern bestehendes System scheinbar wahllos in das Line-Up hineingewürfelt. So soll sich am ersten Festivaltag auf der Hauptbühne folgende Konstellation ergeben: Outlandish - Wolfmother - Elton John - Mew. Klingt spannend, vor allem wenn man versucht, sich die Schnittmenge der Fans vorzustellen. Wenn es denn eine gibt.
Freitag
Leider wird einem durch Andrew Stockdale von Wolfmother ein Strich durch die Rechnung gemacht. Krankheitsbedingt müssen die Australier passen. An ihre Stelle tritt die amerikanische Sängerin Beth Hart, deren betont in den 90ern hängengebliebener Gitarrenrock jedoch die Anziehungskraft einer magnetisierten Büroklammer besitzt, so dass man weiterzieht und erst einmal das Gelände erkundet. Fünf Bühnen gibt es insgesamt, einen kleinen See und ein Zelt namens „Kuhstall“, aus dem immer wieder ein und derselbe DJ Ötzi-Song zu hören ist. Für den Rest des Wochenendes meidet man demnach penibel das Gelände um den besagten „Kuhstall“. So bunt gemischt wie das Line Up ist auch das Publikum: jung und alt, hip und gesetzt, ja ganze Familien pilgern über das Gelände und sorgen in gewohnt skandinavischer Festivaltradition für eine gemütliche, positive Grundstimmung, die jedoch nicht mit Langeweile oder Desinteresse zu verwechseln wäre.
Gegen 21 Uhr wird der größte Star, der jemals eine Bühne auf dem Jelling Festival betreten hat, frenetisch gefeiert: Elton John. Verzeihung, Sir Elton John. Man kann und darf von Elton John halten was man will, vor allem nach seinen groben Geschmackspatzern in den Achtzigern und frühen Neunzigern, als er Alben veröffentlichte, deren billige, hässliche Cover die leblose Musik auf diesen in kongenialer Art und Weise untermalten. Man darf jedoch nicht vergessen, dass eben jener Elton John in den frühen und mittleren Siebzigern einen kreativen Output hatte wie nur wenige vor und nach ihm, was im fulminanten „Captain Fantastic & The Brown Dirt Cowboy“ 1975 gipfelte.
So ist es wenig verwunderlich, dass John einen Großteil seines zweistündigen Sets aus eben jener Hochphase seiner Karriere zieht. Bestens aufgelegt spielt er ein Potpourri seiner großen Hits um „Rocket Man“, „Your Song“ oder „Bennie And The Jets“, bedient dabei jedoch auch die zahlreichen Fans, indem er ihnen mit „Take Me To The Pilot“ oder dem herzzereißenden „Tiny Dancer“ (genau, der Song aus dem großartigen Film „Almost Famous“) unausgesprochene Wünsche erfüllt. Dass er dann doch noch in jene unsägliche Phase seiner Karriere zurückfällt und ein schmieriges „Sacrifice“ oder das mittlerweile ungenießbare „Candle In The Wind“ (wenigstens in der Version für Marilyn Monroe und nicht für Lady Di) schmettert, tut der Stimmung trotzdem keinen Abbruch.
Gar kein Diskussionsbedarf besteht im Anschluss beim Auftritt Mews. Die Band hat mit ihrem neuesten Album „No More Stories Are Told...“ selbst ihre härtesten Kritiker zu Fans bekehrt und machen an jenem Freitag Abend in Jelling alles, aber auch alles richtig. Die Songs wirken live noch präsenter und faszinierender, weil Mew perfekt eingespielt sind und so unter anderem auch den vertrackten Rhythmuswechsel eines „Introducing Palace Players“ mit Leichtigkeit meistern. Sänger Jonas Bjerre trifft auch die hohen Töne in dieser kalten Nacht perfekt und wenn nach dem traumhaften Kinderchor in „Sometimes Life Isn‘t Easy“ oder dem abschließenden Feuerwerk „Comforting Sounds“ jemand noch nicht in diese wundervolle Band verliebt war, dann spätestens nach diesem Auftritt.
Samstag
Noch mehr Mew gibt es dann bereits ein paar Stunden später in Form von Johan Wohlert, dem ehemaligen Bassisten der Band. Gemeinsam mit seiner Partnerin und Sängerin Pernille Rosendahl hat er vor vier Jahren die Band The Storm gegründet, die im Gegensatz zu Mew mit geradlinigem, druckvollem Rock punktet. Ihr Debütalbum wurde vom legendären Queen-Produzenten Roy Thomas Baker aufgenommen und genauso groß sind dann auch die Gesten Rosendahls, mit denen sie das Publikum animiert. Als ehemalige Sängerin der populären dänischen Band Swan Lee zieht sie die Blicke des Publikums automatisch auf sich und versteht es, mit diesem zu spielen. Doch im direkten Duell Mew gegen The Storm geht der Punkt aufgrund der musikalisch versierteren Show eindeutig an Mew.
