DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Festival Internacional de Benicassim 2009

Datum:
19.07.2009

Weiterführende Links:

Autor:
Dominik Knauf
Kropp, 03.08.2009

BERICHTE

Festivalbericht - Festival Internacional de Benicassim 2009

Festival Internacional de Benicassim 2009

Die wichtigste Kritik-Regel, so habe ich es mal in der Schule gelernt, sozusagen das A und O ist folgendes: Beginne mit dem Positiven und arbeite dich dann konstruktiv zu dem weniger Positiven (was ein absolut banaler Euphemismus für „Mist“, „Grütze“, „absoluter Schrott“ ist) vor. Im Falle des diesjährigen Festival International de Benicassim (kurz: FIB) muss man genau so vorgehen, sich langsam herantasten an die vielen, vielen Baustellen, den vielen Ungereimtheiten, die einem den Spaß gehörig verdarben. Da kann in der offiziellen Pressemitteilung noch so sehr von einem großartigen Erfolg gesprochen werden (Ausverkauft! Gute Stimmung! Gute Bands!), sich gegenseitig auf die Schultern geklopft werden, eines steht fest: Es muss sich einiges ändern, will das spanische Benicassim auch weiterhin zu den absoluten Top-Festivals in Europa gehören.

Doch der Reihe nach, wir wollten mit dem Positiven beginnen. Es ist immer noch ein grandioses Erlebnis, morgens nach einer anstrengenden Festivalnacht unter schattigen Orangenbäumen aufzuwachen, sich langsam aus dem Schlafsack zu schälen um dann gemächlich an den nahegelegenen Strand zu schlendern und sich die Mittelmeersonne auf den Bauch knallen zu lassen. Darüber hinaus verfügt das FIB über ein buntes Rahmenprogramm, dass einem zwischen Tanzaufführungen, Kurzfilmen und Kunstausstellungen am Strand garantiert nicht langweilig wird. Für jeden wird hier etwas geboten, man muss sich nur die Zeit nehmen, um auf Entdeckungsreise in der Stadt zu gehen. Ein wenig Glück benötigt man auch noch, sucht man beispielsweise die Kunstwerke, die wie vom Erdboden verschluckt scheinen und nicht auffindbar sind.

Beim Schlendern durch die Touristenstadt Benicassim kann man ganz nebenbei noch das eine oder andere bekannte Gesicht sehen. Ist das dort nicht? Könnte er es sein? Daniel Brühl? Tatsächlich. Der „Goodbye Lenin“-Schauspieler ist zum ersten Mal beim FIB, schläft statt auf dem Campingplatz im Hotel und soll gleich einen Preis für den besten Kurzfilm entgegennehmen, da die Regisseurin verhindert ist und er als Halbspanier ohne Probleme die Dankesrede halten kann. Auf welche Bands er sich freue? Da fallen ihm zunächst einmal die Headliner ein. Oasis, Franz Ferdinand, Kings Of Leon. Ja, vor allem Oasis möchte er gerne einmal vor einem fast heimischen Publikum erleben, da ein Großteil der Festivalgäste wie in den vergangenen Jahren aus England angereist sind. Was ist mit den Killers? Die müsse er nicht unbedingt sehen und über unser Gesicht huscht ein konspiratives Lächeln. Zwar habe er deren katastrophalen Auftritt auf dem letztjährigen Frequency Festival nicht gesehen, doch auch so schreckt ihn dieses ganze „Bigger Than The World“-Gehabe ein wenig ab. Mal sehen, wie sie sich hier und jetzt schlagen werden. Sein Geheimtipp? Psychedelic Furs. Da muss ich noch einmal nachgoogeln, um wen es sich dabei handelt. Ich versuche ihm noch schnell vergeblich einzureden, dass er sich doch lieber Gang Of Four statt Oasis anschauen solle, die beinahe zeitgleich spielen, dann verabschieden wir uns in freudiger Erwartung eines großen Festivals.

