Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Haldern Pop 2010
Datum:
12.08.2010
Lokation:
Rees-Haldern
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 23.08.2010
Jedes Jahr aufs Neue freut man sich auf vier Tage im August. Im kleinen Örtchen Rees-Haldern fand sich auch 2010 wieder eine ausgewählte Schar musikbegeisterter Menschen ein, um ein besonderes Festival zu zelebrieren, dass sich auch in Zeiten gesteigerter Wahrnehmung seine spleenigen Seiten bewahrt hat. In Haldern gehen die Uhren anders, als beim gewöhnlichen Massenspektakel. Die Besucherzahl ist überschaubar, die Wege kurz und der Zeltplatz auf der Kuhwiese.
Nicht wenige kaufen ihr Haldern-Ticket seit Jahren, ohne vorher einen detaillierten Blick auf das Programm zu werfen. Man traut den Festivalmachern, ihr Geschmack hat sich bewährt. Da stört es kaum, dass im diesjährigen Line-Up zunächst die vermeintlichen Hochkaräter etwas dünn gesäht sind. Der Donnerstag ist traditionell der Tag des Spiegelzelts. Obwohl es sich inzwischen eingebürgert hat, am Donnerstag anzureisen, bleibt das Programm im auf 600 Leute begrenzten Zelt. Auch wenn der Biergarten vor dem Zelt nochmals aufgewertet wurde und eine Leinwand das Spektakel im Zelt überträgt bleibt ein fader Beigeschmack. So verbringen viele Besucher den Abend am Zeltplatz, trinken und reden, während im Zelt die ersten Bands spielen.
Eingangs gibt es Lautstärke von Cymbals Eat Guitars, die mit leicht psychedelischem Shoegazer-Rock gegen halb acht das Aufwärmprogramm bestreiten. Im Anschluss folgt mit Beach House bereits ein heimlicher Headliner. Das dritte Album der Band hat so manches Herz erobert und zu einem kleinen Durchbruch verholfen, weshalb es wenig wundert, dassBeach Houseihre ersten beiden Platten beim Auftritt komplett unter den Tisch fallen lassen. Die Atmosphäre im Spiegelzelt harmoniert gut mit der Musik, die deutlich druckvoller als erwartet klingt. Ein weiterer Publikumsfavorit sind Seabear aus Island. Die Band enttäuscht ihre Anhänger nicht und taucht die erste Nacht des Festivals in goldene Nachmittagssonne.
Am Freitag heißt es bereits am Mittag aus dem Zelt zu kriechen, da für ein Uhr Gary angekündigt sind. Ihr Konzert findet in der Haldern Pop Bar im Ortskern statt. Die gemütliche Kneipe und Hauptquartier des Haldern Pop-Kosmos, ist in diesem Jahr zum ersten Mal als Spielort für wenige, ausgewählte Auftritte dabei und an diesem Mittag prall gefüllt. Man bekommt einen heißen Milchkaffee aus dem Glas oder startet mit einem kühlen Radler zum Frühschoppen, während die Band um Robert Stadlober die kleine Bühne betritt. Mit ihrem eingängigen, schnörkellosen Indie Rock passen Gary perfekt ins Bild und stecken das Publikum recht bald an. Bestens gelaunt spielt die Band ihr neues mit Zitaten behaftetes Album und gräbt sogar einige Uraltnummern vom Debüt aus. Das Konzert macht Laune auf den Tag.
Am Nachmittag hat man nun die Qual der Wahl, denn das Spiegelzelt hat sich inzwischen zur festen zweiten Bühne entwickelt und muss sich mit Laura Marling und den Post War Years programmatisch weiß Gott nicht verstecken. Auf der Hauptbühne beginnt der Tag rockig mit Triggerfinger und Detroit Social Club. Das Rätselraten um den Namen, der sich hinter dem „?" versteckt hat und durch den Ausfall von Micachu verursacht wurde hat um 17:40 ein Ende. Nachdem die Macher des Haldern Pop schon in den letzten Jahren immer mal wieder für eine Überraschung gut waren, durfte auch in diesem Jahr wieder fleißig gerätselt werden, es wurden die Tourpläne der Wunschbands überprüft. Schafft man es innerhalb von zwei Stunden nach dem Auftritt noch nach Budapest zum Sziget? Letztlich waren alle Gerüchte und Visionen belanglos, denn Philip Poisel hatte niemand weit oben auf der Wunschliste. Wie schon auf dem Melt Festival wurde dem jungen Schützling von Herbert Grönemeyer ein guter Platz auf einem “Multiplikator”-Festival eingereicht. Ob er die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllen wird? Man wird sehen, uns hat er noch nicht überzeugt.
