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Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
FM 4 Frequency-Festival 2008

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Autor:
Dominik Knauf
Köln, 26.08.2008

BERICHTE

Festivalbericht - FM 4 Frequency-Festival 2008

FM 4 Frequency-Festival 2008

Ein altes (aus eigener Erfahrung stammendes) Sprichwort besagt, dass ein Festival nicht unbedingt mit der letzten auftretenden Band und der darauf folgenden Abreise endet. Dabei geht es hier nicht so sehr um das Schwelgen in wohligen Erinnerungen an das zurückliegende Wochenende, sondern um das Auspacken seiner Reisetasche, das manchmal unschöne Dinge ans Tageslicht befördert: Ein klatschnasses Zelt, matschige (und ebenfalls nasse) Klamotten und Schuhe, einen roten Plastikregenponcho und ein aufgeweichtes, unleserlich gewordenes Programmheft.

Die eben aufgeführten Gegenstände spielen neben den Bands die Hauptrolle beim diesjährigen Frequency-Festival in der Nähe von Salzburg. Dabei deutet am Donnerstag zunächst alles auf ein sonniges Festival hin. Den Auftakt machen die Wombats noch unter strahlend blauem Himmel. Das Bergpanorama und die saftigen Wiesen um einen herum vermitteln einem das Gefühl heimeliger Folklore. Es riecht zwar nach Chinapfanne, Pommes und Donuts, aber es schmeckt nach österreichischer Gemütlichkeit. Dementsprechend ausgelassen tanzt und hüpft das Publikum, das den überzeugenden aber ansonsten überraschungsarmen Auftritt wohlwollend aufnimmt. „Don’t watch We Are Scientists, cause they are shit.“ Mit diesen Worten leitet Wombats-Sänger Matthew Murphy über zur nachfolgenden Band, die mittlerweile zum Duo geschrumpft ist. Gleich zu Beginn scheinen sie ihr gesamtes Pulver bereits verschossen zu haben, denn „Nobody Move, Nobody Get Hurt“ und „Inaction“ vom ersten Album werden relativ früh gespielt. Doch wie aus dem Nichts schütteln We Are Scientists Song um Song aus dem Ärmel. Nur gut, dass nicht allzu viele auf Murphy gehört zu haben scheinen.

Nicht allzu viele sind dann leider bei Lightspeed Champion im UK Weekender Zelt, die zeitgleich mit Maximo Park auftreten. Natürlich ist Sänger und Aushängeschild Devonte Hynes mit seiner warmen Fellmütze der Hingucker, doch auch seine Songs sprechen eine ganz eigene Sprache. Es ist schon erstaunlich, welche Entwicklung Hynes genommen hat, vom Gitarristen der verblichenen Test Icicles hin zu einem Alt-Country-Indiehelden. Als Zugabe gibt uns Hynes noch das „Star-Wars“-Thema, im Anschluss daran bildet das neunminütige „Midnight Surprise“ das furiose Finale.

Über das Phänomen Flogging Molly kann man leider nicht hinwegsehen (oder -hören), so viele Menschen tummeln sich an der Main Stage und verfolgen den Auftritt dieser irischen Schunkelband für besoffene Indieprolls, während man sich auf den Weg zur Nebenbühne begibt, auf der gerade Ladytron ihren Retro-Elektromix spielen, der vor ein paar Jahren mal kurz der ganz heiße Scheiß war, jetzt zwar nur noch lauwarm ist, aber live dennoch ordentlich Spaß macht. Überraschend lustig wird auch der Auftritt von Travis, obwohl Fran Healy weiterhin seine altbewährten Show-Bausteine benutzt. So grüßt man vor „Closer“ seinen rechten Nebenmann, zu „Good Feeling“ rufen alle den Namen des schwedischen Keyboarders Claus und zur finalen Zugabe „Why Does It Always Rain On Me?“ tanzt die Menge den Pogo nach Healy-Art. Die vorgestellten Songs ihres kommenden Albums „Ode To J Smith“ lassen schon mal auf Besserung im Vergleich zu „The Boy With No Name“ schließen.

