Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
c/o pop 2011 - Zurück auf Start und noch viel weiter!
Interpret:
Various Artists
Datum:
03.07.2011
Lokation:
Köln
Autor:
Michael Weber
Köln, 06.07.2011
Mit dem Abschluss der diesjährigen c/o pop steht plötzlich ein Festival da, das gar nicht mehr aus dem Festival-Kalender zu streichen ist. In seiner achten Ausgabe untermauerten die Macher ihre Ambitionen, sich einerseits auf dem umkämpften Festival-Markt zu festigen und andererseits eine Visitenkarte zu hinterlegen, die im internationalen Vergleich vielleicht noch etwas kleiner ist, aber mit ihrem Charme und ihrer Planungssorgfalt in allen Belangen nur noch wachsen kann. Die c/o pop ist längst nicht mehr nur „klein aber fein“, sie ist ein beispielloses urbanes Festival in Deutschland, das gekonnt Musik, Wirtschaft und Kreativität miteinander verschmilzt.
Und dabei kam es einem in diesem Jahr so vor, dass all die Bedenken des vermeidlich sterbenden Medienstandorts Köln wie weggeblasen waren. Das war einmal. Was allerdings auf der c/o pop wieder war, war ein dezenter Hinweis zur Besinnung auf die eigene Herkunft. Denn mit der Festival-Zentrale, die rund um den Stadtgarten aufgeschlagen wurde, fanden sich mit Norbert Oberhaus und Tobias Thomas gleich zwei Macher der c/o pop an einem ihnen altbekannten Ort wieder ein. Zurück auf Start und zurück zu den Wurzeln muss das Motto gewesen sein, als die Orte ihres Pop-Ursprungs zum Epizentrum des achten Teils des Festivals ernannt wurden. Und siehe da, die Rückkehr in sichere Häfen zahlte sich aus.
Jegliche Probleme, die noch im letzten Jahr auf die Festivalbesucher warteten, waren im Nu wie weggewischt. Vorbei waren die Einlassprobleme zu den absolut angesagten Interpreten und Bands. Keine erbosten Besucher, keine langen Schlangen, keine Enttäuschungen legten sich vom 22. bis zum 26. Juni wie graue Schlechtwetterwolken über die allgemeine Stimmungslage Kölns. Der Einfall, das Festival-Ticket-Kontingent gleich zu beginn deutlich zu reduzieren und stattdessen lieber mehr Einzel-Tickets zu den diversen Auftritten zu verkaufen, war da schon mal der erste Genie-Streich. Zusätzlich führten die Organisatoren Listen für besonders beliebte Konzerte mit geringerem Platzaufkommen ein, auf die man sich mittels einer E-Mail eintragen lassen konnte, um als Festival-Ticket-Inhaber seinen Platz für das Wunschkonzert zu sichern. Und zu guter Letzt gab es in diesem Jahr auch nicht das Problem, dass einer der Abende mit den ganz heißen Acts herausragend belegt war. Nein, alles war wohlbedacht verteilt und garantierte an jedem Abend zwei und mehr Highlights, die man einfach sehen musste.
Des weiteren stellte sich auch nicht das Problem ein, dass man von einem Auftritt zum nächsten Sprinten musste, um auch ja so viel wie möglich vom Festival mitzunehmen. Da fast alle Konzerte in etwa zeitgleich begannen und das Kontingent durch Reservierungen beschränkt war, mussten Entscheidungen im Vorfeld getroffen werden. Und weite Distanzen zwischen den Veranstaltungsorten ließen ohnehin kaum zu, dass man mal eben zum nächsten Konzert herüberschlenderte.

Womit aber nicht gesagt werden soll, dass die Entzerrungen beziehungsweise die weitläufigen Verteilungen der Konzertsäle über die halbe Kölner Innenstadt ein Nachteil waren. Ganz im Gegenteil. Das großstädtische Flair kam gerade erst deshalb so richtig auf. Nach einem Konzert oder einer Party mit einer Flasche Bier in der Hand durch das teilweise (die Ringe und Zülpicherstraße nicht inbegriffen) schöne Köln zu flanieren, das nächste Konzert, die nächste Party suchend, gehört einfach dazu. Teilweise war man aber auch so erschlagen von der Schönheit so mancher Austragungsorte, dass man neben überwältigenden Konzerten wie Beispielsweise von Apparat & Band und Owen Pallett in der Philharmonie oder The Brandt Brauer Frick Ensemble im Klaus von Bismarck Saal im Funkhaus des WDR das eben gehörte, ja gesehene erst einmal sacken lassen musste. Die Wiederentdeckung, oder besser gesagt Wiedereröffnung, des legendären Gewölbes, samt Anbindung an die Festivalzentrale im Kölner Stadtgarten, Studio 672 und Zum Scheuen Reh, machte den äußersten Rand Ehrenfeld zu einer wahren Festivalbastion. Gerade bei den vielen Konzerten und Partys, die dort stattfanden, schien dieses kleine Fleckchen Erde wie ein pulsierender Popherzschlag zu fungieren, der die kölsche Liebe zum Minimal auch mal vergessen ließ.
