DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
Eurosonic Festival Groningen

Datum:
14.02.2011

Lokation:
Groningen

Weiterführende Links:

Autor:
Fabian Töpel
Köln, 16.02.2011

BERICHTE

Festivalbericht - Eurosonic Festival Groningen

Eurosonic Festival Groningen

Das Eurosonic/Noorderslag-Festival lockt seit 25 Jahren Musikfans, Booker und Hypeforscher aus ganz Europa ins nordholländische Groningen. Auch in diesem Jahr war das Line-Up gespickt mit potentiellen „Next-Big-Things“, die man natürlich nie mehr in solch kleinem Rahmen sehen wird. Für manch eine Band werden der Ausflug nach Holland und der anschließende Coffee Shop Besuch vielleicht auch den Höhepunkt der Karriere bedeuten.

In diesem Jahr war ich so gut vorbereitet wie selten zuvor. Ich hatte eine komfortable und zentral gelegene Übernachtungsmöglichkeit sowie meine Hin- und Rückfahrt organisiert und mich schon recht intensiv mit dem diesjährigen Line-Up auseinander gesetzt.

Das war nicht immer so. 2004 musste ich noch im Auto übernachten um Geld zu sparen, 2005 mit Kollege Paulus in einem Hotel 25km außerhalb von Groningen, und mit Kollege Küllenberg übernachtete ich 2006 privat bei einer deutschen Psychologiestudentin und 2008 über Couchsurfing in einem besetzten Haus hinterm Hauptbahnhof. Jedes Mal war es ein neues Abenteuer.

Während ich 2004 das Konzept des Festivals noch nicht verstanden hatte und hauptsächlich wegen Sound Of Our Lives und Seeed (lang lang ist es her) hingefahren bin, erschloss sich mir schnell das Besondere dieses Festivals. In Groningen herrscht jedes Jahr aufs Neue Goldgräberstimmung, schließlich entsteht hier der Stoff, aus dem Legenden gemacht sind. Die Liste der Bands, die hier ihren Durchbruch geschafft haben oder kurz vorher auf dem Festival aufspielen konnten, ist lang. Aber noch mehr reizt viele Besucher aus der ganzen Welt die unkomplizierte Art des Festivals. Wo sonst kann findet man 20 Locations im 200 Meter-Radius plus Frittenbuden und Coffeeshops um die Ecke.

Das Festival legt jedes Jahr den Fokus auf ein bestimmtes Land. In diesem Jahr sind es zum 25. Jubiläum holländische Bands. Eine Entscheidung, die Sinn macht, wenn man bedenkt, dass viele internationale Gäste in den letzten Jahren nach zwei Tagen Eurosonic schon so erschöpft waren, dass sie den dritten Tag des Festivals (Noorderslag) gar nicht mehr mitgenommen haben. Das hat in den letzten Jahren dazu geführt, dass neben dem offiziellen Eurosonic-Festival an den ersten beiden Tagen viele alternative Konzerte und kleinere Festivals in der Stadt verteilt stattfinden, wie das Altersonic Festival. Das führt zwar zu einer noch größeren Auswahl an Programm, aber auch zur Zersplitterung.

Der erste Abend beginnt für uns mit Agnes Obel. Die junge Dänin erlebt gerade einen beeindruckenden Hypemoment. Ihr Song „Riverside“ läuft gerade weltweit als Werbemelodie eines großen magentafarbenen Telekommunikationsanbieters. Das hat dafür gesorgt, dass ihr Album in Dänemark auf Platz 1 eingestiegen ist und sie schon jetzt europaweit hoch gehandelt wird. Wir sind also nicht die einzigen, die Agnes sehen wollen und so erwartet uns eine riesige Schlange vor dem Eingang. Als dann die Durchsage kommt, dass die Location bereits überfüllt ist, entscheiden wir uns für den schnellen Abgang und laufen in Richtung Simplon. Dort spielen an diesem Abend mit Mount Kimbie und James Blake zwei weitere heiß gehandelte Acts. Das Simplon hat sich in den letzten Jahren auch dank der Kollegen der Intro von einer abseits gelegenen Ravelocation zu einem der wichtigsten Clubs des Festivals entwickelt, versprüht dabei aber immer noch den Charme eines alten Jugendzentrums.

