DETAILS

Kategorie:
Festivalbericht

Titel:
c/o Pop - Keep Playing Forever

Interpret:
c/o Pop Festival 2008 u.a. mit Ricardo Villalobos, Paul Kalkbrenner, José Gonzáles, Hercules And Love Affiar, Dillon und Crystal Castles

Datum:
13.08.2008

Lokation:
Köln

Weiterführende Links:

Autor:
Tristan Klocke
Hildesheim, 02.09.2008

BERICHTE

Festivalbericht - c/o Pop - Keep Playing Forever

c/o Pop - Keep Playing Forever

Nicht jedes Jahr kann man sich den bisweilen unerschwinglichen Luxus gönnen, bei einem der zahlreichen Sommer-Festivals mit seiner Anwesenheit zu glänzen. Schon Wochen vor dem Ereignis schunkelt sich der eigene Freundeskreis in eine kindliche, an Hysterie gemahnende Aufregung. Nur man selbst bleibt zu hause und verflucht sich und sein Geschick im Umgang mit Geld. Die Cologne On Pop 2008 macht es einem nicht gerade leichter: Über 200 Künstler in einem viertägigen Zeitraum, das ist als würde man das Glastonbury in eine Stadt verpflanzen. Solche Fakten wecken den sportlichen Ehrgeiz: Wie viele Eindrücke kann man sammeln, bevor man seelenruhig neben den Boxen einschläft?

Wie viel Hoffnung die Stadt Köln hingegen in das c/o Pop Festival hegt, lässt sich an der Unterstützung durch die Kulturstiftung des Bundes, verschiedener Ministerien und Institutionen des Landes NRW erahnen. Nach dem Wegfall der Popkomm und des Ringsfestes klammert sich die Stadt daran wie an einen rettenden Strohhalm. Die Festival-Eröffnungsfeier konstituiert sich am Ufer des Rheins. In den Gebäuden der alten Bahndirektion, dem Rheintriadem, versammeln sich die üblichen Verdächtigen aus Politik, Kultur und Musikpresse. Der Staatssekretär für Wirtschaft des Landes NRW tut sein großes Vertrauen in Köln als Standort für Musik kund. „Wirtschaft braucht Leidenschaft“ wiederholt er eindringlich und klingt dabei ein Stück weit zu pathetisch. Im Anschluss übergibt er das Rednerpult an eine stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt. Auch sie erkennt in Köln eine „Musikstadt“, in der die c/o Pop zu „... einem Pflichttermin im internationalen Musikgeschehen“ geworden ist. Mit einem Hauch von Wehmut erinnert sie sich an Konzerte der krautrock Band „Can“ und freut sich über eine Erhöhung des Kulturetats um weitere sieben Millionen sprechen zu können. Kein schlechter Zeitpunkt, um es sich als Künstler in der Domstadt gemütlich zu machen. Die Wiesen in Berlin sind längst abgegrast.

Der Deutsch Amerikanischen Freundschaft gebührt am Mittwochabend im Gloria die Ehre, den Konzertmarathon einzuleiten. Das Publikum könnte nicht heterogener sein: Dresscodes aus Punk, Gothic, Dark Wave und Industrial vermischen sich mit zeitgenössischen Modeschöpfungen. Das Interesse an DAF als Pionier im experimentellem Umgang mit elektronischer Musik ist groß. Die Band tritt in Ihrer Kernformation auf: Robert Gröhl am Schlagzeug, Gabriel Delgado am Mikrofon. Ein CD-Player steuert die typischen Analogen-Synth-Sounds bei, die für DAF so charakteristisch sind. Schon nach den ersten Drei Stücken öffnet Delgado, die Knöpfe an seinem Hemd und überschüttet sein Haupt, wie zum Ansporn mit Wasserflaschen. Die provokant skandierten Parolen entfalten einen unheimlichen Sog. Hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und verwirrtem Entsetzen verfällt man der Musik, um nach einundzwanzig Songs und drei Zugaben erleichtert aufzuamten. Der Anfang wäre geschafft und man hat ein kleines Stück popkulturelle Geschichte am eigenen Leib erfahren.

