Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Electronic Beats
Datum:
23.05.2009
Lokation:
E-Werk, Köln
Autor:
Renate Bichert
Remscheid, 02.06.2009
„We Love Diversity“ lautet die Schlagzeile des aktuellen Electronic Beats Magazins. Für das Electronic Beats Festival im E-Werk haben sich die Veranstalter dieses Motto zu Herzen genommen und ein kontrastreiches Line Up erstellt. Fever Ray, Phoenix, The Gossip, Simian Mobile Disco – unterschiedlicher hätten die Bands nicht sein können, doch genau das machte das Electronic Beats Festival sehenswert.
Auf dem Weg zum E-Werk strömten massenweise Menschen die Schanzenstraße in Köln entlang – doch irgendwas stimmte da nicht: die Leute sahen alle so „normal“ aus , wo ist die Electrojugend geblieben, mit ihren leuchtenden Flanellhemden und Röhrenjeans? Schnell stellte sich heraus, dass die Leute gar nicht zum Electronic Beats Festival wollten, sondern ins gegenüberliegende Palladium, in dem am selben Abend Silbermond spielten. Einige Verzweifelte versuchten ihre Silbermond Karten gegen Electronic Beats Karten zu tauschen, was selbstverständlich unmöglich war. Etwas schadenfreudig und mit dem beruhigenden Wissen, nichts auf der anderen Straßenseite zu verpassen, konnten die Festivalbesucher die Nacht genießen.
Im E-Werk schien die Welt wieder in Ordnung zu sein. Neonpinke Flanellhemden und dicke Frauen in knallengen Kleidern verwiesen auf die Bands, die hier erwartet wurden. Filthy Dukes gaben den Startschuss., doch sie hatten einige Schwierigkeiten das Publikum aufzutauen. Ihr Electropop mit sehr viel Sprechgesang klang wie eine Mischung aus Hot Chip und The Streets mit etwas weniger Power. Chillig, aber weniger langweilig, ging es mit Junior Boys weiter. Optisch wie akustisch gaben sie der Flanellhemdfraktionen, wonach sie verlangte.
Doch erst mit Fever Ray begann das eigentliche Festival. Sie hatte den ökologisch wertvollsten Auftritt des Abends, denn sie zeigte, wie man Strom sparen und trotzdem das Publikum beeindrucken kann. Ihre Bühnenshow bestand zum größten Teil aus Dunkelheit und nur sparsam eingesetzten Lichteffekten, doch die Wirkung, die dieser einfache Trick erzeugte, war überwältigend.
Die Show begann im kompletten Dunkel und mit einem gleichmäßigen Brummen, aus dem sich langsam der Song „If I Head A Heart“ herauskristallisierte. Zeitgleich zeichnete sich nach und nach der Schatten einer pelzigen Gestalt mit Holzstäben im Kopf ab. Zwei grüne Lichtstrahlen brachen das Dunkel, doch die Wesen auf der Bühne konnte man immer noch nur erahnen. Dezente Lichtspiele mit Laserstrahlen oder Lampenschirmen, die im Takt leuchteten, unterstrichen die mystische Aura der Musik. Dazu dröhnte der Bass so tief und laut, dass man die Lungenbläschen vibrieren spürte.
Erst beim vorletzten Song „When I Grow Up“ erhellte sich die Bühne, sodass man Karin Dreijer sehen konnte. Sie wirkte wie eine weltfremde Schamanin oder ein verstörtes Kind, das gerade aus dem Sumpf gestiegen ist. Durch ihr Erscheinen erreichte die Show den Status eines Gesamtkunstwerks . Ein wirklich gelungener Auftritt.
Fever Ray hat die Messlatte für die folgenden Bands sehr hoch gelegt und Phoenix hatten als direkte Nachfolger einen besonders schweren Job. Doch der extreme Kontrast zwischen den beiden Bands machte einen Vergleich unmöglich. Phoenix spielten eine klassische Rockshow und brauchten keine aufwendige Pyrotechnik, weil ihre bekannten Songs wie „If I Ever Feel Better“ oder „Run Run Run“ auch so eine gute Stimmung verbreiteten. Sie mischten ältere Hits mit neuen Songs, von denen einer vom Struwwelpeter, oder „Strumpfenpeter“, wie Sänger Thomas Mars ihn nannte, inspiriert wurde. Auf der Bühne konnten sie ihre technischen Fähigkeiten unter Beweis stellen, die auf den Alben fast schon untergehen. Vor allem der Drummer konnte endlich mal richtig draufhauen.
Als The Gossip die Bühne betraten, kamen schon die ersten Befürchtungen auf, dass dieser Auftritt total daneben gehen würde. Der Sound war schrecklich und Beth Dittos Stimme, das wichtigste Merkmal der Band, war kaum zu hören. Einige Leute im Publikum begannen schon „Lauter“ zu schreien. Beth Ditto schien davon ziemlich genervt zu sein: „Did enyone say ,Louder’?“ Sie legte das Mikro ab und sang ganz ohne elektrische Verstärkung. Das Publikum wurde ganz leise, sodass man Dittos unglaublich kraftvolle Stimme fast bis zum Ende der Halle hören konnte. Dann brach der große Jubel aus.
The Gossip haben zwar mittlerweile auch neue Songs, doch sie wirkten alle wie ein Vorspiel zu dem einzig wahren, unübertrefflichen Gossip- Song: „Standing In The Way Of Control“. Auch wenn die Stimmung schon vorher sehr gut war, lies „Standing In The Way Of Control“ die Halle endgültig explodieren. Es ist schade, dass sie keinen neuen Song haben, der live so gut funktioniert, doch ist es überhaut möglich, ein zweites „Standing In The Way Of Control“ zu schreiben? Live geht jedenfalls nichts über diesen Song.
Simian Mobile Disco hatten die Ehre, der letzte große Act der Nacht zu sein, bevor DJ Curfew die letzten Feierwütigen in den Morgen entließ. Als Simian Mobile Disco die Bühne betraten, war schon etwa ein Drittel des Publikums gegangen – selbst schuld! Die Electro-Rocker holten die letzten Energiereserven aus den tanzenden Körpern, denen auch optisch gute Unterhaltung geboten wurde, denn wer nicht zu sehr in der Tanz-Trance schwebte oder versuchte mit der extrem hellen Pyrotechnik zurechtzukommen, konnte über die interessant aufgebaute Elektronik staunen und darüber, wie Simian Mobile Disco damit umgingen.
Auf einem runden Tisch war ein üppiger Komplex aus Synthesizern, Computern und anderen elektronischen Geräten aufgebaut. Wie in einem Science-Fiction Film hüpften die Beiden DJs um die Anlage herum und betätigten irgendwelche Knöpfe, als wären sie die Piloten eines Raumschiffs.
Das Line Up des Electronic Beats lässt auf einen großartigen Festivalsommer hoffen. 2009 bietet sehr gute Bands, vor allem sehr gute Newcomer, was man auf diesem frühen Festival sehen konnte. Es war eine abwechslungsreiche Nacht, in der keine Band mit der anderen vergleichbar war, weil die Musikstile so weit auseinander lagen. Doch das Gesamtkonzept des Festivals hat trotzdem funktioniert. Ob Silbermond da wohl mithalten konnten?