Soviel zum Positiven. Von nun an mischt sich in alles ein negativer Unterton, der bisweilen so unangenehm anschwillt, dass man darüber die Musik vergisst. Das beginnt schon mit der chaotischen Organisation, dem bei der Ankunft noch nicht geöffneten Presseakkreditierungszelt und den Sprachschwierigkeiten, die man mit den freundlichen Helfern rund um das Festival die nächsten Tage haben wird. Für die lauten, grölenden Engländer, die aus dem gemütlichen FIB ein Mini-Glastonbury (samt dem scheinbar obligatorischen Pissflaschenwerfen) machen wollen, können die Veranstalter selbstverständlich nichts (obwohl das Line-Up natürlich genau auf diese Zielgruppe ausgerichtet ist), sehr wohl ist es jedoch ein absolutes Unding, den Festivalgängern einen Timetable zu verwehren. Schon im Vorfeld war auf der Homepage nur eine alphabetische  Liste mit den Namen der Bands und den dazugehörigen Spielzeiten erhältlich. So hätte man sich in mühevoller Kleinstarbeit selbst einen Spielplan zusammenstellen müssen. Der Plan der Organisatoren: Statt sich selbst einen Timetable zu basteln, solle man sich lieber für sieben Euro das Programmheft kaufen, zu dem man an einem Halsbändchen einen einlaminierten Timetable dazu bekommt. Wer jetzt „Abzocke!“ brüllt hat damit gar nicht mal so unrecht, denn selbst für die Busse, die in den Vorjahren kostenlos zwischen Campingplatz und Festivalgelände pendelten, soll man nun 10 Euro bezahlen. Man wird dadurch zwangsläufig zum aufbegehrenden Idealisten, geht zu Fuß zum Festival und kritzelt sich den Timetable von einem netten Engländer auf seinen Notizblock zusammen.

Wäre der Ärger mit den Bussen noch verschmerzbar, da man für den Weg vom Campingplatz zum Festivalgelände zu Fuß eh nicht allzu lange braucht, ist das Fehlen des Timetables eine absolute Frechheit. Es ist so ähnlich wie das Fehlen der Gebrauchsanweisung deines neuen Blu-Ray-Spielers. Du kannst zwar die Grundfunktionen benutzen (dh. die Spielzeiten der Headliner sind eh standardisiert), doch willst du etwas mehr als nur eine Disc abspielen und die Sonderfunktionen nutzen, bist du aufgeschmissen. Selbst an den Infoständen können (oder wollen) die Helfer einem die Zeiten nicht verraten. Standardkommentar: „Kauf dir das Programmheft!“

Mit einer gewissen Portion Wut im Bauch hört man sich demnach am Donnerstag Abend die ersten Bands an. The Bishops, The View, Mystery Jets, das flutscht an einem vorbei, da bleibt beim besten Willen nicht viel hängen, abgesehen vom niedlichen Sänger der Bishops, der zu den Retro-Beats seiner Band beizeiten wild gestikulierend headbangt, als wäre er ein Teddybär auf Ecstasy. Doch warum The View und die Mystery Jets auf der Hauptbühne vor Oasis auftreten dürfen, wird für immer ein Geheimnis der Veranstalter bleiben. Nicht den Hauch einer Chance haben sie gegen den routinierten Auftritt der Gallagher-Brüder, die mit einem stilsicheren Karrieremix nichts falsch machen können. Es ist schon ein beeindruckender Anblick, wenn zum Opener „Rock ´n Roll Star“ die vollen Bierbecher in die Luft fliegen, als wären sie Teil der berühmten Bellagio-Springbrunnen-Choreographie, die man vor einem Kasino in Las Vegas bestaunen darf. 

Doch allzu früh muss man sich von Oasis trennen, um noch rechtzeitig zu Gang Of Four zu gelangen, die so beinahe jede neue britische Gitarrenband der letzten Jahre beeinflusst hat. Doch so einflussreich die Band auch sein mag, Zuschauerzuspruch erhält sie an diesem Abend leider keinen. Die wenigen Auserwählten, die sich den Auftritt anschauen, erleben jedoch beste Unterhaltung, denn Gang Of Four spielen ihre alten Hits um „Damaged Goods“ und „Natural‘s Not In It“ so rotzig und juvenil, als wären sie gerade aus einem kryogenischen Frischhaltetank entstiegen. Mittlerweile sind Jon King und Andy Gill, die letzten beiden Gründungsmitglieder, schon über fünfzig, doch wenn King zum monotonen Post-Punk seiner Mitstreiter eine Mikrowelle mit einem Baseballschläger malträtiert, so ist dies wahrer Rock 'n' Roll. So anziehend und verstörend, als würde man das erste Mal jemanden auf der Bühne erleben, der etwas auseinander nimmt.

