Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Berlin Festival 2009
Datum:
07.08.2009
Lokation:
Berlin
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 17.08.2009
Vier Anläufe hat es gebraucht, um aus dem Berlin Festival ein richtiges Berlin Festival zu machen. Während die zwei ersten Versuche der Organisatoren in Brandenburg stattfanden und 2007 ein altes Schwimmbad am Hauptbahnhof als Location diente, konnte dieses Jahr mit dem Flughafen Tempelhof ein echtes Wahrzeichen der Stadt gefunden werden. Das machte schon einmal, neben einem schönen Line Up, Lust auf mehr. Leider lief aber noch nicht alles rund.
Genutzt werden für das Festival konnte die Eingangshalle sowie der vordere Bereich des riesigen Geländes inklusive eines Flugzeughangars. Beim Umsehen wurde recht schnell klar, dass dies nur ein kleiner Teil des alten Flughafens einnahm, der von seinen Ausmaßen sicherlich locker das zehn- oder zwanzigfache an Menschen aufnehmen könnte. Stattdessen mussten sich die 8.000 Besucher durch die kleine überdachte Fläche direkt am Eingang quetschen, um von einer Bühne zur nächsten zu gelangen. Sicherlich eine kluge Idee bei schlechtem Wetter, schließlich war so jede Bühne regensicher. Jedoch, was natürlich keiner wissen konnte, war das Berlin Festival eines der wenigen Festivals dieses Jahr, die durchgehend mit gutem Wetter aufwarten konnten. Bei fast 30 Grad Außentemperatur in einem stickigen Hangar Bands anzusehen, ließ leider nur wenig Festivalatmosphäre aufkommen. Ebenfalls trug das fehlende Camping dazu bei, obwohl dies auf den riesigen Grünflächen, die der Flughafen zu bieten hat, sicherlich ein Ereignis gewesen wäre. Für den happigen Preis von 50€ für zwei Tage hätte man da sicherlich mehr erwarten können. Für viele sehr ärgerlich war ebenfalls das Verbot, das Gelände zu verlassen. Dies bedeutete nicht nur auf die typischen Festivalpreise von 3€ plus Pfand für ein Wasser angewiesen zu sein, sondern eventuell auch ohne Geld auszukommen, da sich kein Automat auf dem Gelände befand. Insgesamt muss man jedoch sagen, dass das Gelände einiges an Potenzial hat für großartige Festivals. Allein in der historischen Eingangshalle zu stehen, sein Ticket am Check In abzuholen und im Flughafenrestaurant tanzen zu gehen, machen Lust auf einer noch besseren Fusion aus Festival und Flughafen.
Neben den Anfangsschwierigkeiten gab es jedoch noch einige erwähnenswerte Bands zu sehen. Dear Reader und These New Puritans lockten dann das erste Mal die Leute vor die Mainstage, ein alter Hangar, der spontan wegen Lärmbeschwerden zur Bühne umgebaut werden musste. Besonders These New Puritans passten sehr gut in das industrielle Ambiente und überzeugten mit einem dichten und atmosphärischen Auftritt, bei dem Sänger Jack Barnett in sich versunken sich die Seele aus dem Leib sang. An der Second Stage waren zunächst mit den Electro-Schwestern von Telepathe ein durchaus gelungener, tiefgründiger Act zugegen, der jedoch starke technische Probleme hatte. Mit Bodi Bill war dann schnell das erste große Highlight zu sehn. Die drei Berliner brachten die Menge das erste Mal zum Tanzen und fühlten sich geehrt an einem so historischen Ort ihrer Heimatstadt zu spielen. Saint Etienne wirkten im Anschluss dagegen etwas fehl am Platz. Ihre seichte Synthie-Pop-Musik konnte zu dem Zeitpunkt keinen mehr richtig begeistern. Anders die Junior Boys, die als erste Band im Dunkeln eine großartige Atmosphäre aufbauen konnten.
Dendemann kann man wohl als so etwas wie den Lieblingsrapper der Indieszene bezeichnen. Schon nach seiner alten Band Eins Zwo war er schnell ein Grenzgänger, auf den sich beide Lager einigen konnten. Überraschend tritt er aber nun, wahrscheinlich inspiriert von Jan Delay und Konsorten, mit kompletter Band auf. Seinen linguistischen Fähigkeiten tut das keinen Abbruch, wenn man ihn verstehen konnte. Denn beim Wählen des Flugzeughangars als Ort für die größte Bühne des Berlin Festivals hat man wohl nicht beachtet, dass dieser schallt. So war vor allem von Hinten und an den Seiten meist nur Musikbrei zu hören. Dies quittierte auch Dendemann recht bald, nach dem Motto „Wenn ihr mich nicht versteht, ist es egal was ich sage“ bestanden seine Ansagen nur noch aus Blablas. Entschuldigend wurde im Nachhinein bekannt gegeben, dass der Hangar nur spontan als Ort der Mainstage gewählt wurde. Aus Ruhestörungsgründen sei den Organisatoren nahe gelegt wurde, die Bühne kurzfristig zu verschieben. Sehr schade!
