DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Festival Internacional De Benicassim 2010

Datum:
18.07.2010

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Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 26.07.2010

BERICHTE

Festivalbericht - Festival Internacional De Benicassim 2010

Festival Internacional De Benicassim 2010

Über das gute Wetter, das Sonnenbaden am Sandstrand und all die sonstigen Vorzüge des Festival Interncacional de Benicassim (FIB) wurde in den letztjährigen Festivalberichten sowie in unserem BlogTrip im Crazewire-Blog bereits ausführlich berichtet. Man kann es aber auch nicht oft genug betonen, dass das FIB vor allem auch wegen seines Ambiente zur Topkategorie der europäischen Musikfestivals gehört. Wo sonst kann man sich tagsüber am spanischen Mittelmeer ausruhen, um dann abends interessante Newcomer und gestandene, reunionfreudige Bands zu erleben?

Das letztjährige FIB war noch geprägt von Feuersbrünsten, heftige Stürmen, komplett abgesagten Festivaltagen und horrend teuren Programmheften, in denen exklusiv der Band-Zeitplan enthalten war. Ein Unding für ein Musikfestival, denn so stand man ein wenig planlos vor den Bühnen und musste sich überraschen lassen, wer denn nun als nächstes auftreten sollte. An diesem Missstand hat sich leider auch 2010 nichts geändert. Nur konnten sich alte Benicassim-Hasen mittlerweile bereits darauf einstellen, so dass man mit dem per Excel selbstgebastelten Programmablauf sofort ins Gespräch mit anderen Festivalbesuchern kam, die mal kurz checken wollten, wann denn ihre Lieblingsbands spielen würden. Gerade als Single bietet dies ganz neue Flirtmöglichkeiten, die weit über den altbekannten Spruch „Haste mal Feuer?“ hinausgehen. Vielleicht haben die Veranstalter dies in ihre Überlegungen, auf einen öffentlich zugänglichen Programmablauf zu verzichten, mit einfließen lassen. Denn Geldgier (ein Programmheft kostet 10 Euro) möchte man ihnen an dieser Stelle nicht unterstellen.

Doch schnell tritt diese kleinere Ungereimtheit in den Hintergrund, denn wie aus dem Nichts und urplötzlich findet sich der Rezensent vor der Hauptbühne wieder. Es ist Donnerstag Abend und schon steht Charlotte Gainsbourg auf der Bühne und entzückt das Publikum mit Chansons, die keine sein wollen, die aber trotz des Mitwirkens von unter anderem Beck auch nicht Indie sind. In diesem energiegeladenen Spannungsfeld hält sich Gainsbourg bewusst zurück und überlässt den überragenden Songs die Aufmerksamkeit des Publikums. Gainsbourg ist zweifelsohne eine bessere Schauspielerin als Sängerin, doch es genügen kleine Gesten, um diesen Umstand auf der Stelle zu vergessen. So trommelt sie sich bereits im ersten Song auf ihrer kleinen, vor ihr positionierten Trommel die Seele aus dem Leib und als Dreingabe gibt es noch einen Song ihres großen Vaters Serge.

War die Hauptbühne zu diesem Zeitpunkt noch spärlich gefüllt, so wird sich dies nur Augenblicke später ändern, denn nun spielt Ex-Kinks-Sänger und 60‘s-Ikone Ray Davies seine unkaputtbaren Klassiker. Schlimme Befürchtungen machten sich im Vorfeld des Konzertes breit. Würde Davies seine Songs etwa so verhunzen, wie er dies auf dem vor wenigen Monaten erschienen und im großen Stile gescheiterten „The Kinks Choral Collection“ tat? Doch die Sorgenfalten auf der Stirn glätten sich schnell, denn so juvenil hätte man Davies dann doch nicht erwartet. Das liegt auch daran, dass das größtenteils junge englische Publikum die Songs des alten Mannes auf der Bühne frenetisch bejubelt, als wären nicht schon knapp 40 Jahre seit der Entstehung dieser Klassiker vergangen. Volksfeststimmung liegt in der spanischen Abendluft. „You Really Got Me“? Yes, indeed, Ray.

