DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Haldern Pop 2009

Interpret:
Haldern Pop

Datum:
13.08.2009

Lokation:
Rees- Haldern

Weiterführende Links:

Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 14.09.2009

BERICHTE

Festivalbericht - Haldern Pop 2009

Haldern Pop 2009

Indie-Pop und der Niederrhein gehören zusammen, wie Gelb und Ei. Zumindest sofern man sich auf das alljährlich stattfindende Haldern Pop bezieht, kann man dieser vollmundigen Aussage nicht widersprechen. So versammelten sich also auch in diesem Jahr vom 13. bis 15. August Musikfreundinnen und Freunde aus dem ganzen Bundesgebiet sowie den angrenzenden Nachbarstaaten auf einer Kuhweide irgendwo im Nirgendwo zwischen Wittenhorst und Reeserschanz. Sie alle waren gekommen, um eben das zu erleben, was Eingeweihte immer nur als „das besondere Haldern-Gefühl“ beschreiben.

In diesem Jahr bedeutete das, mehr als noch in der jüngeren Vergangenheit, auf die Bekanntheit der Namen nicht allzu viel zu geben und sich stattdessen an einer entspannten Sommeratmosphäre zu laben, dem hektischen Alltag unter der ländlichen Sonne zu entfliehen, selten gesehene Bekannte und Freunde zu treffen und die Grillwurst zu genießen. Musikalische Höhepunkte würde das Festival ohnehin liefern.

Asaf Avidan And The Mojos aus Israel sind direkt am Freitag eine der besten Neuentdeckungen auf dem Festival. Wenn man die Band nicht sehen, sondern nur hören konnte, wollte man meinen, es gäbe eine neue Janis Joplin. Doch diese verkratzte Altstimme gehört zu dem Sänger Asaf Avidan, der alles andere als weiblich ist. Eine interessante Rockband, von der man demnächst hoffentlich mehr hören wird. Final Fantasy sorgt dann für eine kleine Premiere. Er ist der erste Musiker, der jemals alleine auf der Hauptbühne stand. Auf der großen schwarzen Bühne wirkt dieser kleine Mann im weißen T-Shirt etwas verloren, wie er da mit seiner Geige, den Pedalen und dem Synthesizer rumhantiert. Da hätte das Spiegelzelt doch besser zu seiner Musik gepasst.

Noah And The Whale konnten mit „5 Years Time“ einen fröhlichen Indie-Hit für sich verbuchen, könnten jedoch mit der neuen Platte einige oberflächliche Hörer verlieren. Soweit die Prognose, nimmt man ihren Auftritt am frühen Abend auf der Hauptbühne zur Urteilsgrundlage. Hier ist wenig von Frühling zu spüren, stattdessen bewegt sich die Stimmung eher am herbstlichen Nachmittag. So recht packen mögen einen die Lieder nicht. Das neue Album habe eine melancholische Note, sei aber dennoch sehr schön, erfährt man wenig später aus gut unterrichteter Quelle im Pressebereich.

Patrick Watson, ein alter Bekannter in Haldern, nutzt am späten Abend ein breites Repertoir an Effektgeräten und verspielten Instrumenten und legt eine leichte, meditative Stimmung über das Publikum. Ob am Klavier, an den Drums oder mit seiner Stimme, er lässt die schwierigsten Songs total unkompliziert klingen und versüßt den Ausklang.

Am Samstag ist Großkampftag. Mag der ein oder andere nach zwei Tagen die wirklichen, herausragenden Glanzlichter vermisst haben, so soll es zum Finale kaum Zeit zum Ausruhen geben. Spätestens um halb drei muss man sich vor der Hauptbühne eingefunden haben. iLIKETRAINS hat man dann zwar schon verpasst, doch Dear Reader in der prallen Mittagshitze sind ein Start der ganz anderen Sorte. Obgleich man sich die Südafrikaner am späteren Abend im Spiegelzelt gewünscht hätte, schaffen es die Songs von Beginn an, die zu diesem Zeitpunkt bereits gut besuchte Wiese in ihren Bann zu ziehen. Folk-Anleihen sind ein Trend unserer Tage und wenn es derart überzeugend vorgetragen wird, darf es gern zur Mode werden.

Haldern hat auch eine sentimentale Seite, eine sehr ausgeprägte sogar. Anna Ternheim versüßte mit ihrer etwas rauen, bezaubernden Stimme den Sonnenuntergang und als Bon Iver „Skinny Love“ performt, fließen im Publikum sogar Tränen. Aggressive Trommelschläge begleiten den intensiven Gesang, sodass selbst bei der Hitze Gänsehaut aufkommt. Sein Auftritt wird eines der Highlights des Festivals – keiner kann so schön leiden, wie Bon Iver.

Nach vielen ruhigeren Momenten sorgen The Thermals für eine willkommene Abwechslung. In den letzten Jahren hat das Duo Hutch und Kathy eine ganze Reihe Schlagzeuger verschlissen, daneben jedoch auch zahlreiche Songs geschrieben, die zielsicher wie Pfeile in Herz, Kleinhirn und Leistengegend schießen. Ungezählte Auftritte haben die Band geschult im Umgang mit der Masse, soviel ist sicher. Man fordert sichtlich gut gelaunt zum Mitklatschen auf, ohne dass es peinlich wirkt, wechselt zwischen alten und aktuellen Nummern. Teenager springen so zu Liedern des neuen Albums „Now We Can See“, Endzwanziger singen Songs des Debüts mit und alle verständigen sich euphorisch auf Hits wie „No Culture Icons“. Natürlich mag einen die Band vor einigen Jahren noch mehr gepackt haben, doch letztlich bleiben The Thermals auch auf dem Haldern 2009 die cleveren Punk-Pop-Pixies aus der 77er Garage.

