Kategorie:
Festivalbericht
Titel:
Bang Bang c/o pop 2010
Datum:
23.06.2010
Lokation:
Köln
Autor:
Crazewire Redaktion
Köln, 12.07.2010
Als die c/o pop vor sieben Jahren in die Fußstapfen der Popkomm getreten ist, hatte wohl niemand geglaubt, dass ein progressiver Anstieg von Jahr zu Jahr stattfinden würde und die Popkomm schnell vergessen wird. Dieses Jahr konnte das c/o pop Team gleich ein Bündel von Erfolgen feiern: Das Convention-Programm hat mit der C'n'B ein erfolgreiches neues Label gegründet, der Aufstieg auf das nächste Niveau ist geglückt und nun kann man beruhigt auf ein glorreiches Festival zurück blicken. Und dabei ging es schleppend los.
Geradezu ernüchternd begann das Festivalprogramm der c/o pop. Nach einer feierlichen Eröffnungsfeier mit Freibier und Hors d'oeuvres konnte man sich in die erste Runde stürzen. Für viele ging es bedingungslos zurück in die Opernterassen, wo Erinnerungen der vergangenen c/o pop auf kamen. Hier hat man ein legendäres Konzert von Who Made Who während der Danish Entourage gefeiert, Marcin Öz über „Do It Yourself" grübeln sehen und ist mit Gui Boratto auf der Total Confusion dem Sonnenaufgang entgegen geflogen. Dieses Jahr sollten die Opernterassen mit einem Heimspiel eingeweiht werden. Klee aus Köln meldeten sich aus ihrer Schaffenspause zurück und spielten ein exklusives Clubkonzert, kurz vor Veröffentlichung ihres neuen Albums. Der Einzug ins Achtelfinale war sicherlich auch ein Grund, weswegen sich der Club an einem Mittwoch gut füllte und man in ausgelassene Gesichter schauen konnte, bereits vor dem Konzert. Klee spielten sicher ein solides Konzert, der Funken wollte aber nicht recht die ersten frenetisch feiernden Reihen überspringen. Und Witze über leicht infantile Fußballverrückte hätten auch nicht sein müssen.
Der Abend war noch sehr jung und im Programm stand noch eine satte Liste, gefüllt mit DJs, die verschiedene Parties beschallen sollten. Das Coco Schmitz lud zur „I'm Single" Label Night ein, mit viel Disco, handgemacht vom Norweger Vinny Villbass. Uns trieb es jedoch auch an der Magazin Opening Night mit Cologne Tape und PNN vorbei, hin zum Club Bahnhof Ehrenfeld auf die Robots Nitedrive Disco. Was man dort jedoch vorfand war eher traurig. Ein Haufen DJs legen ohne Computer, nur mit zwei Plattentellern auf und bieten klassischen Detroit-Techno und lediglich eine Hand voll Menschen sind anwesend - die Vuvuzela spielenden Betrunkenen vor dem Eingang nicht mit gezählt. Uns hielten unter solchen Umständen nicht einmal die satten Beats im Gewölbe, sodass der Rückzug nach weniger als fünf Minuten unausweichlich erschien. Der erste Mittwoch lies das diesjährige Motto „A New Date!“ verblassen und weichte eher einem solchen: „Stell dir vor es ist c/o pop, und keiner geht hin.“ Ein einziges Highlight gab es am Mittwoch jedoch schon. Shantel brachte mit seinem Bucovina Club Orkestar das ausrangierte Kino Gloria zum kochen. Elf osteuropäische Instrumentalisten zeigten dem Kölner Publikum, wie man am Balkan so richtig feiert. Und somit hieß es „Disco, Disco Partizani“ und die Hüte flogen, die Wände wackelten, die Decke tropfte und die Fahnen wehten. Dass den einschlägigen Konkurrenzveranstaltungen, namentlich der Autokorso auf den Kölner Ringen und die gelangweilte Horde Techno-DJs auf den Festivalparties, somit der Garaus gemacht worden ist, bleibt unverwunderlich, immerhin wummerten die harten Balkanbeats aus dem Herzen der Stadt durch den ganzen Kölner Organismus. Dank Shantel fand der schwache Festivalauftakt schließlich doch noch seinen Höhepunkt.