Der größte Name dieses Festivals und für uns das überraschende Highlight war Peter Doherty. Ein Mann, eine Gitarre, zwei Tänzerinnen und dazu bedächtiges, fast ehrfürchtiges Schweigen beim Publikum. Fast kindlich steht Doherty auf der Bühne, schaut glücklich in die mitsingende Menge, die jedoch auch bei Aufforderungen kaum seine eigene Stimme übertönt, und spielt einen seiner Gassenhauer nach dem anderen. Eben das war für viele die größte Überraschung, denn sein Set bestand vor allem aus Libertines-Songs, aufgelockert mit ein paar Solonummern und wenigen Babyshambles-Liedern. Auch zum Abschluss nicht „Fuck Forever“ zu spielen, ist mutig, aber sicherlich verständlich.
Lange musste man darüber nicht traurig sein, denn ein fahrbarer DJ-Stand, der spontan an verschiedenen Orten Halt machte, um die Leute zum Tanzen zu bringen, brachte direkt am Ausgang einen aufgewärmten New-Rave-Remix des Babyshambles-Hits, um die Leute zum Tanzen zu bringen. Auf höchstem Niveau haben dies auch Moderat getan. Wer jemals Apparat oder Modeselektor alleine live gesehen hat, kann sich in etwa vorstellen, wie es ist, ein Paket von allen dreien auf der Bühne zu sehen. Wieder unterstützt von den Visuals der Pfadfinderei, ausgestattet mit drei riesigen LCD-Bildschirmen, begaben sie sich durch eine wilde Reise durch ihr erstes Album. Um jedoch keinen zu starken Einschnitt zu Peter Doherty zu haben, begannen sie mit ihren ruhigen Songs wie „A New Error“ oder „Rusty Nails“. Platz war da auch für „Let Your Love Grow“ aus Modeselektors „Happy Birthday“, um im Folgenden immer tanzbarer und härter zu werden. Die Stimmung im leider wenig gefüllten Hangar ließ dabei leider nur erahnen, wie Moderat beim Melt! angekommen wären, wenn der Regen ihren Auftritt nicht zunichte gemacht hätte.
Danach konnte mit einem zweifelhaften DJ-Set von Peaches noch durch die Nacht getanzt werden, auf dass die meisten mit einem frühen Weg nach Hause reagierten. Warum stattdessen Peaches keine Liveshow hinlegte, bleibt wohl ein Geheimnis. Zeit hatte man aber stattdessen, auch die anderen Tanzflächen zu begutachten, wie den Air Base One Floor, der sich im alten Restaurant des Flughafens befand. Insgesamt wurde mit viel Liebe versucht den Flughafen für ein Festival herzurichten. Im Dunkeln konnte mit großen Scheinwerfern eine surreale Atmosphäre erzeugt werden. Verglichen zum Melt! gibt es aber noch viele Ausbaumöglichkeiten. Man sollte dabei aber nicht vergessen, dass dieses Festival auf diesem Gelände noch in den Kinderschuhen steckt und sowohl das Gelände als auch die Atmosphäre noch sehr ausbaufähig ist.
Der nächste Tag begann früh, scheinbar zu früh für Berlin. So wurden die Konzerte von I Might Be Wrong, den Kilians und Oneida kaum beachtet. Ein kleinerer Floor für solche Konzerte, der dann mehr Stimmung versprechen würde, wäre angebracht gewesen. The Thermals waren dann die erste Band, die für Aufsehen sorgte. Die drei aus Portland sind dieses Jahr mit einem neuen Album ins Jahr gestartet und überzeugen weiter durch ihre knackig, kurzen Punk-Rock Nummern. 1000 Robota überzeugen dagegen eher wieder durch ihre Anti-Berlin-Kommentare. Der Running Gag des Frontmanns Anton Spielmanns wird vom Publikum gebührend mit „Dafür ist Hamburg schwul“ gekontert. Wohin es für die drei im kommenden Jahr geht, entscheidet das zweite Album, ihr Potenzial ist weiterhin sehr groß. Mit vier großen Aufstellern ihres Bandlogos kündigten sich derweil The Rifles an. Optisch die wohl eher uninteressanteste Band, wurde sie von dem jungen Festivalpublikum mit berauschtem Tanzen vor der prallgefüllten Hauptbühne gefeiert. Die durchweg guten, bewegungstauglichen Stücke der Londoner waren dann allerdings auch nicht die große Offenbarung.