Glasvegas, die nun auf der Mainstage spielen, wirken hingegen so lustlos und erschöpft, als wären sie selbst diese eben durch Jon King demolierte Mikrowelle. Wo ist die Euphorie, der Überschwang, die Grandezza, die das Debütalbum so auszeichnet? Man sucht sie leider vergeblich bei diesem Auftritt, womit ein halbgarer Tag zu Ende geht, der jedoch immerhin vom fulminanten Gang-Of-Four-Auftritt aufgewertet wurde.

Am nächsten Tag hört man bereits früh morgens die freudig-erregten „Sex On Fire“-Rufe und man weiß sofort: Heute Abend sind die Kings Of Leon Headliner. Doch man selbst freut sich mehr auf den Auftritt der englischen Post-Punk-Band Magazine, die unter anderem aus früheren Mitgliedern der Buzzcocks und den Bad Seeds besteht. Dafür ist das Benicassim ja bekannt: alten Bands eine Plattform zu geben, um von jungen Leuten neu entdeckt zu werden. Und wie man Magazine, die bereits seit über 30 Jahren bestehen und sich zwischenzeitlich schon aufgelöst hatten, an diesem Abend für sich entdeckt! Doch bereits nach einer knappen halben Stunde müssen Magazine ihr Konzert unterbrechen. Ein kräftiger Sturm weht über das Festivalgelände und macht ein Weiterspielen unmöglich. So fällt der Freitag dem Wind zum Opfer, denn abgesehen vom Tom Tom Club (bestehend aus Ex-Talking-Heads-Mitlgliedern und wieder eine dieser „alten“ Bands), der mit seinem süffigen New Wave versöhnlich stimmt, wird an diesem Abend keine weitere Band auftreten. Auch nicht Kings Of Leon. Enttäuscht gehen tausende Fans nach der Absage zu ihren Zelten, um diese gegen den Wind zu sichern. Doch viele schlafen mit einem Lächeln auf dem Gesicht ein, denn immerhin wurde noch zugesichert, dass der Auftritt der Kings Of Leon am Samstag nachgeholt werden soll. Fight Like Apes leider nicht.

Und tatsächlich: Als man am nächsten morgen aufwacht, steht auf den Schildern an den Infobuden, dass das Konzert der Kings Of Leon am Abend stattfinden soll. Die Freude währt jedoch nicht lange, denn im Laufe des Tages sickert sehr schnell durch, dass die Kings Of Leon bereits zum Gurten Festival in die Schweiz abgereist sind, ein Auftritt somit ins Wasser fällt. Wenigstens Maximo Park werden ihren Auftritt vom Vortag nachholen, doch auch hier macht einem die katastrophale Organisation einen Strich durch die Rechnung. Noch am Nachmittag heißt es, dass die Band den Slot der erkrankten Foals um 1:45 Uhr bekommen soll, doch bereits auf dem Campingplatz wird man mit einer anderen Information konfrontiert: Auftritt um 21:00. So wird doch der ein oder andere ein Konzert verpasst haben, dass von den ganz großen Momenten des phänomenalen Debütalbums „A Certain Trigger“ lebt, bei den aufmüpfigen Singles des zweiten Albums sehr wohl noch atmet, um dann zu den Songs des neuen, lahmen Albums lautlos zu gähnen. Wer noch nicht eingeschlafen ist, der pinkelt dem Rezensenten mit einem debilen Grinsen und ohne Scham direkt vor die Füße. So macht man das wohl in England, wenn man mitten in der Menge steht. Zu Elbow setzt man sich auf die Pressetribüne, erwartet Großes und ist dann ein wenig enttäuscht, dass Elbow in der Nacht genauso klingen wie Elbow am hellichten Tag. Ein bisschen mehr Lichtshow, ein bisschen mehr Bühnenpräsenz hätte man sich von Everybody‘s Darlings vor heimischem Publikum schon gewünscht.