Viel fehlt nicht und der Auftritt der Donnerstags-Headliner Kasabian wäre zum Desaster verkommen. Der Sound ist trübe, matschig und viel zu leise, dabei befindet man sich noch nicht einmal im hinteren Drittel des Publikums. Die Vorfreude, die einen über den kompletten Tag getragen hat, verflüchtigt sich bereits innerhalb der ersten drei Songs und das, obwohl sie gleich zu Beginn „Underdog“ spielen. Doch dann wechselt man die Seite -von links nach rechts - und plötzlich hört man Kasabian so, wie es auch von Anfang an vorgesehen war: laut, kraftvoll und eben auch packend. Vor sechs Jahren spielten Kasabian noch im kleinen Münchner Atomic Cafe vor geschätzt hundert Leuten, nun dirigieren sie die Massen nach Belieben. Ein paar alte Klassiker ihres Debüts („Club Foot“, „Reason Is Treason“, „Cutt Off“, „L.S.F.“ als Zugabe) die wenigen gute Momente ihres Zweitwerks („Shoot The Runner“, „Empire“), dazu noch die geballte Ladung ihres fulminanten letzten Albums „West Ryder Pauper Lunatic Asylum“ um den Überhit „Fire“ - schon hat man am Ende des Konzertes die Tonschwierigkeiten vergessen, schon stellt sich bei allen ein breites, zufriedenes Grinsen ein. Auf dem Gelände vor der Hauptbühne finden sich nach dem Konzert unzählige herrenlose Personalausweise und Kreditkarten wieder. Ein schönes Bild: Wie sich tausende Menschen sprichwörtlich ihre Identität und ihr Vermögen vom Leib tanzen. Und das alles nur wegen einer Rockband.

Ohne seine Band, dafür aber mit den Hits der Strokes im Gepäck reist Julian Casablancas am Freitag an. Neben seinen eigenen, elektronisch angehauchten Solosongs von „Phrazes For The Young“ wirken „Hard To Explain“, „Reptilia“ oder „Automatic Stop“ wie Songs vom anderen Stern. Fixpunkte, an denen sich das Festivalpublikum dankbar entlanghangelt. Casablancas entschuldigt sich beim Publikum dafür, dass er kein spanisch spricht, obwohl sein Name anderes vermuten lassen würde und gratuliert zum WM-Erfolg der Spanier, was die Masse in zwei Lager teilt: in die Jubelnden (ca. die Hälfte) und die Geschlagenen (die andere Hälfte), die verhalten pfeifen. 

Keine Pfiffe gibt es dann bei Hot Chip, die mit ungewohntem Achtziger-Jahre-Coolness-Chic positiv auffallen. Wie der leicht nerdige Bruder Don Johnsons singt Alexis Taylor souverän die Hits sowie die Songs des neuen Albums, bis alles im einheitlichen Hot-Chip-Kosmos und „Ready For The Floor“ entschwebt. Danach muss man sich entscheiden: Goldfrapp oder Vampire Weekend? Es wird ein salomonisches „sowohl als auch“: zunächst bewundert man die ewig jung gebliebene Alison Goldfrapp, wie sie noch immer die Disco-Diva gibt und verführerisch und zweideutig von „Rocket“s und „Train“s singt. Das hat immer noch seinen ganz eigenen Charme, auch wenn so viel angesexte Künstlichkeit mit der Dauer ein wenig anbiedernd wirkt.

Dieses Problem haben Vampire Weekend auf keinen Fall, Künstlichkeit und Sex sind zwei Attribute, die wohl seltener im Zusammenhang mit den New Yorker Senkrechtstartern fallen. Authentisch und sympathisch hingegen sind eher Begriffe, die man mit Vampire Weekend verbindet, was sie als Freitags-Headliner eindrucksvoll unter Beweis stellen. Wenn selbst der eher weniger musikaffine Blogger neben einem verträumt von der Musik schwärmt, dann haben Vampire Weekend definitiv einen Nerv getroffen. Dieser triumphale Erfolg sei ihnen vergönnt, so sympathisch und authentisch wie sie geblieben sind. Und ihr aktuelles Album ist auch live eine Klasse für sich.

Was einen dann reitet, sich früher von Vampire Weekend loszueisen, um einen alten Mann auf einer Nebenbühne zu sehen, wie er einen großen, großen Klassiker neu aufführt? Im Nachhinein weiß man es auch nicht mehr so genau. Doch die Erwartungshaltung ist immens, als Ex-Joy Division-Bassist und Sprücheklopfer Peter „Hooky“ Hook mit einer unbekannten Backing Band „Unknown Pleasures“, diesen Meilenstein der Musikgeschichte, in Gänze spielt. Wer würde wohl den Gesangspart von Ian Curtis übernehmen, wer würde sich diesen überdimensionalen Schuh freiwillig anziehen wollen? Am Ende ist die Antwort so schockierend plump und einfach wie die Auflösung des Serienmörders in einem schlecht gemachter Teenie-Horror-Streifen: Hook selbst. Es ist noch nicht einmal, dass Hook und seine Band die Songs von „Unknown Pleasures“ besonders schlecht spielen würden, technisch ist alles einwandfrei und auch Hook versucht, mit seiner durch die Versuchungen des Rock träge gewordene Stimme in die ungewohnt intimen Regionen eines Curtis zu steuern, was jedoch von vornherein zum Scheitern verurteilt ist. Wenn wenigstens Bernard Sumner und Stephen Morris, die beiden anderen überlebenden Originalmitglieder Joy Divisions mitgemacht hätten, doch die mit Hook Zerstrittenen hatten offenbar keine Lust, sich für diese Farce zusammenzuraufen. Am Ende riskiert Hook für dieses Fiasko seinen guten Ruf, massakriert in einem Anflug von Größenwahn sogar das eigentlich unkaputtbare „Love Will Tear Us Apart“. Traurig.