Mount Kimbie machen den Anfang mit ihren sehr sphärischen Songs. Ein schönes Konzert, aber hier und da fehlen die klimaktischen Momente, auf die die Songs hinauslaufen.

James Blake ist wohl gerade der Mann der Stunde. Nach mehreren dubstepartigen Releases widmet er sich nun dem großen Pop und hatte mit dem Feist-Cover „Limit To Your Love“ gerade den Hit des Januars. Er vermischt in seinen Songs perfekt Elemente aus dem Dubstepbereich wie den tiefen Bass und die breiten Soundflächen, verbindet sie mit sehr poppigen Melodien und seiner teils mit Autotune versetzten Stimme. Trotz aller Pop-Momente bleibt er immer vertrackt und macht es so seinem Publikum nicht einfach. Die Show ist dabei sehr reduziert und man merkt, dass dieser Junge gerade erst am Anfang seiner Entwicklung steht.

Danach geht es zurück in die Stadt Richtung Grooten Markt. Um den Marktplatz herum befinden sich über zehn kleinere Clubs und Kneipen, aber auch die Musikschule, ein Studentenverbindungsgebäude oder ein altes Kino werden bespielt. Ab einer gewissen Uhrzeit lässt man sich einfach treiben, landet dann aber auch einmal bei einer eher konservativen Glamrockband. Aber auch solche Momente gehören zum Eurosonic und sind manchmal auch nicht die schlechtesten. Sich dem Druck auszusetzen, immer die heißeste Band zu sehen und in Scharen auf denselben Fährten zu wandern, kann auch manchmal langweilen.

Nach einer kurzen Nacht ging es am Freitag morgen zum Reeperbahn-Frühstück. Wie schon im letzten Jahr ein guter Start in den Tag und ein Treffpunkt der deutschen Teilnehmer und der internationalen Exportbüros.

Das Abendprogramm begann dann wieder pünktlich um 20 Uhr mit Anna Calvi. Die junge Engländerin wird gerade vom Feuilleton für ihre schöne Symbiose aus Klassik und Rock gelobt. Vollkommen zurecht, wie man nach ihrem Konzert festhalten muss. Mit ihrer Art Gitarre zu spielen und ihrer eindrucksvollen Stimme hatte sie das Publikum schnell auf ihre Seite gezogen.

Danach ging es schnell rüber in die Schouweburg zu Brandt Brauer Frick, die einen ihrer ersten Auftritte mit ihrem neugegründeten Ensemble spielen sollten. Die Inszenierung mit dem Orchester funktionierte blendend und man kann davon ausgehen, dass dieser Live-Act noch weltweit für Schlagzeilen sorgen wird. Ich erwarte nicht weniger als ein zweites Album nächstes Jahr mit Gastfeatures von Madonna, Kanye West und Chris Martin. Amerika wird diese Jungs lieben.

Im Anschluss erlebten wir die Nachteile eines ausverkauften Festivals. Zu Yuck im Spieghel kamen wir ebenso wenig rein wie später zu Wolf People ins Vera. Bands aus Schweden und Großbritannien haben immer bessere Chancen, einen Saal komplett zu überfüllen, als Künstler aus Osteuropa.

Wir entschieden uns kurzfristig, zu James Vincent McMorrow statt ins Vera zu gehen. Der kleine Kinosaal überhalb des Grand Theatre war schon in den letzten Jahren immer wieder der Austragungsort für denkwürdige Konzerte. Vor fünf Jahren war ich vollkommen fertig, nachdem ich Gravenhurst dort gesehen hatte.

Danach beendeten wir den Abend mit Eierball (frittierte Eier) und Bier in einer illegalen Kneipe, die in einem besetzten Haus eröffnet hat. Bei Bier für unverschämt günstige 50 Cent ließen wir das Wochenende nochmal Revue passieren. Es sind mal wieder diese überraschenden, nicht geplanten Momente, die das Eurosonic zu einem ganz besonderen Festival machen. Der Anteil der Deutschen wird auch im nächsten Jahr weiter ansteigen und wir können sagen, wir sind schon seit 2004 dabei - da staunen sogar die Jungs vom Rockpalast.

Groningen, es hat sich mal wieder gelohnt. Tot ziens!


 

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