Das Rheintriadem entwickelt sich als Festifalzentrale zu einem Treffpunkt. Von dort aus wird organisiert und koordiniert: Welche Band tritt wann und wo auf? Welcher Club bietet die angesagtesten DJs? Daneben kann man im Rahmen der Affair c/o Pop unentgeltlich an Screenings und Ausstellungen teilnehmen. Zum Beispiel anlässlich des fünfzigsten Geburtstags von Madonna. Dieser wird von den Geschwistern Kerstin und Sandra Grether mit der Anthologie “Madonna und Wir Bekenntnisse” gewürdigt. Eine Vorlesung, die von Moderatoren des Internetradios Byte.FM geleitet und in der die Popdiva als gesellschaftliches Phänomen durchleuchtet wird.

Am Playground im Parkcafé kann man sich zwischen den schweißtreibenden Veranstaltungen ausruhen. In familiärer Atmosphäre, umgeben von kleinen Kindern, die sich am Wasserspielplatz vergnügen und Menschen auf Liegedecken im Gras, die sich zu elektronischer Musik sonnen, tankt man die nötige Energie, um sich am Abend von neuem zu verausgaben. Diese Gegensätzlichkeit spiegelt sich auch in dem Konzept der c/o Pop wider: Auf den Kinder-Bauklötzlichen der Werbekampagne pragnern die Lettern “Play” und “Work”. Wer Spaß haben will, muss dafür arbeiten oder der anderes gesagt: Work is play. So gibt es neben dem Nachtleben auch eine professionelle Seite des Festivals: Die Conference c/o Pop. Dort wird in Panels, Workshops, Vorträgen und Präsentationen über Entwicklungen und Trends spekuliert, die so viel versprechende Namen wie “Insolvent but successful” oder “GEMA know how” tragen und das Herz von jedem Anzugträger höher schlagen lässt.

Die Headliner des Festivals treten bereits am Donnerstagabend auf. Die Wahl zwischen den “Crystal Castles” und “Hercules & Love Affair” dürfte einigen Kopfschmerzen bereitet haben, das gleiche gilt aber auch für die langen Wartezeiten bis zum Konzertbeginn. Wie sich zeigt, besteht das Publikum im Größenteil aus Jugendlichen, die sich in wilde Neon-Farben gehüllt haben. Dieser Kleidungsstil harmoniert mit dem heftig verzehrten 8-bit sound der “Crsytal Castles”. Als Support präsentiert sich eine energiegeladene Indie-Rock-Band aus Hamburg mit dem Namen “1000 Robota”. Stücke wie “Hamburg brennt” erinnern in ihrer rohen und ungeschliffen Art an ein junges deutsches Äquivalent zu “Gang Of Four”. Das es sich bei dem Equiptment-Set von Multi-Instrumentalist Ethan Kath nicht um eine in Reihe geschaltete Gruppe von Game Boys und Atari-Computer handelt, erkennt selbst ein ungeschultes Auge. Kath versteckt sich, wie auf dem Cover des Debüt-Album, hinter einen Kombination aus Kapuze und Lederjacke. Nicht weniger geheimnisvoll mutet die Vokalistin Alice Glass an. Sie trägt schwarzen Eyeliner zu einem burschikosen Haarschnitt. Von der Ebene über dem eigentlichen Konzertsaal sieht man, wie sich das Meer aus Menschen zu Alice reckt und sich mit ihr verbinden möchte. Die Sängerin krabbelt, springt und liegt abwechselnd auf der Bühne: In einem Augenblick bleibt sie mit dem Fuß zwischen der Bass Drum und dem Becken stecken und ist im nächsten wieder ganz nah beim Publikum. Die Sicherheitskräfte haben Mühe und Not die kleine drahtige Kanadierin vom Stagediving abzuhalten.