Im Anschluss hieran spielen auf der Hauptbühne drei ältere Herren ihre dänischen Versionen des großen amerikanischen Songbooks. Hierbei handelt es sich um die Band Dalton, die sich aus drei bekannten dänischen Sängern zusammensetzt, die nach über 17 Jahren eine Comebacktournee wagen. Amüsant anzuhören sind ihre liebgemeinten Frotzeleien gegen die jeweils anderen Bandmitglieder, ebenso wie die Coverversion des alten Travelin‘ Wilburys-Klassikers „Handle With Care“.
Das ist selbstverständlich eher etwas für die ältere Generation, die zu Hause ihren Dire Straits-Kanon in Ehren hält. Das Kontrastprogramm gibt es dann im gegenüberliegenden Zelt, in dem die Chartstürmerin Aura vor allem jungen Mädchen mit ihren funkelnden Popsongs aus der Seele zu sprechen scheint. Es wird ein verdienter Triumphzug für die junge Künstlerin, die live die ganze Künstlichkeit des Debütalbums wie einen zu dicken Pullover im Sommer abstreift. Zum Vorschein kommt eine sympathische Sängerin, die in ihren Songs keinen Hehl aus ihrer Zerbrechlichkeit macht und ohne gespielte Anbiederung erklärt, wie sehr sie Antony & The Johnsons mag.
Alphabeat gehen dann den umgekehrten Weg und fahren mit drei überdiemensionalen Disco-Kugeln und einem Saturday-Night-Fever-Sound synthetische Geschütze auf, die ins Schwarze treffen. Wie der kleine Bruder von Scissor Sisters-Frontmann Jake Shears rennt, springt und hampelt Anders „SG“ Nielsen“ über die Bühne, nimmt ein Bad in der Menge und flirtet mit seiner Bandkollegin Stine Bramsen, die stilsicher wie eine Disco-Queen mit hohen Absätzen über die Bühne stolziert. Der Funken springt sofort von der Band auf das Publikum über und so überrascht es einen nicht mehr allzu sehr, wie eindringlich der auf dem Album so glattpolierte Disco-Pop plötzlich strahlt und funkelt.
Zum Abschluss des Abends spielt das dänische Urgestein Kim Larsen vor ca. 20.000 Zuschauern auf der großen Bühne. Larsen hat in den Siebzigern mit seiner Band Gasolin' den dänischen Rock beinahe im Alleingang erfunden und ist seitdem zu einer Lichtgestalt der dänischen Musik aufgestiegen, dessen Songs auch Einzug in den Alltag der dänischen Bevölkerung erlangt hat. Kim Larsen singt man in der Schule, man singt ihn zu Familienfeiern, man singt vor allem mit ihm an diesem Abend in Jelling. Mal nur alleine mit der Gitarre, mal lautstark rockend mit seiner Backingband Kjukken spielt Larsen Evergreens aus seiner über 40-jährigen Karriere. Knapp 65-jährig ist Larsen zwar ein wenig ruhiger geworden, seine Songs jedoch besitzen noch immer die Kraft, ganze Generationen zu vereinen. Jedenfalls liegt ihm für etwas über eine Stunde das Publikum wie gewohnt zu Füßen.
Sonntag
Am Sonntag setzt dann das ein, womit man an sich schon das ganze Wochenende gerechnet hatte: stundenlang anhaltender Regen setzt das Gelände unter Wasser und bereits am frühen Nachmittag ist das Grün der Wiese, das das Wochenende über so gut gehalten hatte, komplett verschwunden. Dazu ist es eisig kalt, der Atem gefriert einem vor dem Gesicht. Man beginnt am Kalender zu zweifeln: ist heute wirklich schon der 30. Mai oder doch eher der 30. Oktober?
Wie gut, dass mit Dúné gleich zu Beginn des Tages auf der Hauptbühne das durchgefrorene Publikum ordentlich aufgewärmt wird. Es ist schön zu sehen, wie dänische Bands, die in Deutschland auf einer kleinen Nebenbühne abgespeist würden, in ihrer Heimat frenetisch bejubelt werden. Siehe Alphabeat. Siehe Mew. Siehe nun Dúné. Dabei ist die Musik Dúnés nicht einmal besonders originell und kann mit ihren augen- und ohrenscheinlichen Killers-Anleihen teils auch gehörig nerven. Doch für den Moment will man sich einfach nur bewegen, um nicht einzufrieren.
Mit The Rumour Said Fire spielt eine der momentan am heißest gehandeltsten dänischen Newcomerbands im Anschluss an Dúné auf einer Nebenbühne. Anfang des Jahres gewann die Band aus Kopenhagen den begehrten Newcomerpreis des angesehenen Radiosenders P3. In beeindruckender Manier spielt das Quartett erhabenen Folkrock, wie ihn auch die Fleet Foxes nicht besser hinbekommen würden. Man muss kein hellsichtiger Prophet sein um vorauszusehen, dass man in kommender Zeit sicherlich mehr zu dieser interessanten Band auf Crazewire lesen wird.
