Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Immergut 2009
Datum:
30.05.2009
Lokation:
Neustrelitz
Autor:
Kai Töpel
Dresden, 16.06.2009
Immergut ist schon immer so etwas wie das Everybodies Darling der deutschen Indie Szene. Das intime Festival in Mecklenburg-Vorpommern, mitten in der Mecklenburger Seenplatte, lädt seit nun bereits zehn Jahren die Creme de la Creme des deutschen Gitarrenpops ein und vereint sie geschickt mit echten internationalen Perlen wie die halbe Broken Social Scene Crew und die Yeah Yeah Yeahs 2006 oder Menomena, Weakerthans und Lo-Fi-Fnk 2008. Das Immergut 2009 sollte jedoch viel mehr wie eine große Abschiedsfeier statt einer Geburtstagsfeier wirken und das lag nicht nur daran, dass Hauptorganisator Daniel „Kemper“ Kempf mit Beendigung des Festivals sein Amt abgeben wird.
So wirkte das Line Up dieses Jahr vor allem eines, nämlich nostalgisch. Bands wie Tomte, Kettcar, Die Sterne, Kate Mosh, Virginia Jetzt!, Luke, Pale, Samba, Olli Schulz (damals noch mit dem Hund Marie) und The Soundtrack Of Our Lives hätten auch 2003 auf einem Festival für gute Stimmung sorgen können. Daneben rundeten weitere alte Bekannte wie Friska Viljor, die damals auf dem Immergut 2007 ihren Durchbruch hatten, The Whitest Boy Alive, Polarkreis 18 und Jeans Team das Klassentreffen ab. Leider fehlte dieses Jahr ein wenig das Händchen zu frischen, überraschenden Bands wie in den Vorjahren, aber dieses Jahr stand das Immergut auch unter einem ganz anderen Thema.
Wie in den letzten Jahren waren die auf 5.000 Stück limitierten Karten bereits lange vor dem Festival vergriffen. Ähnlich wie viele andere kleine Festivals hat aber auch das Immergut immer mehr mit Festivaltouristen zu kämpfen, die musikalisch wohl lieber zu Rock Am Ring gefahren wären, aber finanziell immer öfter zu den billigeren Alternativen greifen. So zeltet man nun auch beim Immergut zwischen Fraktionen, die einen Euro-Trash Hit nach dem anderen über ihre Boxen laufen lassen, oder anderen, die zu Mallorca- und Fetenhits auf ihrem Campingtisch tanzen. Zum Glück bleiben solche noch in der Minderheit und zerstören nicht die tolle Atmosphäre, die sonst auf dem Immergut herrscht. Vor allem das mit Bäumen umsäumte Gelände ist eine wahre Augenweide und bietet bei untergehender Sonne ein wunderschönes Bild.
Eingeleitet wurde das Festival dieses Jahr mit A Golden Pony Boy und Kate Mosh auf dem Red Bull Tour Bus noch auf dem Zeltgelände. Obwohl Kate Mosh sich eigentlich schon aufgelöst haben, hat sich Sänger Thom Kastning mit ein paar alten Freunden von Sinnbus zusammengetan, um zum Immergut Geburtstag beizutragen. Danach wurde offiziell das Festivalgelände eröffnet, auf dem jeweils abwechselnd auf der Hauptbühne und in den Umbaupausen auf der Zeltbühne gespielt wurde. Sommerlich frisch eröffnen dabei vor allem Virginia Jetzt!, Timid Tiger und Olli Schulz, bis Sometree dann mit ihrem verträumten Postrock ein wenig zu früh die Zeltbühne bespielten.
Besonders gespannt war man auf den Auftritt von Polarkreis 18, die binnen eines Jahres eine ganz überraschende Entwicklung genommen haben. Während sie mit dem Debüt eher wenig Aufsehen außerhalb der Indieszene erregten, eröffnete ihr Hit „Allein, Allein“ die großen Bühnen auf eigenen Touren oder im Vorprogramm von Depeche Mode. Zwischen Popcorn Postern und Bravo Hits haben die sympathischen Dresdner jedoch auch viele Fans der frühen Stunde verloren, die sie noch vor zwei Jahren auf dem Immergut abfeierten. Überraschend war dann jedoch die durchweg positive Reaktion des Publikums, die von Anfang an in „Allein, Allein“ Chöre einstimmten. Quittiert wurde dies vom Sänger Felix Räuber mit den Worten „Ich dachte ihr mögt gar keinen Pop“. Insgesamt legten sie eine mit Discolasern unterstützte, ausgeklügelte Show hin, die zeigte, dass sie sich längst zu einem Gesamtkunstwerk entwickeln haben. Die meisten waren jedoch noch immer zweigeteilt, Gerüchte über Playback bei der Show machten die Runde, können von uns aber nicht bestätigt werden. Wer sich jedoch zu lange damit beschäftigt, verpasste vielleicht die drei Berliner von Bodi Bill. Als Vorband von Polarkreis dieses Jahr mit etwas mehr Aufsehen ausgestattet, sind sie dieses Jahr endlich dabei ihren großen Absprung zu schaffen. Die kleine Zeltbühne wird ihnen und vor allem dem Publikum jedenfalls schon zu klein, tanzen kann man leider aus Platzmangel ganz vergessen, leichtes Mitwippen an den Nebenmann ist aber noch möglich.