Für Niedergeschlagenheit war sowieso keine Zeit, denn das Aufgebot des zweiten Tages ging steil. Nicht nur die C'n'B, die den gesamten Vor- sowie Nachmittag mit unzähligen Workshops, Panels, Diskussionen und Vorträgen ausfüllte, sonder eben auch die Abendgestaltung war mit einem stattlichen Konzert- und Partyprogramm ausgestattet. Am Donnerstag hieß es dann auch endlich wieder ganz c/o pop-typisch: „Qual der Wahl." Angefangen hat es für uns an diesem Abend im Bogen 2, dem Kölner Club am Hauptbahnhof, indem allmonatlich die legendäre Total Confusion statt findet. Mit dem Technolabel Kompakt hatte dieser Abend zwar nichts zu tun, dennoch wird er uns länger in Erinnerung bleiben. Den Support machten die drei Kölner Dreikäsehochs The Pollywogs. Überzeugen konnten sie auch den nicht einmal zur Hälfte gefüllten Club mit ihrem eher störenden Versuch die großen Rockstars zu miemen nicht. Ihr Rock irgendwo zwischen Guns N' Roses und den Strokes mit gelegentlichen Kreischausbrüchen war eher lächerlich. Dann lieber doch noch ein Bier in der Abendsonne, die ja das Phoenix und James Yuill Konzert auf dem Parkdeck der Kölnmesse zu einem großartigen Erlebnis gemacht hat. Dann wusste man auch plötzlich, warum das Gloria Theater, der Bogen 2 und auch der Stadtgarten nicht richtig gefüllt waren, denn alle standen auf der anderen Rheinseite in der Sonne. Wir haben uns jedoch auf der Domplatte niedergelassen und ein kleines c/o pop Kontrastprogramm genossen. Straßenmusiker mit MGMT, Oasis und The Swell Season Mash-Ups sieht man ja auch nicht alle Tage. Doch zurück im Bogen begann der erste Hype an diesem Abend, seine Melodien an die Köpfe der Zuschauer zu werfen. Post War Years überzeugten mit ihrem synthetischen Post-Punk, obwohl die Tanzfläche immer noch nicht wirklich dicht bevölkert und die Sonne noch nicht gänzlich verschwunden war. Einstimmen auf den Mainact Crystal Fighters konnte man sich bei den rotzigen Popsongs versehen mit Punk-Allüren allemal. Das Licht ging aus, der Kunstnebel schwirrte um die Köpfe der Zuschauer, dicht gefolgt von den bretternden Rhythmen des englisch-spanischen Dreigespanns. In diesem Fall, hatte die englische Musikpresse sogar Recht, dass Crystal Fighters zurzeit die aufregendste Live-Show in der Dance Musik bieten. Die Mischung aus Elektronica, Punk und baskischer Folklore ließ die wenigen Zuschauer und das Bahnhofsgewölbe beben und kann als erstes wahres Highlight der c/o pop zu verbuchen sein.