Trotz allem wird der Samstag noch zum besten Tag des Festivals. Peaches bringt die Menge mit sehr viel Sexappeal, ihren hart pluckernden Beats und einem Appell, die T-Shirts auszuziehen, zum Kochen. Dabei fügen sich die neuen Songs nahtlos an die alten Klassiker an. Im Anschluss beweisen Franz Ferdinand, dass sie zu den derzeit besten Livebands der Festivalsaison gehören. Abgerundet wird ihr Set durch ein viertelstündiges „Lucid Dreams“, das zum prädestinierten Abschlusssong eines jeden Franz-Ferdinand-Konzertes taugt. Und wenn man denkt, jetzt geht nichts mehr, reißen uns die Gebrüder Dewaele in ihren schwarzen Smokings aus allen Träumen, reihen unter ihrem Alter Ego 2 Many DJs allerlei Hits und Obskures aneinander. Genau wie auf ihrem Genre-definierenden Album „As Heard On Radio Soulwax“. Das Ganze garnieren sie mit einer unübertroffenen visuellen Show, in der die Cover zu den gerade gespielten Songschnipseln als Flashanimationen eingeblendet werden. So wird die musikalische Symbiose aus Aphex Twins „Windowlicker“ und Major Lazer zum tittenwackelnden Ungetüm, Michael Jackson moonwalkt noch einmal durch sein „Off The Wall“-Cover und Beth Ditto bewegt zum Remix von „Standing On The Way Of Control“ rhythmisch ihre Arme. Die Menge tanzt, sie schwitzt, singt mit und feiert ausgelassen. Wenn dann nach anderthalb Stunden mit Prodigys „Out Of Space“ der Konfettiregen einsetzt, hat man ihn gerade wieder erlebt: diesen einen, ganz persönlichen Festivalmoment.

Der Sonntag steht ganz im Zeichen der Killers. Davor spielen zwar noch Calexico auf der Nebenbühne vor einem mittlerweile müden und durchzechten Publikum ihren Texmex-Folk, der zur untergehenden spanischen Sonne passt und keinem wirklich wehtut. TV On The Radio reißen einen mit ihrem apokalyptischen Sound danach sofort wieder aus der Lethargie, spielen einen Großteil ihres neuen Albums und mischen mit „Wolf Like Me“ und „Staring At The Sun“ noch ein paar Publikumsfavoriten unter. Mit diesem Elan, dieser Spielfreude, können die Psychedelic Furs (Daniel Brühls Geheimtipp, you remember?) nicht aufwarten. Auch wieder eine dieser alten Bands, die scheinbar nur für das Benicassim wieder zusammengefunden haben, spielen sie einen smoothen Achtziger-Jahre-Pop, angereichert mit Saxophon. So, als habe Velvet Undergrounds Livekeyboarder plötzlich Lust verspürt, wie David Bowie in seiner Tin-Machine-Phase zu klingen. Hört sich vielleicht noch interessanter an, als es dann in Wirklichkeit ist und man notiert in sein schlaues Heftchen, dass während des gesamten Wochenendes noch nie so wenig Menschen vor der Main Stage standen wie in diesem Augenblick.

Das ändert sich jedoch schlagartig, nachdem das letzte Lied der Psychedelic Furs verklungen ist, denn nun haben The Killers ihren großen Auftritt. Man will sie hassen für ihre pompöse, überdimensionierte Bühnenpräsenz, ihren inhalts- und seelenlosen Radiopomp. Das gelingt einem zu Beginn auch ganz gut, denn nichts ist schlimmer als 40.000 Menschen, die zu „Human“ frenetisch auf und ab hüpfen und lauthals mitgrölen, während Brandon Flowers in seinem Dior-Westchen mit zittriger Stimme und ausladenden Gesten in gruseligster „SingStar“-Manier singt. Was danach folgt, stimmt jedoch versöhnlich und man muss (leider) feststellen: Die Killers mausern sich langsam zu einem ernstzunehmenden Stadionact, die es verstehen, das Publikum über anderthalb Stunden zu begeistern. Nach und nach wirkt auch Flowers gelöster, seine Gesten wirken zwar immer noch gestelzt, aber bei weitem nicht mehr so deplatziert wie noch vor einem Jahr beim Frequency. Trotzdem fehlt einem nach dem Konzert etwas. Vielleicht ist es Wärme und Authentizität.

Am Ende reist man mit einem Koffer voller Impressionen nach Hause, die teils surrealen Naturphänomenen wie dem Orkan und in den seltensten Fällen den Bands geschuldet sind. Darüber hinaus gibt es die eben angesprochenen hausgemachten Probleme: die Sprachbarriere, der fehlende Timetable, die „weniger positive“ Organisation, die riesigen, stinkenden Abfallberge vor den Zelten, die ganz offensichtliche Abzocke, das zu sehr an den englischen Musikgeschmack ausgerichtete Line-Up. Ein Haufen Probleme und nur ein Jahr, um sie zu beheben. Oder um es mit einer alten Fußballweisheit zu sagen: Nach dem Festival ist vor dem Festival.


 

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