Zu Beginn des Wochenendes verschlägt es einen wahlweise ins Gloria zu den TV Personalities, The Teenagers und So So Modern oder eben wieder ins Rheintriadem zur Indiecitynight. Hier bietet sich einem der Komfort zwischen sieben Bands (Superpunk, Cellophan Suckers, Finn, Delorean, Schmackes & Pinscher, Dillon, Kissogram) auf drei dicht beieinander liegenende Bühnen zu wählen.

Patrik Zimmer stellt sich und seine Bands aus Hamburg mit folgenden Worten vor: “An solchen Abenden, wie diesen, nennen wir uns Finn und das sind meine drei liebreizenden Konkubinen”. Die elegische Musik von Finn schlägt sich unmittelbar in der Gestik und Mimik des Publikums nieder. Wohin man sieht: Ergriffene Blicke und stille Begeisterung. Die Gruppe präsentiert sich unisono in schwarzer Kleidung und altmodischen Querbindern am Kragen. Das schüchterne Schlagzeug wird von einem mächtigen Kontrabass begleitet, das auf der kleinen Bühnen im Erdgeschoss des Rheintriadems wie ein gestrandetes Schiff wirkt. Die Stimme von Patrik Zimmer ist Balsam für die geschundene Seele. Das im September erscheinende dritte Album “The Best Low-Priced Heartbreakers You Can Own”spricht für sich und sollte im Auge behalten werden. Der klassischer Musikansatz von Finn ist eine willkommene Abwechslung zu der Dominanz an Elektro-Pop auf dem Festival, aber “Dillon”, die im Anschluss auftreten, beweisen, das dieses Ungleichgewicht an Diversität kein Grund zur Kritik gibt. Die junge Dame hinter “Dillon” (ehemals LadyBird) kommt aus Köln/Berlin und überzeugt durch ihre geschmackvolle Mischung aus Minimal-Electro- und Lo-Fi-Pop-Elementen.:Kate Nash meets Digitalism. Unterstützt wird sie vom männlichen Duo “COMA”, die eine techhouse Klangkulisse aus E-Drums, Synths und Laptop weben.

Im Odonien, einem ausrangierten Schrottplatz mit morbidem Charme gipfelt sich in der späten Nacht von Freitag auf Samstag eine Party, die seinesgleichen sucht: Die Headbangersnight. Der französische DJ und Produzent "SebastiAn", der neben “Justice”, zum Zugpferd des angesagten DancDance-Labels Ed Banger gehört, verwandelt den viel zu kleinen Schuppen mit seinen messerscharfen Remixen in eine Vorhölle des Hedonismus. So etwas kennt man nur aus den Clips auf YouTube. Die Fäuste werden im Rhythmus des 4/4 Beats zum Himmel gereckt und aus den Kehlen stieben Schreie der Entzückung. In einer Siegesgeste hält SebastiAn den teuren Pioneer CDJ 1000MK3 mit einer Hand in der Luft und drückt zum Abschluss auf den Power-Knopf. Wer wird da noch an die parallel stattfindende Party vom Kölner Electro-Label Kompakt denken? Das die dezimierte Partymeute, nach diesem Spektakel noch zum tanzen aufgelegt ist, lässt sich nur auf das ausbalancierte DJ-Set von COMA zurückführen. Wenig später kommt es auch zu einem Wiedersehen mit Dillon, die den gemeinsam konzipierten Song “Aiming For Dstrctn” vorträgt. Im Kreis des Lagerfeuers, umgeben von Metall-Skulpturen und Autowracks, verliert man langsam das Zeitgefühl, bevor man von einem wunderschönen Sonnenaufgang wieder daran erinnert wird. Schon setzten die ersten Zeichen von Reue ein.