Bastian Küllenberg schrieb hierzu:
James Pants & Hudson Mohawke (Studio 672)
Das Studio 672 platzt aus allen Nähten, Körper in Bewegung, die Boxen wummern. So buchstabiert man Clubatmosphäre. James Pants ist angetreten, um zu gewinnen und feuert ein unfassbar vielschichtiges Set ab, in das er auch einige eigene Nummern einbaut und live darbietet. Northern Soul, Old School Rap, Drum'n'Bass, Freakbeat und Psychedelic Pop verschmelzen zu einem spannenden, treibenden Mix, der für Begeisterung und Staunen sorgt. Auch Hudson Mohawke macht im Anschluss keine halben Sachen. Seine Tracks werden von einer Dubwalze getrieben, die in die Glieder fährt und sich über einen breiten Synthieteppich ausrollt. Stillstehen ist keine Option in dieser Nacht. „Bässe wie dicke Ärsche", sagt Kollege Weber. Welch eine wunderbare Abwechslung im Köln-typisch recht Minimal-lastigen Partyprogramm der c/o Pop.
Chuckamuck (Studio 672)
Ein Auftritt im Zeichen ewiger Jugend und Glückseligkeit. Die zahlreichen bejahrten Andreas Dorau-Fans, die auf den Hauptact warten, dürften diese Band an ihre Teenagerjahre erinnern, klingen Chuckamuck doch nach selbstbewusstem Powerpop und Schrammelrock wie er vor rund 25 Jahren in Düsseldorf und Bad Salzuflen gespielt wurde, als das Jungvolk Vatis Beatles und The Who-Platten mit den Ramones-Kassetten des Bruders kombinierte. Zu viel trinken, sich albern kleiden und auf die Bühen spucken sind feste Rituale dieser Welt, die sich als Antithese zum Techno-Hype der letzten Jahre gestaltet. Es bleibt zu hoffen, dass der Zahn der Zeit nicht zu schnell an diesen rotznäsigen Berliner Milchbärten nagt.
Abgesehen von den technischen Problemen bei Egyptrixxx und den vom Dach in die Cinemathek des Museum Ludwigs umverlegten Konzerten von Wu Lyf, Touchy Mob und Sizarr, war die c/o pop ein Meisterstück, das sich wie frisch aus dem Ei gepellt erneut einen großen Platz in den Herzen der Popkulturliebhaber erspielte. Die Rahmenprogramme wie die c/o pänz, Chic Belgique als Festival im Festival, der c/o pop Supermarkt, die Europareise (mit dem Canadian Blast- und NorwegianNight-Programm), NeuKommaGut als Newcomer-Förderung, die Sause auf den Pollerwiesen mit unter anderem Paul Kalkbrenner und Tobi Neumann, kreative Umsetzungen wie ein Kopfhörerkonzert von Oval in der St. Michael Kirche oder Dunkelkonzerte, Lesungen, Filmpräsentationen und nicht zu vergessen der legendäre c/o pop Cup zeigten, dass ein Festival nicht unbedingt nur etwas mit dem schnöden Bühnen-Hopping zu tun haben muss. Und auch nicht immer etwas kosten muss! Vorbildlich und kreativ umgesetzt. Zusätzlich entschloss man sich mit der off c/o pop weitere Partys und Veranstaltungen mit ins Boot zu holen, die zwar nicht Bestandteil des Festivals waren, aber von den Machern nicht untergebuttert werden sollten. So wurde auch für die Play!, Agenda Silberschwein oder die Traum/Trapez Partys geworben.

Doch waren es nicht bloß eine hervorragende Planung, Umsetzung und kreative Gestaltung weitere Bestandteile, die diesjährige c/o pop so besonders machten. Mit dem aufgefahrenen Line Up schossen sie 2011 den Vogel ab. So gab es zum einen internationale und nationale Größen, die das Festival auf eine ganz neue Ebene hieften und zum anderen ein unglaublich sicheres Händchen, was die Buchung von potentiellen Hit- und Hype-Kandidaten im Elektro-, Pop- und Indie-Bereich angeht. Damit wurden alle Erwartungen wirklich mehr als übertroffen, aber auch gleichzeitig der eigene Anspruch nur noch höher geschraubt. Nur wird dieser unter Garantie auch bei den Machern weiter steigen und es wäre ein Unding, wenn die Förderer der c/o pop den Etat nicht noch etwas mehr aufstocken würden. Alleine die erneut gestiegene Zahl an C'n'B-Besuchern und Teilnehmern zeigt, dass das Konzept eines kreativwirtschaftlichen Festivals seine Früchte in allen Bereichen trägt. Und selbst wenn es mit weiteren Fördergeldern nichts wird: In diesem Festival schlummert so viel mehr Potential und so viel mehr In- und Output von Befürwortern, dass Vergrößerungslösungen aus den eigenen Reihen kommen werden. Notfalls vielleicht sogar in einem eigenen Convention-Panel vorgestellt werden.
Die c/o pop wird uns aber alle noch lange erfreuen. Und wenn die Liebe der Macher nicht versiegt, wird der Trend der steten Verbesserungen und Internationalisierungen wachsen, wie die Visitenkarte, auf dem Festival-Markt. Urbanität und Pop haben ein Zuhause in Deutschland: Köln!
Fotos von: Tobias Vollmer & Georgios Souleidis