Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Haldern Pop-Festival 2011 - Anders wie immer
Datum:
12.08.2011
Lokation:
Rees-Haldern
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 17.08.2011
Einmal im Jahr lautet das Reiseziel Niederrhein. Nicht nur im Hause Crazewire ist das Haldern Pop-Festival im beschaulichen Örtchen Rees seit vielen Jahren ein Pflichttermin. Ein stilsicheres Booking und die persönliche Note zeichnen diese drei Tage aus. Bekannte Gesichter bevölkern den Zeltplatz und die Zeit abseits der Bühnen ist mindestens so wertvoll wie das Konzertvergnügen. Zusammengefasst: ein verlängertes Campingwochenende mit Freunden und Unterhaltungsprogramm.
Tag 1: Eintauchen
Der Donnerstag gehört erfahrungsgemäß dem Ankommen, Begrüßen, Eintauchen. Musik ist dabei oft nur schmückendes Beiwerk und dadurch jedoch nicht weniger essentiell. Die Isländer Retro Stefson und ihre fröhlich-naive Afro-Beat-Italo-Disco-Rock-Revue sind die passende Einstimmung als Erföffnungsact des Spiegelzelts, auch wenn man die Show nur über die Großbildmattscheibe im Biergarten verfolgt. Auch die nächsten Auftritte von Ben Howard und Yuck sind wirklich gelungen und doch merken alle, dass noch reichlich Luft nach oben ist und man sich immerhin erst wenige Stunden auf dieser Wiese befindet, die den treuen Halderntouristen nicht selten wie eine andere Welt vorkommt.
Die Höhepunkte in musikalischer Hinsicht folgen am Abend. The Avett Brothers nehmen ein wenig den Platz ein, den Mumford & Sons letztes Jahr auf der großen Bühne übernommen haben, denn die beiden Brüder aus North Carolina bespielen das Zelt auch mit einer angenehmen Mischung aus Bluegrass und Indie. Während sie in Amerika dank ihrer Bekanntheit schon große Hallen füllen, sind sie hierzulande eher ein Geheimtipp und passen so perfekt in die gemütliche Atmosphäre des Zelts.
Zum starken Kontrastprogramm lädt danach der Biergarten ein, in dem mit Coma zwei Jungs von Niederrhein spielen, die zwar über Jahre mit dem Haldern verwurzelt sind, jedoch musikalisch mit ihrem Electro zwischen Four Tet, Gold Panda und Kölner Minimal Techno nie zum Haldern passten. So bewiesen die Haldern Booker damit nicht nur Experimentierfreude, sondern auch ein gutes Gespür, wie man das Publikum um halb eins begeistern kann. Fehlen durfte natürlich auch trotz neuer musikalischer Sphären das festivaltypische Mitklatschen im 4/4 Takt nicht.
Als Abschluss fahren die Haldern-Booker ein schweres Geschütz auf und präsentieren dem staunenden Publikum das Brandt Brauer Frick Ensemble, die mit ihrer Mischung aus klassischer Instrumentierung, Jazz und Minimal Electro vor einigen Wochen bereits auf der c/o Pop begeistern konnten. Im Spiegelzelt ist man begeistert ob der an diesem Orte ungewohnten Klänge und es darf sich im Rhythmus bewegt werden.
Tag 2: Ankommen
Es dauert bis Freitagnachmittag, ehe man geistig angekommen ist und erste Eindrücke verarbeiten kann, doch schon ist Eile geboten. Bodi Bill sind bereits um kurz nach drei an der Reihe. Eigentlich ein sehr undankbarer Zeitpunkt für eine Band, die man eher nachts in einem verrauchten Club erwartet. Dank ihrer verrückten Bühnenshow inklusive riesiger Knochen, Masken und einem großen Pappmachéstein, den sich Sänger Anton Feist als Anzug anzieht, bringen sie trotz der frühen Tageszeit alle zum Tanzen.
Gisbert zu Knyphausen gehört zu den Glücklichen, die mit der Zeit vom Festivalbesucher zum Festivalkünstler wurden. Verzauberte er 2008 bei seinem Debüt noch das Spiegelzelt, so absolviert der Songwriter dieses Mal einen überzeugenden Gig auf der Hauptbühne. Dezent rockiger als üblicherweise gewohnt, zeigt sich Gisbert zu Knyphausen als gereifter Künstler, der die Größe seiner Songs an die Kulisse anpassen kann.
Am Abend folgt ein festes Ritual. Da ist er wieder, dieser Spätsommer-Haldern-Moment, auf den man sich in jedem Jahr verlassen kann. 2011 liefern ihn Okkervil River. Zum Ende ihres insgesamt sehr schönen, doch eher unspektakulären Auftritts steigern sich die Texaner in einen drei Stücke überdauernden Euphorierausch und stecken bis ins die letzten Reihen aber auch absolut jeden im Publikum an. „Our Life Is Not A Movie Or Maybe" wird zur frenetisch beklatschten Hymne des Augenblicks, in dem sich alle einig sind. An dieser Stelle hat man wirklich das Gefühl, als manifestiere sich jene kollektive Gegenwartsentdeckung, die nicht zuletzt einen Hauptgrund für den Besuch des Haldern Pop darstellt.
Ein Zeichen dafür, dass sich große Haldern-Momente nicht zwangsweise bei den großen Namen, sondern eher bei den unbekannteren Abspielen, kann James Vincent McMorrow beweisen. Der Ire nimmt den nächtlichen Slot gleichzeitig mit The Wombats ein und zeigt mit seinem ruhigen Gitarren-Folk den perfekten Kontrast zum hyperaktiven Gezappel auf der Hauptbühne. Ganz groß wird es, als er „If I Had A Boat” ohne Verstärker spielt. Während die ersten Minuten noch im letzten Song der Wombats, der bis zum Zelt hinüberschallt, untergehen, beendet die Hauptbühne genau zum letzten Refrain den Abend und McMorrows Stimme erklingt inbrünstig im muxmäuschenstillen Zelt.