Es dauert eine Nacht und einen Tag, bis man diesen Schock verarbeitet hat. Doch viel Zeit zum Nachdenken bleibt nicht, denn der Samstag ist der diesjährige inoffizielle Nostalgie-Tag des Festivals (auch wenn Echo & The Bunnymen erst morgen auftreten). Ash erinnern mit einer Wagenladung Hits um „Girl From Mars“ und „Shining Light“ daran, was für eine große Zukunft man ihnen einmal vor vielen, vielen Jahren prognostiziert hatte. The Specials drehen das Rad der Zeit noch einmal 26 Jahre zurück und schaffen es mühelos, den Ska-Punk ihrer Anfangstage in die Gegenwart zu katapultieren. Und selbst Ian Brown kann trotz der Stone Roses-Reminiszenzen „I Wanna Be Adored“ und „Fools Gold“ vor allem mit seinem Solo-Material (und hier ganz besonders mit „F.E.A.R.“) punkten.

Den Vogel schießt jedoch ein grummelnder und brummelnder John Lydon a.k.a. Johnny  Rotten mit seiner Sex Pistols-Nachfolgeband Public Image Limited ab. Mit zehnminütigen, ausufernden Versionen seiner Songs singt sich Lydon mit seiner skurril anmutenden Band in einen wahren Rausch, spielt bereits früh in seinem Set mit „Rise“ einen seiner größten Hits und nimmt damit in Kauf, dass das entnervte und entgeisterte Publikum schnell zu The Prodigy flüchtet, die zeitgleich auf der großen Bühne stehen. „There‘s a funny smell in the air. The smell of shit coming from over there“, wettert Lydon und zeigt mit wütendem Zeigefinger auf die Hauptbühne, wo bei The Prodigy gerade die Post abgeht. Vielleicht ist es der Neid, dass er, das alte Enfant Terrible, nun vor einer handvoll Auserwählter spielen muss. Doch diejenigen, die nicht geflüchtet sind, erleben eine großartige Show, Lydon schimpft in seiner naiven Punk-Weltsicht gegen geldgierige Politiker, Religion und vor allem gegen den Papst, den er „einen Kinderschänder“ nennt. Zum Ende fällt das Schlagzeug aus, Lydon legt sich mit seiner Band an und steht zum Schluss ganz alleine auf der Bühne. „And now I‘m fucking alone again. Like always“ philosophiert Lydon und doch scheint es, als wenn ihm die Rolle des ewigen Außenseiters noch immer gut gefallen würde. Ob der diese Rolle mit Public Image Limited noch einmal wiederbeleben wird, scheint jedoch eher zweifelhaft.

Kurz schaut man dann doch noch bei The Prodigy vorbei, den Meistern des gewaltigen Bumms. Warum ausgerechnet The Prodigy mit ihrem mediokren Comebackalbum „Invaders Must Die“ so eingeschlagen haben, weshalb sich auch 13 Jahre nach ihrer letzten Großtat „The Fat Of The Land“ noch Leute für dieses Michael-Bay-Effekt-Beballerungskommando interessieren, das bleibt genauso ein Rätsel wie die Frage, warum genau auf unserem Planeten intelligentes Leben entstehen konnte. Auch wenn man sich nach dem Prodigy-Auftritt ernsthafte die Frage stellt, wie „intelligent“ dieses Leben nach The Prodigy-Standard sein kann. Geht es nach dem Gebrauch des Wortes „Fuck“ von Rapper Maxim, so führt das Hören von The Prodigy zumindest zu einem eingeschränkten Wortschatz.

Vielfältiger, musikalisch aberwitziger ist die Rückkehr der Klaxons, nachdem die Plattenfirma die Band wieder ins Studio zurückschickte, um den Nachfolger zu „Myths Of The Near Future“ noch einmal neu einzuspielen. Die neuen Songs der in komische Gewänder gehüllten Band wirken psychedelischer, abgedrehter und nach dem ersten Live-Hördurchgang noch schwer zugänglich. Es wird sich noch zeigen müssen, ob die Klaxons mit ihrem Nachfolgealbum die hochgesteckten Ziele des Debüts erfüllen können.