Über die Livequalitäten von The Whitest Boy Alive muss man wohl nicht mehr viele Worte verlieren, die drei Berliner um Erlend Øye bringen jede Menge zum Tanzen und der sympathische Bergener tut den Rest dazu.
Überraschender waren dagegen Die Sterne, die im selbstgestalteten, einheitlichen Militaria-Look die Bühne betreten. Frenetisch werden die alten Hits um den "Universal Tellerwäscher" und "Trrrmer" bejubelt, zwischendrin spielen Frank Spilker und Co. einen neuen Song, der ungewohnt eingängig und sloganhaft auf den Punkt kommt. "Gib mir die Kraft" brüllt Spiler ekstatisch wie ein junger James Brown ins Mikro und der Schlachtruf hallt noch für eine kleine Ewigkeit durch das viel zu kleine Zelt. Als Zugabe holen sie sich dann die kompletten Whitest Boy Alive auf die Bühne und begeben sich auf eine chaotische, aber unterhaltsame Jam-Reise ins Land des gepflegten Wohlklanges. Zum Abschluss des ersten Tages brachten Frittenbude die Leute noch einmal zum Kochen.
Ähnlich ruhig und gemütlich wie der erste Tag begann auch der zweite. Während Hundreds mit ihrem Electro-Pop schon viele Leute begeistern konnten, überraschten gerade Telekinesis! und Hello Saferide. Mit Telekinesis hat sich das kleine Berliner Label Morr Music mal wieder eine Perle an Land geholt. Das Soloprojekt Michael Berner Lerner wird auf der Bühne noch von voller Band unterstützt, wobei Lerner selbst das Schlagzeug und Gesang übernimmt. Besonders ihr Song „Coast Of Carolina“ hat Potenzial zu einem Sommerhit. Sie ließen es sich übrigens auch nicht nehmen am traditionellen Fußballturnier des Festivals teilzunehmen.
Hello Saferides radiotaugliche Popnummern wurden im Anschluss im Zelt abgefeiert. Besonders das tolle Zusammenspiel der Band und der Auftritt der manchmal leicht seltsam, aber ehrlich wirkenden Frontfrau Annika Norlin, machten ihren traumhaften Auftritt zu einem der besten dieses Festivals.
Dagegen wirkte der betrunkene Ska-Indierock von Friska Viljor wie eine kalte Dusche. Die Schweden sind so etwas wie der Stolz des Festivals, schließlich wurden sie nach ihrem Auftritt auf dem Immergut vor zwei Jahren bekannt und hatten damit ihren Durchbruch. Dieses Jahr hinterließen sie jedoch kein so gutes Bild. Neben technischen Problemen, wie das Feedback der Gitarren und schlecht abgemischten Sound, hatten sie besonders mit ihrem betrunken wirkenden Schlagzeuger zu kämpfen, der kaum einen Takt halten konnte. Die Begeisterung, der auf der Bühne herumtollenden bärtigen Bandgründer Daniel Johansson und Joakim Sveningsson schwappte nichts desto trotz auf die Menge über und passte perfekt zur langsam untergehenden Sonne.
Tomte und vornehmlich Thees Uhlmann schienen nicht ganz so gut gelaunt. Anders ist der eher lieblose Auftritt nicht zu erklären, bei dem sich Thees sogar mit seinen Ansprachen zwischen den Liedern zurückhielt. Anders wirkten da Kettcar, die für den Immergutorganisator Kemper sogar seine Lieblingsband Death Cab For Cutie mit „Sound Of Settling“ coverten.
Zwischen den beiden Grand Hotel van Cleef Bands spielten noch Jeans Team im Zelt. Wie eine Reinkarnation von Trio ins 21. Jahrhundert gebracht, begeisterten die gebürtigen Bremer mit ihrem simplen Techno-Pop. Leider war von neuem Material aber, vom schon von Myspace bekannten „Cocktailständer“ abgesehn, noch wenig zu hören.
Ganz emotional sollte es dann bei Pale werden, die beim Immergut zu ihrem letzten Konzert einluden. Dabei ging es auf eine Reise durch 15 Jahre Pale, mit viel Schweiß, Anstrengung und Tränen. Nach abgefeierten zwei Zugaben wollte immer noch keiner Pale gehen lassen und so bat Sänger Holger Kochs alle Freunde, frühere Bandkollegen und Labelkollegen aus dem Backstagebereich auf die Bühne, um die letzten Momente dieser Band mit auf der Bühne und im Chor zu zelebrieren. Ein letzter Jubel, ein letzter Konfettiregen aus der Konfettikanone, ein paar letzte Rufe nach Zugabe und damit war die Band Pale mit einem perfekten Ende Geschichte. Nicht ohne Grund wirkte dies auch wie ein Abschied vom Immergut selbst, denn nach dem Ausscheiden von Kemper ist die Zukunft des Festivals noch ungewiss.
Zum Abschluss baten noch Soundtrack Of Our Lives zum letzten Konzert, doch wenn die Verabschiedungsstimmung bei Pale nicht schon viele Leute Richtung Zeltplatz gingen ließen, dann waren es zumindest die ewiglangen Ansprachen des Frontmanns Ebbot Lundberg, die auch merklich seiner Band auf die Nerven gingen.
Damit schloss das Immergut zum 10. mal und zum Abschluss bleibt nichts anderes übrig, als alles Gute zu wünschen und die Daumen zu drücken, dass ein solches Festival auch in Zukunft mit neuer Führung weitergeführt wird.