Samstag bietet sich einem die Gelegenheit von den harten, exzessiven Clubnächten abzuschwören und zur der besinnlichen Seite des Singer/Songwritings zu konvertieren. Quasi geläutert und voller Überzeugung lauscht man den zarten Seitenanschlägen und der säuselnden Stimme von José Gonzales auf der MS RheinEnergie. Kaum wahrnehmbar legt der Dampfer vom Steg ab und nimmt das Publikum mit auf eine traumhafte Reise. Erst als man von der Bühne im Bauch des Schiffes aufsieht, erkennt man die gleißenden Lichter der Stadt und die Konturen des Rheinufer gemächlich an sich vorbeiziehen. An den großzügigen Fenstern sammeln sich kleine Gruppen von Pärchen, die sich eng in den Armen halten und ihre Gedanken mit der Musik in die Ferne schweifen lassen. José Gonzales singt “One Night To Be Confused / One Night To Speed Up Truth” und wie als Antwort darauf schreit ein Mensch aus der Menge “Keep Playing Forever”. Kurz bevor das Konzert sich dann doch dem Ende zuneigt, vollzieht die MS RheinEnergie eine Wendung und steht für einen kleinen Augenblick parallel zur Severinsbrücke. Im Hintergrund spielt Josè seine Coverversion von Massiv Attacks “Teardrop”und vor einem ziehen die Autos zu kleinen Lichtperlen abstrahiert in einer Linie der Brücke auf und ab. Eigentlich möchte man diesen speziellen Abend und die C/O Pop mit der Erinnerung an ein nahezu perfektes Konzert ausklinken lassen.

Wäre da nicht dieses infantile Gefühl wieder etwas wichtiges zu verpassen. Mit den verbleibenden Kräften schleppt man sich zurück zur Festivalzentrale, um an der seltsamen Idee einer “Silent Disco” teilzuhaben. Auf der Treppe zur Lounge des Rheintriadems bekommt man einen Funkkopfhörer von Sennheiser in die Hand gedrückt, der später zusammen mit einer Marke zurückgegeben werden muss. Wenn man an einem kleinen Rädchen des Kopfhörers dreht, kann man sich in das DJ-Set von “GetAddicted” einschalten. In einem kleinen Raum mit Parkett stehen vielen Menschen mit Headphones auf ihren Ohren: Einige wenige Tanzen, viele sehen einfach nur zu und philosophieren über das Konzept. So richtig Stimmung viel nicht aufkommen. Als dann doch einmal jemand richtig ausflippt, kommentiert ein Mädchen das merkwürdige Schauspiel: “Hört der etwa andere Musik als ich – oder warum geht der so ab?”. Schade, das man nicht die Möglichkeit hat, unter mehren Quellen auszuwählen, um dann vom Tanzverhalten auf die Musik zu schliessen ...

“Aber am siebenten Tag ruhte er von allen seinen Werken.” (2. Mose/Exodus 20, 8-10). Davon kann gar keine Rede sein. Die Betreiber der c/o Pop fühlen sich diesem alttestamentarischem Grundsatz jedenfalls nicht verpflichtet. Bereits um 12 Uhr startet im Jugendpark das exklusive Treffen der Techno-Veteranen Sven Väth und Ricardo Villalobos. Noch bevor man das geschmacklos dekorierte Zelt erreicht, trifft man auf nett gemeinte Ecstasy-Warnungen, die einem verdeutlicht auf einer Techno-Party zu sein. Unter der riesigen Disco-Kugel ballt sich ein Schmelztiegel der Kulturen zusammen und feiert bis in die späten Abendstunden. In einem Befreiungsakt reißt man sich schließlich das geschundene gelbe Plastikbändchen von dem Gelenk – vielleicht ist es im nächsten Jahr aus Stoff, dann bleibt´s auch an der Hand, wie das “Hurricane” oder “Rock am Ring” – verdient hätte es sich die c/o Pop.


 

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