Interessant ist auch der Auftritt der jungen Sängerin Medina, die The Rumour Said Fire schon einen Schritt voraus ist. Im September erscheint eine englischsprachige, internationale Version ihres in Dänemark bereits erschienenen Debütalbums, das mit druckvollem, elektronisch angehauchtem Zukunfts-R&B beeindruckt. Auch live hat Medina das Publikum im Griff und holt sich mit einer kurzen Einlage des N.E.R.D.-Klassikers „Lapdance“ auch noch die nötige Credibility, um beim strengen Rezensenten zu punkten.
Nach einem kopfverdrehenden Auftritt der dänischen Punkrockband Magtens Korridorer ist man noch gar nicht richtig gewappnet auf das, was einem auf der Hauptbühne als nächstes serviert wird. Zu den Klängen von David Bowies „Let‘s Dance“ schreitet ein älterer, dandyhafter Sänger über die Bühne, der mit einem Bläsertrio im Gepäck die Zeit noch einmal 25 Jahre zurückdreht. Der Sänger heißt Steffen Brandt und ist der Kopf der Band TV2. Nicht nur äußerlich ähnelt Brandt einem weißhaarigen Bryan Ferry, auch seine Songs spiegeln den „Bête Noire“-Geist Ferrys aus den Achtzigern wieder. Ob es wohl ein Zufall ist, dass sowohl Brandt als auch Ferry in den letzten Jahren Coveralben mit Dylansongs veröffentlichten?
Das Festival schließt am späten Abend mit einem meisterhaften Auftritt Nephews. Vor fünf Jahren spielten Nephew einmal eine kleine Deutschlandtour, um ihr damaliges Album „USA DSB“ zu promoten. Schon damals, auf kleinen Bühnen, war deutlich, welch außerordentliches Potenzial Sänger Simon Kvamm als Frontmann besitzt. Manisch starrte er das Publikum in Grund und Boden, spielte auf seiner umgehängten Keytar nur hier und da ein paar Akkorde und war sonst darauf bedacht, die Blicke der Zuschauer auf sich zu richten. In Kombination mit den Songs, die zum Besten gehören, was aus Dänemark in den Nuller Jahren kam, war das damals schon beeindruckend. Es ist jedoch nichts im Vergleich zu dem, was Nephew 2010 auf dem Jelling Festival zelebrieren. Mit den Songs ihres neuen Albums „Danmark/Denmark“ und einer beeindruckenden, minimalistischen Lichtshow im Stile Kraftwerks im Gepäck lassen sie einen für 90 Minuten den Dauerregen vergessen und mit ihren elektronisch angehauchten Hymnen Erinnerungen an Depeche Mode Ende der Achtziger Jahre aufkommen. Jelling ist zwar nicht der Pasadena Rose Bowl, doch „Worst / Best Case Scenario“ ist schon verdammt nah dran am Gänsehautfaktor eines „Everything Counts“. Als sie dann noch eine Remix-Version des Polarkreis 18-Hits „Allein Allein“ spielen, verwirren sie damit zwar einen Großteil ihrer dänischen Fans, doch ein paar Deutsche im Publikum brüllen den Refrain frenetisch mit.
Doch trotz aller Bands sind es Anekdoten wie die folgende, die viel mehr über das Flair des Jelling Festivals aussagen als alle Musik: Vor dem Konzert von Nephew trifft man an der ersten Absperrung eine junge Familie mit ihren Kindern. Die Kleinsten stehen auf einer Biertischbank, um auch etwas von der Bühne sehen zu können. Bewaffnet sind sie mit Lichtschwertern, mit denen sie spätestens zum Nephew-Klassiker „En Wannabe Darth Vader“ freudestrahlend herumfuchteln werden. Auch der Vater hat ein Lichtschwert in der Hand. Seit 18 Jahren kommen er und seine Familie bereits zum Jelling Festival. Er hat die Anfänge auf der Schulwiese miterlebt. Hat gesehen, wie sich die damaligen Headliner Status Quo trotz apokalyptischem Gewitter nicht davon abhalten lassen konnten, doch noch aufzutreten. Wie er durch tiefen Matsch waten musste, um seine Lieblingsbands sehen zu können. „Jedes Jahr“ sagt er mit regennassen Haaren im Gesicht, „jedes Jahr sage ich mir, dass das Festival nicht noch größer werden könne. Dass doch irgendwann einmal die Grenzen erreicht sein müssten. Doch jedes Jahr wird es einfach immer größer.“ Auch im nächsten Jahr werde er selbstverständlich wieder dabei sein. Sagt er und dabei glänzen seine Augen um die Wette mit dem Lichtschwert in seiner Hand.