Wie auch im letzten Jahr sagt Lily Allen wieder kurzfristig ihren Auftritt beim Benicassim ab. Die Trauer am abschließenden Sonntag hält sich jedoch in Grenzen. Denn zunächst zeigen sich Efterklang von ihrer sonnigen Seite und treten in Badelatschen und kurzen Hosen trotz ihrer melancholisch-ruhigen Songs als Gute-Laune-Band auf, die die Zuschauer mit ihrem Touristencharme sofort auf ihre Seite zieht. Dann übernimmt auch noch Ellie Goulding den frei gewordenen Allen-Platz auf der Hauptbühne und beweist, dass sie mit „Lights“ ein beachtliches Debütalbum aufgenommen hat, mit dem sie auch live auf der großen Bühne besteht. Und spätestens nach dem furios unaufgeregten Auftritt der Foals und der endgültigen Ankunft Dizzee Rascals im Mainstream (inklusive all seiner aktuellen Hits, versteht sich) hat man bereits vergessen, dass Miss Allen ihren Auftritt abgesagt hat.

In Erinnerung bleiben dann jedoch die folgenden beiden Auftritte. Zunächst hievt Damon Albarn seine als Comic-Band titulierten Gorillaz mit Hilfe einer illustren Gastschar und unter Verzicht von großartigen Gimmicks auf ein neues Level. Zwar hat Jamie Hewlett für die überdimensionale Bühnenleinwand auch wieder ein paar nette Clips gedreht, doch der wahre Star ist Albarn, der leibhaftige Albarn, wie er auf der Bühne steht und mit seiner schieren Präsenz die aus allen Ecken berstende Kreativität seiner Band um die Ex-Clash-Mitglieder Mick Jones und Paul Simonon in seiner Person bündelt. Ist Albarn einmal nicht auf der Bühne, so sucht man ihn. Und das trotz solch namhafter Gaststars wie Bobby Womack (!), dem National Orchestra Of Arabic Music oder De La Soul (!). Ist er dann wieder auf der Bühne ist es, als hätte es die Comicfiguren niemals gegeben, als wäre es das Natürlichste der Welt, dass die Gorillaz schon immer Albarn gewesen wären. Es ist imposant, es ist berauschend, es ist der Höhepunkt des Festivals, wie die Gorillaz durch die musikalische Weltgeschichte reisen. Ja, für diesen einen Abend am 18. Juli 2010 lässt sich die „Plastic Beach“ ganz genau verorten. Sie liegt mitten in Benicassim.

Eine Nummer kleiner fällt das Comeback Leftfields im Anschluss und zum Ende des Festivals aus, auch wenn es genauso beeindruckend ist. Zwar steht mit Neil Barnes nur die Hälfte des ursprünglichen Duos auf der Bühne (Paul Daley möchte sich auch in Zukunft seiner Solokarriere widmen), doch fällt diese Lücke kaum auf, da Barnes sie gleich auf mehrere Weisen schließt. Zum einen mit einer Backing Band, die jedem, aber wirklichem JEDEM noch einmal die Großartigkeit und Relevanz dieser Elektronikpioniere der Neunziger aufzeigt. Zum anderen mit einer Schar an Gastsängern, die sich in den Mittelpunkt des Geschehens singen. Vor allem die Sängerin Jess Mills singt sich mit ihrem Beitrag zum Leftfield-Klassiker „Original“ und einem gewagten Kostüm in die Herzen der vielen Fans, die bis zum frühen Morgen für Leftfield ausgeharrt haben. Es folgt danach ein Parforceritt durch die beiden Alben „Leftism“ sowie „Rhytm And Stealth“. „Afrika Shox“, „Afro-Left“ und „Phat Planet“ werden zu langen (jedoch nie ZU langen)  Dance-Versionen ausgewalzt, die alles in einem Umkreis von 500 Metern zum Tanzen bringen. Die letzten Energiereserven werden aufgebraucht, am Ende ist der Akku komplett leer und man kann sich schwerlich erinnern, wie dieses Festival, vor vier Tagen, überhaupt begann. Das einzige (und letzte), woran man sich auch nach vier durchtanzten Nächte erinnert: „Was für ein fantastisches Festival.“ Da ist es wieder, dieses Benicassim-Feeling, das man 2009 so schmerzlich vermisste und das einem bereits jetzt schon wieder Lust auf 2011 macht.


 

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