Lange konnte man bei einem solchen Line-Up nicht an einer Stelle verweilen, schnurstracks ging es in den Stadtgarten, wo der Internationalpark bereits im vollen Gange war. Zur nicht mehr ganz frühen Stunde füllte sich das Studio 672 angenehm und selbst James Yuill höchst persönlich ließ es sich nicht nehmen, die Casiokids auf der Bühne zu bestaunen und eifrig ihr gesamtes Set durchzutanzen. Gleich neun Bands und zwei DJs waren allein für diesen Programmpunkt angesetzt, sodass man fleißig zwischen dem Konzertsaal und dem Club im Keller des Stadtgartens pendeln konnte, beziehungsweise musste. Glitterbug & Ronnie Shendar, die man noch gut von der vorjährigen c/o pop in Erinnerung hatte, gestalteten den Abschluss des Internationalparks. Der in Köln lebend Till Rohmann und sein Experimental-Electro-Projekt Glitterbug, das mit der Israelischen Videokünstlerin Ronnie Shendar komplettiert wird, bot wiedermal eine ideale Grundlage, um in Trance zu versinken. Das man die Anzahl der Zuschauer an einer Hand abzählen konnte, versuche ich jetzt mal zu vergessen. Ein Lächeln zwischen dem mit wippenden Traumduo hat diese bittere Tatsache so oder so wett gemacht. Sie hatten ihren Spaß und wir von Crazewire hatten den unseren. Mitten in der Nacht ging es abschließend ins schweißnasse Roxy, um die To-Do-Liste gänzlich abzuhaken. Ein nun wohl alljährliches Muss ist die vergangenes Jahr debütierende Cómeme Night. Nicht nur Label-Gründer Matias Aguayo, der uns am folgenden Abend schon wieder wilde Beats um die Ohren schmeißen sollte, sondern auch die Mexikaner Rebolledo ließen die Temperaturen mit ihrem psychedelic Techno steigen und steigen. Der Roxy-Effekt – die Hose fühlt sich an wie Feuer und dein T-Shirt ist tropfnass – und die Cómeme Night sind bereits jetzt schon Legendär.

Spätestens nach diesem furiosen Donnerstag war die c/o pop in voller Fahrt und duldete keine Zeit zum Luft holen. Der Freitag ließ die Kinnlade weit runter fallen bei dem Anblick auf das Angebot an Konzerten und Partys. Von dem nie enden wollenden Zeitplan der C'n'B, der an diesem Freitagvormittag gar Gangster-Rapper Sido zu Wort kommen ließ, ganz zu schweigen. Von uns Berichterstattern wurde große Ausdauer im Hopping zwischen den Venues verlangt, die sich über die gesamte Stadt verteilen. So durfte man sich das Hamburger Trio 1000 Robota, die den Bogen 2 bespielten nicht entgehen lassen. Nach ihrem Debütalbum „Du Nicht, Er Nicht, Sie Nicht“ folgte der große Hype, der bis zur englischen Presse reichte und ihre Hamburger Schule 2.0 in höchsten Tönen lobte. Viel Zeit ist seitdem vergangen, sodass das Publikum an diesem Abend neue Songs im Set erspähen konnten und wieder einmal eine ordentliche Rockshow geboten bekam. Doch nicht nur 1000 Robota waren ein Grund sich in den Bogen 2 zu begeben, sondern auch die Wiener von Ja, Panik und Hans Unstern lockten mit ihren Tönen. Ja, Panik kamen passend zur Hamburger Schule mit einer ganz neuen Schule daher, mit fein gesponnenen und sprachgewaltigen Songs, versetzt mit Zitaten aus 60 Jahren Popkultur. Das Line-Up wollte es so, man musste los in die Opernterassen, in denen The Ruby Suns aus Neuseeland ihre Afrobeat-Beach-Boys Songs aufgerollt hatten und die Leute anheizten. Viel versprechend und Lust auf mehr machend verließ der Support die Bühne und machte Platz für The Go! Team. Spätestens dann standen die Opernterassen in Flammen und wurde von der herum springenden und wild tanzenden Frontfrau angefacht. Die Band um Mastermind Ian Parton vereint so geschickt Oldschool-HipHop mit 70s-Funk und Cheerleadergesang wie kaum eine andere Band und schaffen damit einen tanzbare Grundlage zum gepflegten Abspasten. Nicht nur der Band standen die Schweißperlen im Gesicht, es war Gymnastik-Funk in der Luft.