Health kündigen sich bereits mit großem Getöse an. Getragen durch das drückende Schlagzeug preschen die Kalifornier mit Krach nach vorne. Wer hier große Melodien erwartet, ist fehl am Platz. Wer jedoch überschäumende Energie sehen will, steht ganz richtig. Alle, denen das dann doch zu hart war, haben bei Zoot Woman die richtige Alternative gefunden. Trotz 14-jährigem Bandbestehen veröffentlichen sie erst dieses Jahr ihr drittes Album. Trotzdem ist alles bisher veröffentliche mit genug Hits ausgestattet, um einen ganzen Hangar zum Tanzen und sogar mal zum Mitklatschen zu motivieren.
Tanzbar zu sein war nicht ganz das Ziel des Auftrittes von den obskuren Micachu & The Shapes. Das Trio mit der Frontfrau aus New York, die wahlweise auf Ukulele oder E-Gitarre zurückgriff, überraschte mit angenehmen und ausgearbeiteten Electro-Pop-Songs sowie unkonventionellen Gesangseinlagen. Jarvis Cocker hingegen beigeisterte eher durch sein lockeres Auftreten. Der frühere Frontmann von Pulp flirtete sich wild durchs Publikum und sprang von seiner Band unterstützt über die Bühne, zuckte, ließ Ausfallschritte folgen oder drückte seinen Oberkörper nach hinten. Der charmante, nach eigener Einschätzung ältere Herr versteht es, die Menge zu binden, und in sein Geflecht aus Show und gepflegter Musik zu ziehen. Je länger sein Konzert andauerte, desto besser hatte er die Menge im Griff, bekam sogar einen Slip auf die Bühne geschmissen, auf den er mit einem saloppen „How long have you been wearing this?“ reagierte und ihn an sein Mikrophonständer hing.
Wem nach Zirkus der ganz anderen Art war, konnte sich vor der Secondstage von Bonaparte das Gehirn zum Luftballontier knoten lassen. Die ausgefallene Kostümierung des multinationalen Kollektivs gräbt sich zwischen Barock und Trash, Rokoko und 80s irgendwo seine eigene Grube. Wie bei Mr. Cocker ist das doch nicht nur Show. Auf diesem Festival wurde wohl zu diesem Zeitpunkt kaum so gequetscht und gejohlt wie in dieser Stunde.
Im Anschluss wurde das mit Deichkind relativiert. Den deutschen Obertighten wurde die Mainstage überlassen, auf der Secondstage war Whirlpool Productions dementsprechend ein spärliches Publikum beschert. Man würde denken, dass die Norddeutschen optisch schon alles ausgereizt hatten, aber weit gefehlt. Die vier auf der Bühne feierten ihren Trip in eine Vision eines Neon-Party-Ägyptens, mit Liegestühlen, dreieckigen Kopfbedeckungen und anschließender Kissenschlacht inklusive, und rissen eine ausgelassene Meute mit hinein. Sichtlich ausgelassen fand sich die Menge zur Verschnaufpause auf dem mittlerweile abgekühlten Gelände wieder, begrüßt von dem Mobile-Disco-Team. Nach dem nervenaufreibendem Act zuvor versammelten sich nur einige wenige zu dem DJ-Set von Digitalism vor der mit Federn bedeckten Hauptbühne. Auch hier ist fraglich, warum die beiden nicht eine eigene Performance bieten konnten, das hätte die Massen vielleicht noch einmal motiviert. So fanden sich die meisten beim Kickern, dem Asphalt des Gatebereiches oder in den noch leeren Tanzflächen im Inneren wieder.
Insgesamt machte das Berlin Festival erstmal Lust auf mehr: Auf mehr gute Bands, ausgewogeneres Programm und mehr Stimmung auch zu später Stunde, mehr Einbindung des Flughafen Tempelhof. Dazu sollte dringend am schlampigen Sound und der dazugehörenden Organisation gearbeitet werden. Der Anfang ist gemacht und mit vielen Zuschauern konnte ein Erfolg gefeiert werden. Wenn jetzt, ähnlich wie beim Melt!, stetige Verbesserungen folgen, kann daraus bald ein gutes Festival entstehen. Wir sind gespannt.
Artikel von: Jesse Benjamin und Kai Töpel