Tag 3: Abheben
Wie raumgreifend und ansteckend ruhige Töne sein können, zeigen am Samstagmittag auch The Black Atlantic. Seit diesem Jahr gehört das Quartett aus Groningen zum Labelkatalog von Haldern Pop Records und wurde dementsprechend von der Bar ins Spiegelzelt aufgewertet. Erfreulicherweise ist es bereits um zwei Uhr mehr als gut gefüllt, was der Band einen tollen Start in den Tag bereitet. Bedankt wird sich mit einem packenden Set, bei dem es neben Stücken des wohlbekannten Albums „Reverence For Fallen Trees" auch zwei neue Lieder zu hören gibt, die andeuten, dass die Zukunft opulent werden könnte.
Im Anschluss hat Steve Cradock große Mühe, sich mit seiner Britpop-Show gegen die zuvor geschaffene Atmosphäre durchzusetzen. Obgleich der Ocean Colour Scene-Sänger und Paul Weller-Gitarrist mit seinem schönsten Stück „Last Days Of The Old World" startet und einen soliden Auftritt hinlegt, beschränkt es sich bei vielen Zuhörern auf ein gnädiges Kopfnicken und Lied für Lied lichten sich die Reihen. Allerdings scheint das kein Problem zu sein, da auch Cradock bei Haldern Pop Records veröffentlicht und sich die Festivalmacher mit diesem Konzert einfach mal selbst belohnen dürfen. Ihrem Publikum wird an diesem Tag noch mehr als genug geboten werden. Der kanadische Sonwriter Dan Mangan sorgt kurz darauf dafür, dass das Spiegelzelt den Nachmittag über aus allen Nähten platzt. Es darf mitgesungen werden.
Während Timber Timbre im Zelt versucht, trotz früher Stunde mit seinem minimalen, verschrobenen Blues das Publikum zu begeistern, spielt draußen mit James Blake wohl die Entdeckung des Jahres. Sein Ansatz, Dubstep in Popmusik einzubetten, soll zur frühen Stunde die große Bühne in Wallungen bringen, die trotz Regen gut gefüllt ist. Es ist zwar gut gemeint, einen solch bekannten Namen auf die große Bühne zu setzen, so dass er alle Festivalbesucher erreichen kann, jedoch nimmt genau diese Wahl des Ortes und der Zeit viel vom Auftritt des 21-jährigen Engländers. So verkommt das Konzert leider zu einem Warten auf den großen Hit “Limit To Your Love”, der zwar vom Publikum mit großem Jubel, jedoch mit wenig Bewegung zur Kenntnis genommen wird. Der dröhnende Bass wird vom großen Teil des Publikums dann auch meist mit Kopfschütteln quitiert. Die Zeltbühne oder ein späterer Zeitpunkt wären da idealer gewesen.
Ein lokales Highlight wartete dann noch im Zelt auf. Der Düsseldorfer Hauschka ist jedoch alles andere als nur ein lokales Phänomen, bespielt er doch schon seit Längerem Bühnen zwischen Japan, London und New York. Zusammen mit Samuli Kosminen von der isländischen Band Múm am Schlagzeug und Kai Angermann an den Percussions erzeugte Hauschka aus dem Zelt den Salon des Amateurs. Besonders imposant ist, wie er es mit allerlei Tricks wie Tischtennisbällen oder Klebeband schafft, die unglaublichsten Klänge aus seinem Flügel zu kitzeln.
Ähnlich begeistert wie das Publikum sind auch die folgenden Warpaint von Hauschka und bezeichnen ihn als besten Act des Jahres. Dass Warpaint auf dieser Liste jedoch auch sehr weit oben sind, muss man wohl kaum erwähnen. Wie die vier Amerikanerinnen ihre Songs immer weiter, fast hypnotisch, in die Höhe treiben und damit das ganze Publikum in Trance versetzen, ist mehr als eindrucksvoll.
Dafür nimmt man auch gerne in Kauf, den Anfang der Fleet Foxes zu verpassen, die gleichzeitig auf der Hauptbühne spielen. Nachdem sie vor drei Jahren noch am Donnerstag im Zelt begeistern konnten, zeichnen sie sich diesmal als große Festivalband aus. Mit einer schönen Mischung aus dem selbstbetitelten Debütalbum und dem Nachfolger „Helplessness Blues" füllen sie dabei in Windeseile die Mainstage.
Diese leert sich jedoch bald darauf recht schnell wieder, als viele bemerken, dass mit Explosions In The Sky eine DER Post Rock Bands der texanischen Szene zum Abschluss auf der Bühne steht. Selbst Schuld, denn was einem dort von der Hauptbühne entgegenschlägt, ist mehr als beeindruckend. Drückende Gitarrenwände, klirrende Soli und ein 60-minütiges Set, das weder Publikum noch Band eine Verschnaufpause gönnt. Abheben und Fallenlassen, bitte. Man kann diesen Klangzauber mit Fug und Recht als perfekten Festivalabschluss bezeichnen.
Während Agnes Obel noch die Zeltbühne mit den Songs ihres eher mediokren neuen Albums bespielt, schlendern wir mit dem letzten Festivalbier des Abends über das Gelände. Auch wenn dieses Jahr vieles anders, elektronischer oder verregneter war als in den Jahren zuvor, der Festivalabschluss lässt einen zurück wie immer: Mit dem wohligen Gefühl, an diesem Wochenende genau das Richtige gemacht zu haben.
Bericht: Kai Töpel und Bastian Küllenberg
Fotoa: Sándor Juhász