Kaum war das eine Konzert vorüber trieb es einen wie im Bann in den nächsten Club, in diesem Fall wieder der Stadtgarten, der die nächste Runde Internationalpark beherbergte. Kismet aus Utrecht, der Post-Rock Band des herzlichen Temy von Paper Tiger rockten neben Bands wie We Vs. Death, den Woodhands, Bonjay und Diamond Rings. Der holländisch-kanadische Abend wurde abwechslungsreich von Gitarrenriff bis zu Housebeat gestaltet und versah den Stadtgarten mit neuen Erinnerungen. Da machte es auch nichts, dass man nicht mehr ins Gloria gelangte, um die Spex Live mit Caribou, Robyn und Bonaparte zu sehen. Von Freunden wurde mir gesagt, dass Caribou den Maßstab beim Kölner Konzertangebot deutlich angehoben hat. Da Ablenkung ja gegeben war, vergaß man schnell, nicht anwesend gewesen zu sein, beim ersten ausverkauften Konzert dieser c/o pop. Danach kurz im Sensor Club vorbei, um die jungen Sizarr aus Landau zu begutachten. Die Euphorie um diese Band ist berechtigt. Für eine Weile auf ein Bett voller Konfetti und Seifenblasen gelegt, der Abstecher beim ersten Teil Liebemachen hat sich gelohnt.
Immer noch keine Zeit zu vergeuden, denn die Kompakt 3000 stand mit beiden Tanzfüßen im Kölner Szeneclub Papierfabrik und leitete eine schlaflos Nacht ein. Gleich vierzehn Attraktionen ließen keinen Gedanken an Schlaf zu und lieferten überdies Technogrößen wie Matias Aguayo, Gui Boratto und Robag Wruhme, sodass einer durchtanzen Nacht in einer der europäischen Technohochburgen nichts im Weg stand. Schon beim Londoner Kompakt-Neuzugang Walls wurden die Hände im Hauptraum der Papierfabrik in die tropische Hitze gehoben und die Luftfeuchtigkeit stieg und stieg. Der Zenit wurde dann wohl bei Matias Aguayo erreicht, der zum ersten mal mit eigener Band auftrat, was sich auszahlte. Als ich ihn auf dem Off Centre Festival in Amsterdam auflegen sah war ich mehr als enttäuscht. Das hat er mit dem Auftritt hier bei der c/o pop wieder wett gemacht. Zum Highlight wurde dann aber letztendlich Gui Boratto, der mit seinem Set die Zuschauer zum ausflippen brachte. Die Tatsache, dass er seinen Megahit „Beautiful Life“ nur im Ansatz anklingen ließ war besser als jedes Radiohead-Konzert, in dem nochmal „Creep“ gespielt wird. Bis zum Schluss hatte man diese innerliche Aufregung, das im nächsten Augenblick die Papierfabrik in die Luft geht und die Leute über ihre Köpfe springen, doch dann waren plötzlich die Regler unten und ein Gefühl von Ewigkeit machte sich breit. Ein großartiger Moment, der sich sicherlich über Stunden hinweg zog, man hatte sein Zeitgefühl schon lange verloren.
Der Montag wurde dann endgültig dem Abschluss eingeräumt, der mit Aufgang und Bugge Wesseltoft & Henrik Schwarz Duo ein glorreicher werden sollte. Das alles dann auch noch in der wunderschönen Philharmonie, also zurecht große Abschlussgala getauft. Das letzte Bier hat geschmeckt, der Support konnte beginnen. Aufgang brachten zwei Flügel und ein Schlagzeug samt Drumcomputer mit und kreierten ihren Klassik-Techno. Bedauerlicherweise musste man in seinen Plätzen bleiben, sodass man lediglich frenetisch wippende Köpfe sah anstatt in die Höhe gerissene Hände und schwingende Hüften. Selten etwas so Innovatives gesehen, versehen mit Partitur und Schweißflecken. Halbzeit, dann das wirklich letzte Bier und Bugge Wesseltoft konnte loslegen. Der Jazz-Inovator und die House-Ikone Henrik Schwarz brachten mit ihrem Duo etwas völlig Neuartiges auf die Bühne, irgendwo zwischen Detroit-Techno und Free-Jazz. Nach einer gefühlter Ewigkeit ging es mit einem Lächeln und müden Augen Richtung Heimat, die c/o pop in guter Erinnerung.
Artikel von: Christopher Szwabczynski und Maximilian Burk