Mit Rox kam dann die nächste Überraschung auf die Hauptbühne. Nach all dem Rock und Indie stand dort eine Soul-Diva mit Chor und starker Backing Band auf der Bühne. Haldern will sich nicht festlegen und hat wie schon vor zwei Jahren mit Jan Delay bewiesen, dass man stilistisch flexibel ist. Mit Delphic hat man im Anschluss eine der Hype-Bands des zweiten Halbjahres 2009 an Bord und es erstaunt einen immer wieder, wie schnell eine solche Hypewolke verfliegen kann. Damals noch mit Vorabsingle und diversen Remixes in aller Munde bis zum Release des Albums, kommen einem Songs wie „This Monumentary” jetzt beinah schon altbacken vor. Delphic spielen ein souveränes Set und man darf gespannt sein, in welche Richtung sich die Band entwickelt.
Die Sonne versinkt allmälich, es wird Headlinerzeit. Mumford & Sons sind eine der Bands des laufenden Jahres. Hatten die Briten im vergangenen Jahr noch im Spiegelzelt Geburtstag gefeiert, so erobern sie aktuell die Hauptbühne und können das größte Publikum des Wochenendes für sich verbuchen. Der Mitmach-Folk funktioniert ab dem ersten Stück, so dass rasch die Textzeilen aus tausenden Kehlen erklingen. Hits wie „Little Lion Man" werden euphorisch abgefeiert. Hier erlebt man den gegenwärtige Stadion-Folk im Entstehungsprozeß. Nach diesem überzeugenden Auftritt darf man Mumford & Sons allen Hype-Gedanken zum Trotz endgültig eine gute Band nennen. Dieses Prädikat hat sich die folgende Kapelle längst verdient. Beirut sind Feuilleton-Material und zugleich doch tanzbar und vermeintlich unbeschwert in ihrer Feier der Melancholie. Musik, wie gemacht für den späten Abend, jedoch nicht unbedingt für eine Open-Air-Bühne dieses Formats. Obgleich es ein schöner, stimmungsvoller Auftritt ist, erinnern sich nicht wenige ein bisschen wehmütig an ihr famoses, fast unvergleichliches Gastspiel in der Kölner Philharmonie während der c/o Pop im vergangenen Jahr.
Nach dem hochkarätigen Doppelpack, zieht es viele Richtung Spiegelzelt oder Zeltplatz. Welch ein Fehler, stehen doch als Abschluss der Hauptbühne Serena-Maneesh auf dem Plan. Bereits vor einigen Jahren begeisterten die Norweger am Niederrhein, damals jedoch noch am Nachmittag. In der Nacht zündet der Funke sogar noch mehr. Serena-Maneesh türmen eine Wall Of Sound auf und lassen wuchtige Songs wie Donnerhall auf die Anwesenden hereinbrechen. Was anfangs noch etwas ungelenk wirkt, wird in wenigen Augeblicken zu einer wummernden, dröhnenden Mischung aus Psychedelic Rock und New Wave, die ansteckt, auch wenn es in den Ohren kracht. Dieses Konzert ist eine körperliche Erfahrung, für das Publikum sowie die Band. Die Musiker gehen in ihren Instrumenten auf, Sänger Tommy zuckt oft wie im Wahn und bearbeitet seine Gitarre voller Inbrunst. Hatte man ein Aha-Erlebnis gesucht, hier ist es. Nach dem Lautstärkerausch auf der Hauptbühne, kann man sich keinen besseren Finalgig wünschen, als Junip. Die Band von Jose Gonzales entfaltet zu nächtlicher Stunde gemächlich ihren ruhigen, hypnotischen Psychedelic Folk. Das Spiegelzelt lauscht andächtig oder wippt mit, im festen Bewusstsein, dass noch ein Drittel des Festivals wartet.
Der Samstag startet zunächst einmal im See. In den letzten Jahren war der See noch ein Geheimtipp, der sich nur über den Zaun vorbei an den Pferden auf der Wiese erreichen ließ. Dieses Jahr wurde der See mehr denn je in den Mittelpunkt gerückt, so gab es einen offiziellen Weg vorbei an der Pferderanch, die auch Frühstück anbot, direkt zum kleinen Strand. Überhaupt ist es erstaunlich wie die Dorfgemeinschaft in Haldern in das Festival eingebunden werden und sich auf die Besucher einstellen. Auf dem Weg zur Presseakkreditierung bietet ein kleiner Junge mit seiner Oma ein Spiel an, bei dem es darum geht im richtigen Moment auf ein Stück Würfelzucker mit einem Hammer zu schlagen, welches durch ein Rohr dem Teilnehmer entgegenkommt. Ein Spaß für die ganze Familie. Auch die vielen Frühstücksangebote in der Stadt machen deutlich, hier freut man sich über die Gäste aus ganz Deutschland, England und vielen Besuchern aus den Niederlanden. Aber auch die Besucher genießen das ländliche Flair und bei vielen Großstadtkinder entwickelt sich so etwas wie Sehnsucht nach ländlichen Verhältnissen. Hier scheint die Welt noch so einfach und geordnet.