Das alles ist jedoch nur eine Fingerübung im Vergleich zu dem, was REM danach zelebrieren. Gekleidet in einen blauschimmernden Anzug eröffnet, natürlich, „What`s The Frequqncy Kenneth?“ ein Set, das mit sehr vielen neuen Songs, aber auch sehr vielen Perlen aus der über 25-jährigen Karriere der Band gespickt ist. Stipe ist zu jeder Zeit der elegante Connaisseur, der mit einer Geste seiner linken Hand mehr bewirken kann als viele andere Frontmänner mit ihrem gesamten Körper. Schweigen, frenetischer Jubel, rhythmisches Klatschen, alles nur eine Frage der richtigen Handbewegung. Dazu bewegt sich Stipe so gewandt über die Bühne, als kandidiere er für das Präsidentenamt. Die Band ist aufgeweckt wie eh und je, der Sound kernig trocken und abgesehen von den vielgescholtenen Alben „Up“ und Around The Sun“ werden alle Alben seit „Green“ berücksichtigt, wobei auch persönliche Favoriten wie „Electrolite“ oder das sakral als Folkjam dargebrachte „Let Me In“ von der maßlos unterschätzten „Monster“-Platte gespielt werden. Zur Zugabe gibt es dann noch einmal „Man On The Moon“ und die Gewissheit, dass man hier Zeuge des absoluten Höhepunktes des Festivals (wenn nicht gar der Festivalsaison) geworden ist. Ein wenig graut es einem bereits bei dem Gedanken an den Auftritt der Killers, die das Festival am Samstag beschließen sollen und die so gerne in derselben Liga wie REM spielen würden.

Zunächst einmal graut jedoch der Himmel und verwandelt die Campingplätze nach 30-stündigem Dauerregen in eine wüste Matschlandschaft. Wer an dieser Stelle den Regen noch als notwendiges Übel zur völkerübergreifenden Verbrüderung auf einem Festival idealisiert, wird an dieser Stelle zurechtgestutzt: Der Regen ist kalt, er zieht ins Zelt, den Schlafsack und die Klamotten, er peitscht einem während der Konzerte ins Gesicht und mit nassen Füßen tanzt es sich einfach schlechter. Kurzum: der Regen war definitiv kein Segen an diesem Freitag. The Roots können mit einem Tubaspieler (!) und ihrer einzigartigen Mischung der verschiedensten Black-Music-Stile zwar kurz den Regen stoppen, aufhalten können sie ihn jedoch nicht. Spätestens nach dem Auftritt der Electroclasher IAMX, die gewohnt provokativ eine Bühnenshow zwischen Clockwork Orange und Sadomasokeller abliefern, setzt der Regen wieder ein. Pünktlich zu The Hives. Deren Frontmann Pelle Almqvist stolziert wie ein eitler Gockel über die Bühne, preist sich und seine Fähigkeiten als Frontmann ins Unermessliche und fühlt sich für eine Sekunde sogar übermenschlich: Nach ihrem Konzert, so verspricht er, wird der Regen verschwunden sein. Das Publikum glaubt ihm tapfer und setzt pure Energie gegen den Regen, die sich in den Hits wie „Two Timing Touch And Broken Bones“, „Idiot Walk“ und „Hate To Say I Told You So“ entlädt. Am Ende sind zwar alle noch nasser, aber um einiges glücklicher.

Als glücklich kann man den Beginn des Sets der Manic Street Preachers nicht bezeichnen. Sänger James Dean Bradfield fällt erst nach dem zweiten Song auf, dass sein Mikro nicht angschlossen ist und er gerade nur Karaokeversionen von „Motorcycle Emptiness“ und „You Stole The Sun From My Heart“ gespielt hat. Danach wird der Fehler behoben, es beginnt zu rocken und es gibt sogar eine Akustikversion von „The Everlasting“. Rihannas „Umbrella“, schon jetzt ein Evergreen im Set der Manics, passt heute auch wie die Faust aufs Auge. Einen Regenschirm könnte man vor dem Auftritt der Fantastischen Vier wirklich benötigen, setzt doch nun stärker werdender Regen ein, der einen in ein Dilemma bringt: Reckt man bei den vielen Hits, die die Fantas hier in anderthalb Stunden präsentieren, nun die Faust in die regenasse Luft, auf die Gefahr hin, mit gefrorenen Fingern nicht mehr ordentlich klatschen zu können, oder lässt man seine Hände unter dem Regenponcho, um dann wenigstens Applaus zu spenden? Es wird ein teils-teils, denn spätestens bei „Pipis und Popos“ kann man dann doch nicht anders, als die pure Begeisterung zu zeigen: Smudo singt mit einer fistelig-hohen Stimme, die nicht durch Manipulation am Mischpult entsteht, sondern ganz oldschool mithilfe einer Heliumflasche.

Der Samstag steht dann ganz im Zeichen der Babyshambles. Menschen stehen noch vor den Kassenhäuschen um sich die letzten Tagestickets zu sichern, da erstrahlt von den Leinwänden die Nachricht, die man zwar erwarten konnte, die aber scheinbar viele nicht erwartet haben: „Babyshambles abgesagt! Pete hat seinen Flieger verpasst.“ „Flieger verpasst“ könnte bei der Häufigkeit, mit der die Babyshambles Auftritte mit dieser Begründung absagen, noch zu einem geflügelten Wort für „Er ist einfach zu fertig um gerade aus zu gehen, geschweige denn auftreten zu können“ werden. Wünschen wir dem arg gebeutelten Pete gute Besserung und beim nächsten Mal mehr Pünktlichkeit.