Während die letzten Akkorde der Thermals verklingen, starten im Spiegelzelt bereits die Herren von Blitzen Trapper ihren Ausflug in die späten Sechziger, der bisweilen einen heftigen Schlenker in die Siebziger macht. Wurde die Band bereits als weniger bekannte Alternative zu Fleet Foxes bezeichnet, so zeigen sie sich nicht nur in puncto Gesichtsbehaarung durchaus als vergleichbar. Live klingen die Stücke deutlich mehr nach Rockmusik und Hippie-Spektakel, als noch auf dem famosen letzten Album „Furr“. Diese Burschen können immerhin aus dem Fundus von vier Platten schöpfen und haben sichtlich Freude am gemeinsamen Musizieren. Auch wenn es dadurch an manchen Stellen vielleicht ein wenig lauter und heiterer zur Sache geht, als man es sich vielleicht wünschen würde freuen sich alle Anwesenden über eine bunte Dreiviertelstunde mit den Gestalten aus dem Wald.

Andrew Bird bedient sich ebenfalls interessanter Natur-Effekte. Immer wieder baut er Vogelgezwitscher in seine Songs ein, dazu dreht sich im Hintergrund ein großer doppelter Grammophontrichter, der gleichzeitig als Gitarrenverstärker dient. Wenn er sich dreht, klingt es, als würde man eine Gitarre hinter einer Windmaschine spielen. Sein Auftritt gelingt genau so zauberhaft und charmant, wie man es durch das letzte Album „Noble Beast“ erwatet hatte. Little Boots wirkt dagegen später im Spiegelzelt wie ein blonder Alien mit ihrer glitzernden Show und dem mysteriösen kleinen Bildschirm, in den sie immer wieder etwas reinmurmelt. Sie passt eigentlich gar nicht in das Line Up, deshalb braucht das Publikum erst eine Weile, um von den ganzen Singer/Songwritern auf Electro-Pop umzuschalten. Man kann einige Fragezeichen in den Gesichtern erkennen, doch Song für Song bringt Little Boots immer mehr Leute zum Tanzen.

Mit The Soundtrack Of Our Lives und Fettes Brot ist der Abend auf der Hauptbühne eine runde Sache, die pingelige Ästheten vielleicht bemängeln könnten, bei der jedoch letztlich nahezu jeder auf seine Kosten gekommen sein dürfte. Erst Rockmusik der traditionellen Sorte, später Sprechgesangs-Hit-Festival mit Gute-Laune-Bonus. Die Schweden setzen Akzente durch einen satten Klang, die Prediger-Posen ihres Frontmannes Ebbot Lundberg, so wie einige schicke Coverversionen. Diese Band beherrscht ihr Handwerk auch nach Jahren. Gleiches kann man auch über Fettes Brot sagen, deren Auftritt trotz mancher Zweifel im Vorfeld durchaus eines Headliners sehr würdig ist. Jeder kennt die Lieder und alle machen mit, so in etwa ließe es sich beschreiben. Zum grinsenden Abschluss gibt es „Nordisch By Nature“ im Mando-Diao-meets-Die-Ärzte-Mash-Up.  

Nachdem die Lichter auf der Hauptbühne erloschen sind, wartet noch ein Konzert, listig wie eine giftige Schlange vor dem Kaninchenbau auf die Unwissenden und Neugierigen, die da des Nachts halb müde ins Spiegelzelt torkeln. Kurz zuvor hatten hier bereits BLK JKS aus Südafrika mit hitzigem, Schlagzeug-fokussiertem Afrobeat und Funk Rock die Schlagzahl deutlich erhöht, doch auf Health schienen die wenigsten gefasst. Bereits beim Berlin Festival konnten die Amerikaner andeuten, zu was ihre halb improvisierte, auf Loops, hämmernden Beats und zuckenden Gitarrenriffs basierte Post-Punk-Krawall-Revue alles fähig ist. Im Spiegelzelt zündet nun die Bombe endgültig. Blitze, Nebel, Lärm, Disharmonie. Beizeiten mag man Fantasien von Animal Collective auf Speed beim Ultimate Fighting entwickeln  Die Band schmeißt sich in die Instrumente, wird eins mit Gitarren und Synthies. Lieder und Fragmente entwickeln so eine nahezu hypnotisierende Wirkung. Wer es zu dieser Uhrzeit noch erträgt, komplett überrascht und aus der Bahn geworfen zu werden, bleibt Zeuge dieses Schauspiels, stört sich nicht am erhöhten Lautstärkepegel kurz vor der Schlafenszeit und erhält so ein eher ungewöhnliches Highlight zum Abschluss eines ruhigen, sommerlichen Festivalwochendes.

Artikel von: Renate Birchert & Bastian Küllenberg


 

Freunde

 
 
 
 

Wir Präsentieren:

 
 
 
 

Prunkstücke