Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Ambientfestival - „Zivilisation der Liebe“
Interpret:
Various Artists
Datum:
19.01.2012
Lokation:
Köln, St. Aposteln Basilika
Autor:
Christopher Szwabczynski
Steinfeld, 25.01.2012
Der Eröffnungsabend des siebten Ambientfestivals von Eventlabel E‘de Cologne, bietet einen bizarr schönen Anblick. Scheinwerfer bestrahlen die Gotik der St. Aposteln Basilika am Kölner Neumarkt mit Blau- und Rot-Tönen. Kein Altar befindet sich am Kopf der Besucherreihen, schon gar kein Priester. Drei Plattenspieler und ein DJ. Geo vom Kölner Techno Label Kompakt legt Ambientplatten auf. Behutsam nimmt er die Kopfhörer beiseite und arbeitet an den Reglern. Ein tiefer Bass erfüllt den Westbau der romanischen Kirche und die Besucher selbst, bevor das Vinyl ausklingt und Stille eintritt.
Vom 19. bis zum 22. Januar fand sich das Ambientfestival von Veranstalter Dietmar Saxler zum siebten Mal im St. Aposteln ein. 2012 wurde zur magischen Sieben zwar auch nur mit Wasser gekocht, aber eben ein bisschen schöner, besser und voller. Denn spätestens mit dem Symposium und der Festivalparty kam diesjährig zur Seele, eben auch Körper und Geist hinzu. Dass dabei anfällige Besucher der „Zivilisation der Liebe“ — der schmucke Beiname des Festivals — vom satten Kulturprogramm, weit mehr als nur berieselt worden sind, sondern vielmehr eine Sensibilisierung erfahren haben, ist das magische Element dieser Veranstaltung. Die transzendente Besinnungsreise auf die sich die Gäste Saxlers eingelassen haben, war besinnlicher als so manch Weihnachtsfest.
Während dem viertägigen Festivals, fällt eines immer wieder subtil auf. Die Gegenüberstellung von Technik und Klassischer Kunst scheint dann beinahe omnipräsent. Die Lichtinstallationen des in Berlin lebenden Videokünstlers Lillevan Popjoy umhüllen die Gotik. Gelegentlich erwischt man sich dabei, den Blick vom Künstler zu heben und sich in den mäandernden Lichtspielen zu verlieren, die sich um die Gewölbe winden. Die Symbiose wird perfekt, als der britische Pianist John Tilbury und Marcus Schmickler mit Laptop auf auf dem Schoß auf einem kleine Hocker neben dem Piano sitzend, verkopfte Geräuschmusik in die Aula der Basilika legen. Eine Symbiose aus Elektronik und Mechanik, aus Stille und Klang. Entschleunigung, die zwingend angenehm ist, und bitter nötig war.
Doch ob abendländisch oder modern. Nicht nur der Radiomoderator Klaus Fiehe, Professor für Geschichte der Kirchenmusik Wolfgang Bretschneider und Till Kniola stellen im Symposium, der Diskussionsrunde „Die Transzendenz in der Musik“ fest, dass die Pause einen eminenten Stellenwert in der Musik einnimmt; auch wenn dieser in zeitgenössischer Musik von vielen verloren geglaubt scheint. Die Stille der Pause rückt zum Protagonisten des gesamten Festivals. Während seines Konzerts betont Nils Frahm — einer der vielversprechensten Nachwuchskomponisten und derzeitiger Star des Sujets — leise und fast ängstlich die Stille des Raums zu unterbrechen: „Es ist verrückt hier!“. Die Kulisse und ihr Klang seien einmalig. Man meint, den Moment vor dem ersten Schlag genießt der Berliner jetzt erst recht.
Die Konzerte in der St. Aposteln Basilika brillieren tatsächlich besonders wegen ihres Klanges. Das Sound wirkt wie etwas Statisches. Er scheint aus keinem Lautsprecher zu tönen, sonder einfach da zu sein. Turmhoch wie die Säulen der Kirche klingen die Akkorde und Geräusche. Eindrucksvoll und mit Nachhall bleibt das diesjährige Ambientfestival der E‘de Cologne in Erinnerung. Eine Wahrheit, die die Besucher mit auf den Weg bekommen: „Wenn ich keine Musik höre fehlt mir etwas. Wenn ich Musik höre fehlt mir erst recht etwas.“.
Video: „7. Ambientfestival - Zivilisation der Liebe“