Doch zurück zur Musik, während auf der Hauptbühne Thees Uhlmanns neue Lieblingsband The Young Rebel Set den Tag einläutet, eröffnen im Spiegelzelt Everything Everything den Tag mit einem denkwürdigen Konzert. Die Band war eine der Entdeckungen des diesjährigen Eurosonic Festivals und startet gerade in England durch, daher ist es nur eine Frage der Zeit bis sie auch in Deutschland Fuß fassen. Für viele werden die Konzerte an diesem Tag im Spiegelzelt, trotz brütender Hitze zu den absoluten Highlights gehören. Für Helgi Jonsson ist das Konzert sicherlich etwas zu früh angesetzt, schließlich erfordern seine Songs etwas mehr Kälte und Dunkelheit, aber da er auch noch den Abend mit The Whale Watching Tour beenden wird, kann man über diesen Umstand hinwegsehen. Es folgen The Low Anthem und The Villagers, von denen man auch nur begeisterte Stimmen hören konnte, während auf der Hauptbühne Frightened Rabbit und Blood Red Shoes den Abend sehr überzeugend einleiten und man selbst Interviews führt. Doch das schöne ist, dass man selbst auf dem Zeltplatz noch das Gefühl hat, Teil des Festivals zu sein und so schallen die Klänge von Blood Red Shoes bis zum Zeltplatz, wo man sich auf den anstehenden Abend vorbereitet. So setzt man sich auch gerne unter die Bäume im hinteren Teil des Festivalgeländes, wo man zwar nichts sieht, aber immer noch gut zuhören kann. The Tallest Man on Earth ist eine der vielen positiven Überraschungen des Festivals. Nach all den Bands steht Kristian Matsson allein mit seiner Gitarre auf der Bühne und schafft es dennoch, das Publikum von Beginn an in seinen Bann zu ziehen.
Im Anschluss muss man sich entscheiden zwischen Yeasayer und Dan Deacon. Beide gehörten von Anfang an zu den persönlichen Favoriten, aber es kann nur einen geben, und da die Auftritte von Dan Deacon in Deutschland bislang nicht sehr häufig vorkamen, lässt man sich Yeasayer entgehen, die sicher demnächst wieder durch Deutschland touren werden. Eine gute Entscheidung, wie sich recht schnell herausstellt, denn Dan Deacon beweist von der ersten Sekunde an seine Entertainerqualitäten. Mit ein paar kleinen Spielchen vor Beginn seiner Show, die man sich auf Youtube ansehen kann. Was folgt sind eine durchdrehende schwitzende Menge, ein Tanzkontest und staunende Menschen.
Auf der Hauptbühne beenden The National das Festival. Leider hat die Band mit enormen Soundproblemen zu kämpfen, was das Konzerterlebnis deutlich trübt. Das ist überaus schade, denn die New Yorker gehören zu den absoluten Lieblingen des Publikums, überall auf dem Zeltplatz erschallen ihre Songs. Die Band hat es mit ihrer Konsequenz und ihren unprätentiösen Art geschafft, über Jahre zu wachsen. Ihr Auftritt vor zwei Jahren auf dem Haldern Pop bei Nieselregen gehört immer noch zu den absoluten Haldern Highlights. Trotz der Soundprobleme liefert die Band ein souveränes Konzert ab. Den absoluten Abschluss des Festivals bieten aber The Whale Watching Tour im Spiegelzelt, ein Projekt für alle Fans isländischer Komplexität. Entstanden aus dem Label The Bedroom Community vom isländischen Produzenten Valgeir Sigurosson zusammen mit Nico Muhly, Ben Frost und Sam Amidon gegründet, hat sich The Whale Watching Tour als gemeinsames Ventil der vier kreativen Köpfe entwickelt. Nico Muhly arbeitet sonst als klassischer Komponist, während Ben Frost und Valgeir Sigurrosson als Produzenten für diverse isländische Projekte unter anderem für Björk tätig sind. Die Songs sind teils harmonisch, gleiten aber dann oft verstörend ab. Im Spiegelzelt funktioniert die Show grandios. Es endet sehr abrupt und man wird ein wenig traumatisiert zurückgelassen. Man stolpert aus dem Zelt und weiß nicht was da gerade passiert ist. Aber auch das gehört zum Haldern Pop, die Stille der Samstag Nacht um 3 Uhr, das Bewusstsein, dass alles ein Ende hat, dass auch die meisten Festivalbesucher gleichzeitig mitbekommen.
Die wenigsten sind noch wach und reden bis in den Morgen hinein, es herrscht die Melancholie, dass dieses besondere Wochenende im Jahr wieder vorbei ist. Und so verlässt man das Festival am frühen Sonntagmorgen voller neuer Eindrücke, neuer Musik und neuen Freunden, in dem sicheren Wissen, im nächsten Jahr wieder an den Niederrhein zu fahren, zu dem Festival, mit dem man alt werden möchte.
Bericht: Bastian Küllenberg, Fabian Töpel
Fotos: Christina Kania