Das Fernbleiben der Babyshambles sorgt für ein Loch im Zeitplan, das dadurch gefüllt wird, dass die zwei nun nachfolgenden Bands, Kaizers Orchestra und die Dropkick Murphys, einfach länger spielen dürfen. „Flieger verpasst. Wie unprofessionell ist das?“ fragt der charismatische Sänger Jan-Ove Ottesen der norwegischen Ompa Rocker Kaizers Orchestra rhetorisch das Publikum, das sich scheinbar die gleiche Frage stellt. Es dauert ein wenig, bis das Publikum aus der Schreckstarre aufwacht um sich voll und ganz dieser faszinierenden Kapelle zu widmen, die in bewährter Manier Ölfässer, alte Orgeln und sonstiges Instrumentarium bearbeitet, dass selbst Tom Waits daneben wie der liebe nette Onkel von nebenan wirkt.

Nun endlich hat auch der Regen aufgehört, nun strömen nur noch die Menschen. Und zwar in Scharen zur Nebenbühne, auf der Justice erwartet werden. Wer das Glück gehabt hat, Daft Punk auf ihrer „Human After All“-Tour gesehen zu haben, kommt einfach nicht umhin, die beiden Shows miteinander zu vergleichen, zu stark sind die Parallelen. Während Daft Punk in einer überdimensionalen Leuchtpyramide vor grellen Neondreiecken spielen, stehen Justice hinter einem Altar, der zu beiden Seiten von neun Marshall-Amps gesäumt ist, die bei Gelegenheit von innen erleuchtet werden. Das ikonografische Kreuz in der Mitte verstärkt die sakrale Wirkung, die in der Luft liegt. Während sich also Daft Punk mit ihrer Pharaonisierung und der Roboterkluft vom menschlichen Dasein abheben, spielen Justice gerade mit dem Kontrast hierzu: Hier stehen zwei Menschen, die schwitzen und arbeiten, tanzen und die Arme in Rockstarpose in den Himmel werfen. Halt „Human After All.“ So unterschiedlich die beiden Shows auch scheinen, so gleich sind sie in ihrer Wirkung. Man springt und singt mit offenem Mund zu all ihren Hits. Und „D.A.N.C.E.“ schließt in der hier dargebrachten langsamen und bedächtigen Version endgültig die Lücke zu Daft Punk.

Im Gegensatz zum äußerst gelungenen Bühnendesign von Justice erinnert einen die Szenerie bei den Killers eher an Spinal Tap: Nichts passt zusammen, alles ist zuviel. Im Hintergrund erkennt man das „Sawdust“-Covermotiv, vorne am Bühnenrand sind riesige Scheinwerferbatterien angebracht, hinter der sich die Band während des gesamten Konzerts größtenteils versteckt. Dazwischen sind Blumen, ein großes, einsam leuchtendes „K“, das wohl von einem Broadway-Theatergebäude abgefallen sein muss. Genauso diffus wie die Bühne gibt sich auch die Band, die ihren Stiefel ohne nennenswerte Höhepunkte herunterleiert. Schon auf „Sam´s Town“ waren die bombastisch-emotionalen „Meat-Loaf“-Momente unerträglich, in Verbindung mit der dargebotenen Show bleibt mehr als ein mulmiges Gefühl zurück, wobei jedoch gerade der schwülstige Titeltrack des zweiten Albums in seiner zurückgefahrenen Version am Klavier zeigt, dass weniger oftmals mehr sein kann. Es wird einem auch wieder daumendick aufs Brot geschmiert, was einem vor zwei Jahren zur Veröffentlichung von „Sam´s Town“ schlagartig klar wurde: Hier versucht eine Band, um vieles größer zu sein, als sie in Wahrheit ist. Das merkt man vor allem Brandon Flowers an, der verloren über die Bühne läuft, hier und da mal eine geliehene Pose probiert, dem man die Unschlüssigkeit bei jedem Ton jedoch anhört. Es wirkt gekünstelt, gewollt. Die Band wirkt gekünstelt, gewollt.

Zum Glück spielen The Killers nicht so lange, als dass man nicht noch schnell einmal zur Nebenbühne sprinten könnte, um vor ein paar versprengten Fans Tricky und seinen hypnotisch-pulsierenden Tracks zu lauschen. Hier singt sich einer im wahrsten Sinne des Wortes die Seele aus dem Leib. Als die Lichter wieder angehen, schwelgt man dank Tricky noch kurz in den Erinnerungen des Wochenendes, danach wird widerwillig die Reisetasche gepackt. Wie gesagt: Das Festival ist noch lange nicht vorbei.


 

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